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Blick vom Söllgraben auf Langenpreising: Helmut Lahr tippt, dass das Bild zwischen 1905 und 1910 entstanden sein muss. „Zu dieser Zeit gab es reisende Fotografen, die die Familien vor deren Anwesen ablichten“, erzählt er.

Neues Buch von Heimatforscher Helmut Lahr

Die Langenpreisinger Geschichte in Bildern

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Der Heimatforscher Helmut Lahr hat ein Buch über die Geschichte Langenpreisings veröffentlicht. 100 Jahre, festgehalten auf 200 Seiten.

Langenpreising – Manchmal sagen Bilder bekanntlich mehr als 1000 Worte. Mit dem Foto, das Helmut Lahr gerade in seinem neuen Buch „Langenpreising im Wandel der Zeit“ betrachtet, ist das ähnlich. Zumindest für schon etwas ältere Langenpreisinger, die den alten Fußballplatz an der Deutlmooser Straße noch von früher kennen. Und für Lahr, 64, der sich die Geschichten hat erzählen lassen.

Der Fußballplatz an der Deutlmooser Straße in den 1950er Jahren lag in einer Kiesgrube. Das Feld war dafür eigentlich zu groß und ragte über die Straße.

Das Bild zeigt ein Spiel auf dem alten Fußballplatz an der Deutlmooser Straße in den 1950er Jahren, der sich in einer Kiesgrube befand. Doch die war nicht groß genug für das Spielfeld. „Ein Eck vom Platz ging über die Straße“, erzählt Lahr. Das war freilich ein bisserl brenzlig, wenn etwa ein Auto daherkam und der Ball ganz in der Nähe war. „Dann mussten sie anhalten mit ihrem Gefährt oder mit dem Fußball spielen aufhören. Oder sie fuhren einfach durch, und sie spielten weiter. So genau weiß ich’s nicht“, erzählt Lahr und muss lachen.

100 Jahre Gemeindegeschichte in Bildern

Wie es genau war, ist in dem neuen, 200 Seiten starken Hardcover-Buch auch gar nicht so wichtig. Denn darin lässt der Heimatforscher aus Langenpreising, der seit mittlerweile 45 Jahren in Garching lebt, fast ausschließlich die Bilder sprechen. Bilder, die die Entwicklung Langenpreisings in den vergangenen rund 100 Jahren dokumentieren. Zahlreiche Ansichten, vor allem von Anwesen im Laufe der Zeit, finden sich darin. Versehen mit einem kurzen Texthinweis, um welche es sich handelt, geordnet nach Kapiteln wie „Rund um die Martinskirche“ oder „Im Oberdorf“.

Der Maurer mit dem Fotoapparat

Die Bilder stammen zum Großteil aus dem Archiv des Langenpreisinger Urgesteins Josef Kriegmair. „Ich wollte den Sepp ehren und meinte zu ihm: ,I mach da a Buach draus!‘“, erzählt Lahr. Gesagt, getan. Denn damit kennt sich der Hobbyhistoriker, hauptberuflich Maschinenbauingenieur im Ruhestand, bestens aus. Acht Bücher hat er mittlerweile verfasst, hinzu kommen drei Kirchenführer. Doch dazu später mehr.

Ein einschneidendes Erlebnis für seinen Mitstreiter, den Langenpreisinger Orts- und Gemeindechronisten Kriegmair, der heute 82 Jahre alt ist, ereignete sich 1956 auf einer Lehrfahrt nach Südtirol. „Diese schöne Natur dort im Bild festzuhalten, war mein Traum“, blickt Kriegmair zurück. Damals reichte das Geld allerdings nicht für eine Kamera. Als es dann doch irgendwann langte, war der Apparat fortan immer an seiner Seite. Als Maurer kam Kriegmair viel herum. „Ich begann, viele der alten Häuser und Anwesen in der Gemeinde Langenpreising im Bild festzuhalten“, erinnert sich der 82-Jährige. Zunächst fand sein großes Archiv schon in der Ortschronik zum 1250-jährigen Jubiläum der Gemeinde Verwendung.

