Fürchtet um den Bestand ihrer Bäckerei: Christine Bauer (l.), eine der Organisatoren der Kundgebung in Lengdorf. 
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Fürchtet um den Bestand ihrer Bäckerei: Christine Bauer (l.), eine der Organisatoren der Kundgebung in Lengdorf. 

Protestkundgebung

Angst vor dem Lengdorfer Gewerbegebiet

120 Lengdorfer haben gegen eine Ansiedlung von Betrieben an der Autobahn demonstriert.

Lengdorf – Rund 120 Lengdorfer besuchten die Veranstaltung der Initiative, die gegen Discounter, Tankstelle und Hostel im erweiterten Gewerbegebiet an der Autobahnausfahrt vorgehen will. Bereits 2018 hatten die damalige Bürgermeisterin Gerlinde Sigl und der Gemeinderat einen Vertrag mit einem Münchner Investor über die zukünftige Entwicklung des Gewerbegebiets unterzeichnet. Einzelheiten dieses Vertrags sind nicht bekannt.

„Unsere Veranstaltung ist keine Protestdemo gegen die Gemeinde. Wir wollen nur aufzeigen, dass wir letztlich alle draufzahlen und die Geschäfte im Ortskern vernichten“, beschreibt Jens Gloede die Ängste vieler Lengdorfer. Eine von denen, die Angst haben, sollten Penny, Agip und Co. im Gewerbegebiet einziehen, ist Christine Bauer. Angst, dass ihre Bäckerei die Konkurrenz durch Discounter und Tankstellenshop zu spüren bekommt.

Sie hat aber auch die Befürchtung, dass sich Lengdorf durch die geplanten Geschäfte und Dienstleistungsunternehmen an der Autobahn verändert, dass es seine dörfliche Struktur verliert, der Verkehr zunimmt und die Kinder nicht mehr wie bisher im Ort spielen können. Deswegen hat sie nicht nur den Brief an Bürgermeisterin und Gemeinderat unterzeichnet, in dem die Befürchtungen der Bevölkerung artikuliert werden, sie steht auch bei der Veranstaltung am Mikro.

Bauer ist neben Organisatorin Christine Riedl, Evi Kierner, Thomas Spiegl, der für Landwirt Bernhard Karrer spricht, Jens Gloede, Franz Obermeier und Hermine Spiegl eine der Rednerinnen. Während Riedl in ihrer Eröffnung darauf eingeht, dass „nicht viele Informationen“ bekannt seien und man Discounter, Tankstelle sowie Hostel nur im Gesamtpaket bekomme, hatte Karrer die Landwirtschaft im Blick. Statt Discounter wünscht er sich einen Dorfladen, auch wenn er weiß, dass der „kein Selbstläufer sein wird“. Regional erzeugte Produkte könnten zunächst auch über einen Automatenverkauf vermarktet werden, schlägt er vor.

Am Plan für das Gewerbegebiet kritisiert er nicht nur Flächenversiegelung. Auch dass durch das Hostel Landwirten und Privatpersonen die Möglichkeit genommen werde, Urlaub auf dem Bauernhof oder Zimmer anzubieten, hat er im Blick. Für einen Dorfladen spricht sich auch LOS (Lengdorf Oekologisch Sozial)-Gemeinderat Obermeier aus. „Regional statt billig, gemeinwohlorientiert statt Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt“ sind für ihn die Kriterien, die für die künftige Nutzung des Gewerbegebiets ausschlaggebend sein müssten.

Den finanziellen Aspekt rückt Gloede in den Mittelpunkt seiner Rede. Durch die geplante Nutzung lasse sich keine Gewerbesteuer generieren, sagt er. Da die MItarbeiter in der Regel nur geringfügig beschäftigt seien, falle auch keine Einkommensteuer an. „Mit Minijobs und externen Dienstleistern kommt nichts rein“, bilanziert er. Gloede befürchtet, dass die Kommune stattdessen auf den nötigen Ausgaben für Feuerwehr, Trinkwasserversorgung und Abwasserreinigung sitzen bleibt: „Für den Kiga-Ausbau, die Ortskernsanierung oder Kultur und Vereine bleibt da nichts übrig.“ Er schlägt vor, statt dem Investor-Paket auf der rund ein Hektar großen Gewerbefläche acht Gewerbeparzellen mit „echten Arbeitsplätzen“ auszuweisen.

Auf die Belastung durch das Hostel geht LOS-Gemeinderätin Hermine Spiegl ein. „Das wird eine billige Mehrbettenabsteige für Wanderarbeiter und Lkw-Fahrer“, behauptet sie. „Wir sollten auch bedenken, dass wir beim Abendspaziergang nicht mehr nur unseren Nachbarn begegnen“, spielt sie auf Lastwagenfahrer an, die in ihren Fahrzeugen übernachteten, Kühlaggregate laufen ließen, Lärm verursachten und Müll hinterließen. Kritisch bewertete die Gemeinderätin auch den Discounter. Dessen Sortiment sei so eingeschränkt, dass man dort nur einen Teil der Einkäufe erledigen könne. „Es bedarf viel Arbeit der neuen Bürgermeisterin und des Gemeinderats, das Beste daraus zu machen“, sagt Spiegl.

Bedeckt hält sich Bürgermeisterin Michèle Forstmaier, die die Veranstaltung als Zaungast besucht. Während man bei der Initiative glaubt, relativ einfach aus dem Vertrag aussteigen zu können, kündigte Forstmaier in der jüngsten Gemeinderatssitzung lediglich „Veränderungen“ des Vorentwurfs an.

Anne Huber

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