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Mitte der 50er Jahre ist dieses Foto der Familie Großschmidt entstanden (v. l.): die Töchter Gudrun und Ursula, Mutter Margarete, Vater Josef sowie die Söhne Ingo und Klaus.
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Mitte der 50er Jahre ist dieses Foto der Familie Großschmidt entstanden (v. l.): die Töchter Gudrun und Ursula, Mutter Margarete, Vater Josef sowie die Söhne Ingo und Klaus.

Wie Familie Großschmidt nach der Vertreibung im Landkreis Erding Fuß fasste

Gelungene Integration in Zengermoos

Auf einer Waldlichtung nahe Zengermoos bei Eichenried fand Familie Großschmidt nach Flucht und Vertreibung aus dem Sudetenland nach dem Krieg eine neue Heimat. Erst 70 Jahre später brachte der heute 84-jährige Klaus Großschmidt die Geschichte der „Integration der Familie Großschmidt“ zu Papier und auch ins Internet, wo sie den Weg zu ehemaligen Schulkameraden fand.

Zengermoos – Schon lange war Anton Hofer für die Eichenrieder Ortschronik auf der Suche nach einem Foto der alten Cantine in Zengermoos, bisher vergeblich. Doch vor einigen Wochen hatte er Glück und stieß bei seiner Recherche auf das gesuchte Foto zusammen mit dem Namen Großschmidt, der ihm aus seiner Jugendzeit noch bekannt war.

Fasziniert verfolgt er die bewegende Integrationsgeschichte, die Klaus Großschmidt im Archiv der Sudetendeutschen Jugend eingestellt hatte. Sofort druckte er die Seiten für seinen früheren Schulkameraden Dieter Meier aus, der mit ihm in Eichenried aufgewachsen ist. „Ich war auch total begeistert von der Geschichte“, berichtet Meier, der sich sicher war, dass dieser Bericht viele Menschen interessieren würde.

Erst 2017 hatte Klaus Großschmidt die Historie der Flucht und Vertreibung seiner Familie niedergeschrieben. „Eine Doktorandin hat für ihre Doktorarbeit lange Interviews mit mir als Zeitzeuge geführt. Erst danach habe ich beschlossen, unsere Familiengeschichte aufzuschreiben“, berichtet der 84-jährige, der einer Veröffentlichung im Erdinger Anzeiger gerne zugestimmt hat.

Geboren 1936 in Troppau/Ostmähren, kam Klaus Großschmidt 1946 nach Flucht und Vertreibung nach Zengermoos. Nach dem Abitur in Erding studierte er Lehramt für Chemie und Sport in München und war bis zu seiner Pensionierung am Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Aschaffenburg tätig. Er engagierte sich tatkräftig im Sudetendeutschen Jugendverband und diversen Sportverbänden. Mit seiner Gattin Heide lebt er heute im Landkreis Aschaffenburg.

Geboren und aufgewachsen ist Klaus Großschmidt in Troppau/Sudetenland im heutigen Tschechien. Als die Frontlinie näher rückte, musste die Mutter mit den vier Kindern im Februar 1945 die Stadt verlassen und fand Zuflucht bei der Großmutter, die nahe der deutschen Grenze lebte. Klaus und seine Schwester Ursula besuchten dort die tschechische Schule und waren als deutsche Kinder manchen Schikanen der Mitschüler und Lehrer ausgesetzt.

Im Mai 1946 mussten alle verbliebenen Deutschen innerhalb einer Stunde die Häuser verlassen und wurden in Viehwaggons in dreitägiger Fahrt ohne Verpflegung über die Grenze nach Bayern verfrachtet. Dort war auch Klaus Großschmidts Vater nach Kriegsende aus amerikanischer Gefangenschaft gelandet. Der ehemalige Bibliothekar durfte als früheres NSDAP-Mitglied nicht mehr in seinem Beruf arbeiten und hatte auf dem Gutshof Zengermoos, der damals noch zur Stadt München gehörte, Arbeit als landwirtschaftliche Hilfskraft gefunden.

