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Prost: Die Musiker und Schauspieler holen sich ihren Schlussapplaus ab.

1. Starkbierfest in Lengorf

Satirischer Blick ins (un)wirkliche Dorfleben

Das erste Lengdorfer Starkbierfest war ein voller Erfolg. Im restlos ausverkauften Menzinger-Saal kam das Publikum auf seine Kosten. Es gab tolle musikalische und auch schauspielerische Einlagen.

Lengdorf Beim Lengdorfer Starkbierfest gab es nicht das übliche Derbleckn, das die großen und kleinen Patzer der real existierenden Politiker und Bürger aufspießt. Autor, Regisseur und Schauspieler Julian Wittmann setzte in seinem Sprechspiel auf – nicht nur fiktive – dörfliche Gegebenheiten und Konflikte.

Ort der Handlung ist das Obergeislbacher Wirtshaus, wo sich der Stammtisch trifft, um das anstehende Starkbierfest zu besprechen. Dabei fließt viel Bier. Die sechs Stammtischbrüder, Bürgermeister, Pfarrer, Braumeister, Feuerwehrler, Schütze und Fußballer, philosophieren ausschweifend in valentinesker Manier über „ebbs und nix“ und sparen nicht an verbalen Ausfällen. 2021 – so lässt der Erzähler (Stefan Ortner) das Publikum wissen, dass die Autobahn fast fertig, Lengdorf nahezu schuldenfrei und Obergeislbach unabhängig ist – aber noch immer ohne Internet. „Gar nix hamma. No ned amoi a Internet. In Lengdorf griangs Breitband und mia hamm nix. In bin froh, dass uns an Strom umaglegt hamm“, echauffiert sich Fußballer Fritze (Thomas Wittmann). Und weil, wie im wirklichen Leben bei solchen Gesprächen üblich, eins zum anderen führt, geraten sich der Fußballer Schütze (Felix Fischer) und der Fußballer in die Haare, beschwert sich der Pfarrer (Mathias Holzner) über Arbeitsüberlastung und schlägt der Feuerwehrler (Michael Fugmann) vor, die Kirche in den Garten vom „Fugmann Mich“ zu verlegen, um auf dem frei gewordenen Platz das neue Gerätehaus zu bauen. Zur Political Correctness rät Braumeister Gandl (Julian Wittmann): „Do miaßts aufpassen, heitz’dogs. Ihr kinnts ned einfach oan a Kirch in Gartn einistoin, weil vielleicht ist der gar ned katholisch. Oder gar koa Christ. Also, i dad sicherheitshoiba no a Minarett dazuabaun“.

Doch Wittmann greift nicht nur die (reale) Diskussion um die Bebauung der Dorfmitte auf, auch die sportlichen Erfolge und Misserfolge der Schützen und Fußballer verarbeitet er zur Freude des Publikums genüsslich. Am Schluss treibt er den Streit der beiden Konkurrenten auf die absurde Spitze: Schütze Seppe schießt einen Apfel vom Kopf des Fußballers und freut sich, als er tatsächlich nur den Apfel trifft: „I hob zum ersten Moi was droffa!“

Doch vorher geht Schlag auf Schlag alles schief, was vor einem Starkbierfest schief gehen kann. Das Banner wird mit dem der Autobahneröffnung verwechselt, der Transporter mit dem Essen wird von einer Schlammlawine verschüttet, die in Kopfsburg die Autobahntrasse überflutet, die Gandlsche Brauerei geht in Flammen auf und den Braumeister trifft der Schlag.

Dass Wittmann nicht nur die großen Lacher im Blick hat, sondern kleine, deftige Pointen einbaut, spricht für die Qualität der Inszelmknierung. Etwa wenn Bedienung Resi (Anna Kögl), um den Tisch abzuwischen, den Kopf der Leiche anhebt, oder wenn bei der Anrede „Papa“ durch den Sohn des Feuerwehrlers (Jonas Wittmann) Feuerwehrmann und Pfarrer unisono mit „Ja“ antworten.

Als Geist des verstorbenen Braumeisters tritt Nachwuchskabarettist Wittmann bei der Fastenpredigt noch einmal allein auf die Bühne. Und weil die Wirklichkeit die besten Geschichten schreibt, trägt sie zunächst realsatirische Züge. Ursprünglich habe er den im Stück vorkommenden (fiktiven) Schützenverein „SC Schiaßdanem Obergeislboch“ nennen wollen. Das habe einige Mitglieder der (realen) Hubertus-Schützen so sehr gestört, dass sie sich über die Despektierlichkeit beschwert hätten. „Scheinbar ham si in diesem SC Schiaßdanem eine bedrohliche Konkurrenz zu eahna gseng, dass sie sich nach der Probe ned bei uns, sondern bei eahnam Vorstand beschwert ham.“ Den geplanten Aufdruck auf dem T-Shirt hat er deswegen für die Fastenpredigt mit dem Zusatz „Lieber Herrgott, bitte sehr, schenk mir Hirn und kein Gewehr“ versehen.

Seine Predigt schließlich ist ein Appell für Gemeinsamkeit und Gemeinsinn, spart aber nicht mit Kritik. „Eiso, wenn Sie praktisch in Lengdorf in zehn Minuten in die Autobahn einsteigen, eiso ins Auto einsteigen, eiso bevor sie ins Auto einsteigen, sind Sie sie schon in München oder Mühldorf. Gleichzeitig“, persifliert er Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber.

Starkbierfest 2017 in Lengdorf: Das sind die Bilder

Während die Schützen nicht amüsiert waren, war Anton Bauer, Vorsitzender der Lengdorfer Fußballer, restlos vom Starkbierfest begeistert. Und das, obwohl er als Bürgermeister „Bauer Done 4ever“ (dargestellt von Reinhold Neugebauer) der einzige Protagonist war, der namentlich genannt wurde.

Für kabarettistische Abwechslung und professionelle Unterhaltung sorgte neben dem (noch) semiprofessionellen Wittmann und seinem Lengdorfer Schmarrn-Ensemble Winfried Frey als gestresster Ehemann, dem der vegane Smoothie-Dinkelcracker-Lifestyle seiner Ehefrau gehörig auf die Nerven geht. Musikalisch boten Michi (Schauer) und Seppi (Bastl) allerfeinsten Hörgenuss als „boarische Rock’n’Roller“. Sogar ein Fass echtes Bier wurde aufgemacht: Bürgermeisterin Gerlinde Sigl durfte das Starkbier anzapfen und auch servieren.

Anne Huber

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