Liebster Rechercheort: Staatsbibliothek in München

Und nun folgt eben die Zusammenarbeit mit Lahr, der es liebt, in der Geschichte zu stöbern und sein Wissen in Büchern zusammenzufassen. Das tut er schon seit vielen Jahren. „Ich war mit dem Studium fertig und dachte mir: ,Das kann’s jetzt nicht gewesen sein mit dem Lernen.‘ Ich habe Geschichte schon als Schüler gerne gemocht und viel gelesen“, erinnert sich Lahr, der irgenwann damit begann, die Historie von Familien zu recherchieren und Stammbäume zu erstellen. Sein liebster Rechercheort: die Staatsbibliothek in München. Dort pflügt sich Lahr etwa durch unzählige alte Zeitungen. „In sechs Stunden schaffe ich ein Quartal“, erzählt der 64-Jährige. „Da entdecke ich so viele Sachen. Jetzt habe ich so viel, dass ich es irgendwann mal ausarbeiten muss.“

Alle möglichen Geschichten kommen Lahr im Gespräch mit unserer Zeitung in den Sinn. Ein Buch über Mord und Totschlag, dafür hätte er schon einiges an Material gesammelt, erzählt er. Lahr erinnert sich etwa an den Bericht über einen Obstdieb, der während des Ersten Weltkriegs den von ihm bestohlenen Bauern erschoss.

Das ist eine der vielen Geschichten, die Lahr noch gerne für die Nachwelt zusammenfassen würde. In seinem neuen Bildband – die Betonung liegt auf Bild – muss er aber großteils auf jene Geschichten dahinter verzichten und eben nur die Fotos sprechen lassen. Nur einmal, gesteht Lahr, konnte er mit seinem Wissen nicht ganz an sich halten. „Da kam der Lehrer aus mir raus“, erzählt er schmunzelnd. Zum Langenpreisinger Westend hat er auf Seite 172 nämlich ein paar Absätze verfasst. Bis 1911 markierte die alte Großselmer-Kapelle den westlichen Ortsausgang von Langenpreising, was heute kaum vorstellbar ist. Viel hat sich in den 100 Jahren danach getan, und Lahr hat es sich nicht verkneifen können, auf die baulichen Veränderungen in dem Bildband hinzuweisen.

Die Großselmer-Kapelle (Bild von 1956) markierte bis 1911 den westlichen Ortsausgang von Langenpreising.

Hitler-Eiche am Dorfplatz

Ein kleiner Hinweis findet sich auch im Kapitel zur Plattachmühlstraße. Dieses beinhaltet ein Foto um 1937, das die sogenannte „Hitler-Eiche“, eine Blautanne, auf dem Dorfplatz zeigt. Lahr zitiert aus der Presse von 1933: „Am 10. Mai wurde von der neugegründeten SA-Anwärter- und NSBD-Mannschaft eine Hitler-Eiche gepflanzt, welche von Herrn Bürgermeister Pflügler zum vorgesehenen Platz gebracht wurde. Viele Ortsangehörige hatten sich bereit erklärt, das Material für die Umzäunung zur Verfügung zu stellen.“

Mit sein Lieblingsbuch aus dem eigenen Schaffen ist das bereits vergriffene „Katholische Pfarrei Berglern – Ein Streifzug durch die Pfarrgeschichte“ aus dem Jahr 2013. Ein sehr aufwendiges, über 400 Seiten starkes Buch mit unzähligen Daten und Fakten. Beispielsweise findet sich darin die Entwicklung der Zahlen von Erstkommunion, Firmlingen oder Taufen, aber auch die Namen von Pfarrern und weiterem geistlichen Personal im Laufe der Jahrhunderte. Bis 846 geht die Liste zurück.Über die Kriegszeit hat Lahr bereits viel geforscht. „Langenpreising im Ersten Weltkrieg – Die Kriegsopfer der Gemeinde 1914 – 1918“ heißt ein von ihm veröffentlichtes Buch aus dem Jahr 2018, über das unsere Zeitung ausführlich berichtet hat.