So traf die Familie, die sich fast drei Jahre lang nicht mehr gesehen hatte, auf dem Bahnhof in Markt Schwaben glücklich wieder zusammen, wie Klaus Großschmidt in seiner Schrift berichtet. Die neue Heimat der Großschmidts lag auf einer Waldlichtung bei Zengermoos, wo früher der Torfabstich im großen Stil betrieben wurde. Der Name ging auf den Güterhändler Johann Nepomuk Zenger zurück, der hier die Gutsanlage mit Stallungen, Wirtschaftsgebäuden und Unterkünften errichten ließ. Sogar eine schmalspurige Kleinbahn führte von Ismaning zu den Torfstichen in Zengermoos.

Die Cantine war damals eine große Holzbaracke ohne Unterkellerung, dazu gab es einen Schuppen mit einem Plumpsklo.

Klaus Großschmidt

Direkt an der Bahnstrecke lag die sogenannte Cantine, in der mehrere Flüchtlingsfamilien untergebracht wurden. „Die Cantine war damals eine große Holzbaracke ohne Unterkellerung, dazu gab es einen Schuppen mit einem Plumpsklo“, erinnert sich Klaus Großschmidt. Die Familie richtete sich ohne Strom und fließendes Wasser in der Baracke ein – mit sechs Strohsäcken bei Kerzenlicht.

Unvergessen bleibt dem 84-Jährigen die Verzweiflung seiner Mutter, die nach dem tapferen Meistern aller Umstände von Flucht und Vertreibung erst hier in Tränen ausbrach über die Situation.

In der sogenannten Cantine, hier ein Bild von 1946, wurden mehrere Flüchtlingsfamilien untergebracht.

Trotz der primitiven Zustände gewöhnte sich die Familie schnell ein, und für Klaus sowie seine Schwester Ursel begann der Schulbesuch in der Eichenrieder Dorfschule. Diese und die katholische Notkirche aus Holz bildeten damals das Zentrum des dünn besiedelten Straßendorfs, das erst durch den Zuzug der Torfstecher aus Niederbayern und der Oberpfalz entstanden war.

„Dafür, wo ihr herkommt, sprecht ihr sehr gut Deutsch“, konstatierte der damalige Lehrer, wie sich Klaus Großschmidt erinnert. Er und seine Schwester kamen gut mit im Unterricht, auch die beiden jüngeren Geschwister Gudrun und Ingo wurden eingeschult bei der beliebten Lehrerin Fräulein Edeltraud Bärtl.

Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln war hart

„Trotz des anstrengenden Schulwegs von drei Kilometern hatten wir viel mehr Freude am Schulbesuch und fühlten uns auch von den Mitschülern angenommen“, sagt Klaus Großschmidt. Nur bei den Raufereien nach dem Unterricht, bei denen die Ortsteile Obermoos gegen Untermoos kämpften, blieben die Flüchtlingskinder außen vor. Dank dem jungen Lehrer Josef Kneitinger schafften Klaus und seine Schwester im Herbst 1948 die Aufnahmeprüfung für die Erdinger Oberrealschule.

Hart war die Versorgung für die Familie in der abgelegenen Cantine, denn alle Grundnahrungsmittel musste die Mutter zu Fuß vom Kramerladen in Eichenried, vom Metzger in Goldach und vom Bäcker in Hallbergmoos heimschleppen. Die Kinder waren für die Beschaffung von Feuerholz im umliegenden Wald zuständig, zum Kochen und Heizen bekam man Torfriegel zugewiesen, die allerdings selbst zu stechen waren. Zum Glück erhielt Vater Großschmidt zu seinem Lohn auf dem Gutshof auch Naturalien wie Milch, Kartoffeln und Gartenfrüchte.

Erinnern sich an ihre Schulzeit und die Familie Großschmidt: Anton Hofer (l.) und Dieter Meier aus Eichenried.

Mit dem Besuch des Erdinger Gymnasiums verlängerte sich für Klaus und Ursula Großschmidt der Schulweg gewaltig. Ohne geregelte Verkehrsverbindung marschierten sie die ersten Monate die 14 Kilometer nach Erding zu Fuß, was bis zu vier Stunden dauerte. Der Unterricht wurde im Schichtbetrieb in verschiedenen Schulräumen der Stadt abgehalten, da es noch kein eigenes Schulgebäude gab. Erst die Mitfahrerlaubnis für die amerikanischen Trucks, die die Arbeiter in den Militärfliegerhorst Erding fuhren, erleichterte den Schulweg. Nach dem Abzug der Amerikaner bewältigten die Kinder die Strecke mit dem Fahrrad.

