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Freikörperkultur: Die Akt-Statue von Lengdorf steht wieder

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Von: Timo Aichele

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Maßarbeit ist das Aufstellen der Statue am Montagmorgen. Bildhauerin Martina Kreitmeier achtet auf die Sicherung ihrer Skulptur. Die Power für das Anheben der zwei Zentner Eichenholz liefert der Radlader von Gemeindearbeiter Reinhard Glück.
Maßarbeit ist das Aufstellen der Statue am Montagmorgen. Bildhauerin Martina Kreitmeier achtet auf die Sicherung ihrer Skulptur. Die Power für das Anheben der zwei Zentner Eichenholz liefert der Radlader von Gemeindearbeiter Reinhard Glück. © Timo Aichele

Im September haben Unbekannte in Lengdorf eine Akt-Statue am Fußballplatz umgesägt und im Bach versenkt. Jetzt steht die Skulptur wieder. Das Dorf rätselt immer noch über die Täter.

Lengdorf – Die Nackte steht wieder. Ihre Verletzungen sind geheilt. Doch ist die „Nackerte Lies“, wie sie von manchen in Lengdorf genannt wird, auch sicher vor neuen Übergriffen? Nicht jeder ist überzeugt davon. Der Gemeinderat hat sich im März dazu entschieden, die Reparatur des Kunstwerks in Auftrag zu geben. Dennoch oder „grod a grad“ – je nachdem, wie man es sieht. Bildhauerin Martina Kreitmeier hatte die die Skulptur 2015 geschaffen. Doch im September 2021 haben Unbekannte die Grazie aus Eichenholz umgesägt. Nach einer Schönheitskur kam die „Lies“ am Montagmorgen per Liegendtransport zurück nach Lengdorf.

Kreitmeier steuert das Transporter-Gespann mit der von ihr wieder zusammengesetzten und runderneuerten Skulptur aus dem Atelier in Altfraunhofen zum Fußballplatz in Lengdorf. Dort, am alten Standort mit dem verwaisten Betonsockel, wartet schon Gemeindearbeiter Reinhard Glück am Steuer seines Radladers. Er hat lange Gabelzinken montiert – genau richtig, um die große Palette mit der sorgfältig vertäuten Skulptur aus dem Anhänger zu lupfen. Ganz langsam, ganz behutsam zieht die PS-starke Maschine die Statue in die Senkrechte.

Auf einmal steht auch Xaver Empl, Platzwart des FC Lengdorf, da. Seine Hündin Ebby ist da erst einmal Nebensache, der Gassigang wird unterbrochen, „Xare“ Empl packt mit an. Kreitmeier kniet neben dem Sockel der zwei Zentner schweren Skulptur. Noch schwebt die Nackte 20 Zentimeter über dem Boden. Die Bildhauerin drückt mit aller Kraft, um den Eichenholz-Torso genau auf die Halterung zu bugsieren. Empl geht auch in die Hocke und schiebt mit.

„Mir stinkt’s heut’ noch“. sagt er – und meint damit ebenso die Täter wie auch die Polizei. Er hat einen Verdacht, wer’s war, und glaubt, dass die Ordnungshüter dem nur konsequenter hätten nachgehen müssen.

Mit Helfern hat Empl damals nebenan den ganzen Mehnbach abgesucht. Erfolglos. Erst zwei Tage später fanden Kinder die Skulptur hinter dem Tennisheim im Wasser. Der FC-Platzwart ist überzeugt, dass das lädierte Kunstwerk zwischenzeitlich im benachbarten Feld gelegen hat, sonst hätte er sie gleich gefunden. Doch vollständig war die Schöne eh nicht mehr. Abgesehen von den abgesägten Füßen, die als traurige Stumpen aus dem Sockel an der Erdinger Straße herausragten, fehlte auch der linke Arm. Er war beim Umstürzen abgebrochen.

Zufrieden sind am Ende (v. l.) Bildhauerin  Martina Kreitmeier, Anwohnerin Anita Schwarz, Gemeindearbeiter Reinhard Glück und  Bürgermeisterin Michèle Forstmaier.
Zufrieden sind am Ende (v. l.) Bildhauerin Martina Kreitmeier, Anwohnerin Anita Schwarz, Gemeindearbeiter Reinhard Glück und Bürgermeisterin Michèle Forstmaier. © Timo Aichele

Die Künstlerin glaubt nicht, dass das nur eine „bsoffene Gschicht“ war. „Die haben genau gewusst, was sie tun“, spekuliert die Schreinermeisterin und Bildhauerin. Der feine Schnitt an den Füßen lässt sie an eine Japansäge und Keile denken. Die ganze Operation müsse sehr kontrolliert abgelaufen sein, meint sie. Sonst wäre der Fuß nicht nur so minimal ausgerissen. Nur der Armbruch war wohl nicht geplant.

Der hässlich abgesplitterte linke Arm blieb damals erst einmal noch mehrere Wochen verschollen, was sich noch als entscheidend herausstellen sollte. Denn zunächst sah es so aus, als müsste Kreitmeier diesen Arm für eine vollständige Reparatur nachschnitzen. Das wäre dann deutlich teurer geworden, als die 1500 Euro, die der Gemeinderat für die Restaurierung am Ende bewilligte.

Und das auch erst im zweiten Anlauf. Im Dezember argumentierte Bürgermeisterin Michèle Forstmaier vergeblich für ein „Zeichen, das wir uns nicht kleinkriegen lassen“. Der Rat entschied zunächst 7:6 gegen die Reparatur, im März war dann eine große Mehrheit doch dafür.

Doch zurück zum Arm. Eine Anwohnerin hat ihn einige Wochen später und mehrere hundert Meter vom Tennisheim entfernt im Mehnbach gefunden. Und auch sie steht beim Aufstellen am Montag auf einmal da. „I sammel gern Treibholz im Bach“, erzählt Anita Schwarz. Wochen lang habe sie diesen ungewöhnlichen Prügel im Schlamm stecken sehen, und irgendwann zog sie ihn heraus. „Erst bin ich erschrocken. Dann hab ich gleich bei der Gemeinde angerufen.“ Schließlich habe sie den Anblick der verstümmelten Statue und der davor aus Protest aufgestellten Grableuchten ziemlich traurig gefunden.

„Jetzt samma glücklich“, sagt die Bürgermeisterin. Und Empl verspricht: „I versuach, dass i di Figur so guad beschütz, wie’s geht.“ Als Platzwart hat er am Fußballplatz nebenan sowieso andauernd zu tun. Für eine Überwachung rund um die Uhr denkt er an eine Wildkamera. Doch das wird wohl schwierig. Sie habe sich da bei der Polizei erkundigt, sagt Susanne Eder von der Gemeindeverwaltung. Der Datenschutz verbiete das auf öffentlichen Flächen. Der Beobachtungsposten von Anna Schwarz, der über 90 Jahre alte Mama von Anita Schwarz, ist dafür besetzt. Von ihrem Küchenfenster aus sieht man die Nackerte.

Am Ende bleibt aber vor allem die Hoffnung auf Einsicht – auf einen „Perspektivwexxxel“, wie die Künstlerin ihr Werk 2015 getauft hat. Tina Kreitmeier ist sowieso überzeugt: „Vielleicht dauert’s noch Jahre. Aber irgendwann verplappert sich einer.“ Dann wissen die Lengdorfer wenigstens, wem sie damals die vielen Debatten zu verdanken hatten.

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