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Eine Bürgermeisterin zum Anfassen: Gerlinde Sigl beim Seniorennachmittag 2019.

Kommunalwahl

„Erhobenen Hauptes“: Gerlinde Sigls Bilanz nach zwölf Jahren als Bürgermeisterin von Lengdorf

Etwa 100 Stimmen fehlten Gerlinde Sigl zum Wahlsieg. Also musste die CSU-Bürgermeisterin nach zwölf Jahren den Chefsessel im Lengdorfer Rathaus räumen.

Lengdorf – Eine Einkaufsmöglichkeit am Ort, die Vergrößerung des Gewerbegebiets, der Ausbau der Kinderbetreuung und die Neugestaltung der Ortsmitte – diese und weitere Themen hatte Gerlinde Sigl auf der Agenda, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet. Nach ihrer Abwahl sind das aber nun Aufgaben ihrer Nachfolgerin Michèle Forstmaier. „Wir leben in einer Demokratie, die Bürger haben entschieden, ich kann mit dieser Entscheidung leben“, resümiert Sigl.

Im Gemeinderat wird sich die 58-Jährige nicht mehr für ihre Vorstellungen stark machen, mit der Ablehnung des Mandats hat sie sich aus der Lengdorfer Kommunalpolitik zurückgezogen. „Das wäre nicht gegangen. Es kommt aber auch nicht oft vor, dass ein abgewählter Bürgermeister sich in den Gemeinderat setzt“, sagt sie und ergänzt mit einem Lachen: „Ich werde mir stattdessen künftig das Ganze ganz entspannt von außen anschauen.“

Auf Kreisebene wird die Lengdorfer Ex-Bürgermeisterin allerdings noch mitmischen. Mit fast 36 000 Stimmen und damit den sechstmeisten auf der CSU-Liste hat sie es wieder in den Kreistag geschafft. Woran liegt es also, dass sie trotz offensichtlicher Popularität das Bürgermeisteramt verfehlt hat? „Ich hab die Autobahn abgekriegt“, sagt die 58-Jährige, die in der Gunst der Wähler nicht mit ihren guten politischen Kontakten in Kreis und Land punkten konnte. Außerdem habe eine „Euphorie des Neuen“ geherrscht, lautet ihre Analyse.

„Ich war immer gerne Bürgermeisterin“, betont Sigl. Dass ihr ohne das Ehrenamt langweilig werden könnte, befürchtet sie allerdings nicht. Zusammen mit ihrem Mann Alois führt sie ein Bau- und Fuhrunternehmen, dem sie jetzt wieder mehr Zeit widmen könne. Und auch ihren Freundschaften könne sie jetzt, da auch ihr jüngster Sohn mit seinen 17 Jahren schon sehr selbstständig sei, wieder mehr Aufmerksamkeit schenken. Eine Genugtuung sei, dass sie das Rathaus „erhobenen Hauptes“ verlassen könne.

Als Sigl das Amt 2008 übernahm, hatte Lengdorf fast acht Millionen Euro Schulden. Die Konsolidierung des Haushalts sei die größte Herausforderung gewesen und habe deswegen vor allem in ersten Jahren Priorität besessen, sagt sie. Dass Lengdorf trotz neuem Feuerwehrgerätehaus zu Jahresbeginn 2020 nur noch mit 5,2 Millionen Euro in den roten Zahlen ist „und dabei trotzdem vor allem in Straßen investiert hat“, sieht sie als Erfolg.

Finanziell sei man jetzt in der Lage, neue Projekte anzugehen. Dazu gehöre der Umbau der Brückenstraße, um „mit minimalen Mitteln“ wie beidseitigen Gehwegen und Busbucht eine Verkehrsberuhigung zu erreichen. Angekurbelt worden sei bereits der Ausbau der Kinderbetreuung. Erste Machbarkeitsstudien seien bereits in Auftrag gegeben worden. Was daraus wird, kann sie nicht sagen. Auch nicht, wie es mit dem Gewerbegebiet weitergeht, für das sie in Abstimmung mit dem Gemeinderat den Bau von Einkaufsmarkt, Tankstelle und Boardinghouse vorhatte.

Dass ihre Politik trotz mancher Kritik im Wahlkampf „nicht so schlecht gewesen sein kann“, würden ihr die Abstimmungsergebnisse im Gemeinderat zeigen. „Von den 157 Beschlüssen des letzten Jahres wurden 138 einstimmig gefasst.“ Auch wenn in ihrer Amtszeit viel zum Unterhalt der Liegenschaften und dem Ausbau der Straßen getan wurde, die Feuerwehr ein neues Gerätehaus bekommen hat, der Breitbandausbau – wenn auch unverschuldet holprig – auf den Weg gebracht wurde und die Abwicklung des Streits über die Umlegung der Kanalkosten viel Zeit gekostet hat, haftet Sigl der Ruf an, in erster Linie nur verwaltet zu haben.

Die Frage, ob sie rückblickend etwas anders machen würde, verneint sie allerdings. Freilich würde man als Privatperson gern vieles entscheiden, meint sie. Als Kommune sei man allerdings ganz anderen rechtlichen Vorgaben unterworfen. Deswegen glaubt sie auch, dass sich die Wahlkampfforderung nach mehr Transparenz in Verwaltung und Gemeinderat nicht so realisieren lassen könne, wie von vielen gefordert. „Sitzungen, in denen es um Grundstücks- oder Vertragsverhandlungen geht, werden mit Sicherheit auch in Zukunft nichtöffentlich sein“, sagt sie zu dem Vorwurf, zu viel an der Öffentlichkeit vorbei entschieden zu haben.

Ihren größten Erfolg sieht Sigl nicht auf politischer, sondern auf gesellschaftlicher Ebene. „Die größte Herausforderung war, im Ort ein gesellschaftliches Miteinander zu schaffen.“ Dass inzwischen eine größere Harmonie zu spüren sei, sieht sie als ihren Verdienst. Bereits im ersten Jahr ihrer Amtszeit habe sie das Seniorentreffen beim Hoffest des Gasthofs Menzinger eingeführt, inzwischen ist der Nachmittag im August eine beliebte Gelegenheit, um zusammenzukommen und sich zu unterhalten.

Tatsächlich war Sigl auch eine Bürgermeisterin zum Anfassen. In ihrem Element war sie bei Festen und Gratulationen. Vor allem bei den Lengdorfer Altersjubilaren sei sie immer gern gewesen, erzählt sie. „Ich bin immer auf jeden zugegangen, ob alt oder jung“, beschreibt sie sich. Dass Corona verhindert habe, sich von ihren Mitarbeitern und den Gemeinderäten zu verabschieden, bedauert Sigl sehr. „Ich hoffe, dass wir das nachholen können“.

Anne Huber

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