Pfarrchronik von 1839 bis 1977: Peinliche Details für die Kirche

Unterhaltsam sind in dem Buch jedoch vor allem die vielen kleinen Geschichten, etwa von einem Klerus-Vertreter, der den Burschen gerne auflauerte. Als sie vom Fensterln zurückkamen, wurden sie von ihm verdroschen, erzählt Lahr.

Das größte Kapitel widmet sich der historischen Pfarrchronik von 1839 bis 1977. Pfarrer Georg Braun legte diese im Jahr 1888 an und hatte Sorge, dass seine Nachfolger das Werk eventuell etwas zu genau fortschreiben könnten – mit peinlichen Details für die Kirche. Deswegen schrieb er in der Vorbemerkung, dass zu beachten sei, „dass die Chronik möglicherweise in Laienhände geraten kann“. Daher empfehle sich, „Notizen, welche missbraucht werden könnten, entweder zu unterlassen oder in lateinischer Sprache abzufassen“.

„Hirnschale eingeschlagen“

Dennoch findet sich auch so reichlich Pikantes in der Chronik. Im September 1889 schreibt Pfarrer Braun über eine Rauferei in Berglern, bei der einem Glaslerner „die Hirnschale eingeschlagen“ worden sei. Die Namen hat Historiker Lahr in seinem Buch anonymisiert. Der Täter habe drei Monate ins Gefängnis müssen, das Opfer sei mit dem Leben davongekommen. „In beiden Fällen waren Täter und Beschädigter vorbestrafte Säufer und schlecht beleumundete Männer“, schreibt Pfarrer Braun.

Beliebte Geschenke des Pfarrers

Viele Geschichten aus Langenpreising fasst Lahr außerdem in seinem Werk „Wie die Knödel an die Decke kamen“ von 2018 zusammen. Titelgebend ist ein Gerücht, mit dem Lahr bezüglich der Flutkatastrophe von 1931 und des Dammbruchs von Appolding aufräumt. Beim Unterbauern hätten die Wassermassen das Anwesen derart überflutet, dass die aufgetischten Speisen durch das Wasser bis knapp unter die Zimmerdecke angehoben worden seien – also auch die Knödel. Lahrs Recherchen zufolge kann das Wasser aber gar nicht so hoch gestanden sein. Und Geschichtsklitterung gefällt dem Hobbyhistoriker so gar nicht, weswegen er das Gerücht in seinem Buch anzweifelt.

Von Lahrs aufwendigen Arbeiten profitiert übrigens auch die Pfarrgemeinde. Pfarrer Gregor Bartkowski verschenkt bei Geburtstagsbesuchen unter anderem sein Buch „Andachtsbildchen aus Langenpreisinger Familiensammlungen“. Demnächst – der genaue Termin steht noch nicht fest – bringt Lahr, wieder im Selbstverlag, sein mittlerweile achtes Buch „Wartenberg in alten Ansichten“ heraus. Kürzlich hat er dazu einen Vortrag in Wartenberg gehalten. Es dürfte nicht sein letztes Werk sein.

Die Vorfahren Helmut Lahrs: das Kuffer-Anwesen zwischen 1908/10 mit seinem Großvater Josef (1887-1972), Uropa Josef (1843-1927) und Uroma Maria Lahr (1845-1910).

Das Buch...

... „Langenpreising im Wandel der Zeit“ gibt es für 20 Euro bei Josef Kriegmair an der Prisostraße 10 in Langenpreising; Tel. (0 87 62) 26 74.

Markus Schwarzkugler

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