Als Höhepunkt ihres Lebens im Moos beschreibt Klaus Großschmidt ein Familientreffen der Großfamilie seines Vaters, die mit Kindern und Partnern angereist kamen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie schön die Zusammenkunft der Troppauer Verwandtschaft nach Flucht und Vertreibung war.

Engagiert beim Aufbau der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Vater Großschmidt, inzwischen bereits pensioniert, engagierte sich stark beim Aufbau der Sudetendeutschen Landsmannschaft und dem Sozialwerk, bei deren Treffen auch die Kinder dabei waren. Auf schöne Erinnerungen an Jugendlager und Gruppentreffen der Sudetendeutschen Jugend und der Deutschen Jugend des Ostens (DJO) kann Großschmidt zurückblicken.

Eine deutliche Verbesserung der Wohnsituation bedeutete für die Familie der Umzug ins sogenannte Gleitnerhaus in Zengermoos, wo elektrisches Licht, eine Wasserpumpe und eine Gemeinschaftstoilette verfügbar waren. Neben dem etwas kürzeren Schulweg hatte die neue Wohnung noch eine Attraktion zu bieten, nämlich den nahe gelegenen Kiesweiher.

Mit im Gleitnerhaus wohnte schon die Familie von Dieter Meier, dessen Eltern auch als Flüchtlinge nach Zengermoos gekommen waren. Er denkt gern an seine Kindheit zurück. „Der Wald war für uns Kinder ja ein Eldorado, wo wir frei herumstreifen konnten“, erzählt er.

Der etwas ältere Klaus Großschmidt war ihm schon von der Schule bekannt, und bis heute blieb er mit ihm in Verbindung. Auch der Eichenrieder Chronist Anton Hofer (79), der Großschmidts Geschichte im Internet gefunden hatte, hat den alten Kiesweiher in positiver Erinnerung. „Dort traf sich zu der Zeit die Dorfjugend“, berichtet der gebürtige Eichenrieder, der zu den „Alteingesessenen“ gehörte. „Der Dieter und ich waren im Alter von Klaus’ jüngerem Bruder Ingo, mit dem wir befreundet waren“, erzählt Hofer, heute Finanzbeamter im Ruhestand. Gesehen habe man sich von Zeit zu Zeit bei Klassentreffen bis zu Ingos Tod vor einigen Jahren.

Abitur in Erding, Studium in München, eine neue Heimat in Obermenzing

Familie Großschmidt wohnte nun nicht mehr abgeschieden im Wald, man hatte mehr Kontakt zur Dorfjugend, auch die Fahrradkolonne der Schüler Richtung Erding wurde länger. Ursula und Klaus Großschmidt absolvierten 1957 ihr Abitur in Erding und schrieben sich zum Studium in München ein. Klaus entschied sich für ein Lehramtsstudium für Chemie und Sport. Im Herbst 1959 konnten die Eltern ihren sehnlichsten Wunsch realisieren, endlich ein eigenes Haus zu beziehen. „Mit dem Umzug in unser Reihenhaus in München-Obermenzing hatten wir es geschafft, nach dem Verlust unserer Heimat eine neue Heimat aufzubauen“, resümiert Klaus Großschmidt.

Bis heute hält der Pädagoge im Ruhestand eine lose Verbindung nach Erding und besucht regelmäßig die Treffen seines Abiturjahrgangs. Die Zeitungsberichte dazu schickt ihm manchmal Dieter Meier, der sich über die Veröffentlichung der Integrationsgeschichte der Großschmidts freut. „Ein Stück weit ist das auch meine Geschichte“, sagt der Landwirt im Ruhestand, der als Flüchtlingskind ebenso in Eichenried eine neue Heimat gefunden hat.

Eine Verbindung zum Erdinger Anzeiger hat Klaus Großschmidt übrigens schon aus Jugendtagen, war er doch eng befreundet mit Volker Preß, dem Sohn des damaligen Redaktionsleiters Eugen Preß. „Ich durfte als Jugendlicher manchmal kleine Berichte verfassen über örtliche Begebenheiten“, erzählt er schmunzelnd.

Gerda und Peter Gebel

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