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Blick zurück: Standesbeamtin Sylvia Thalmair und Ex-Verwaltungschef Willi Listl (hinten) haben lange in der VG zusammengearbeitet und den digitalen Wandel mitgemacht. In Thalmairs Büro kommt neben dem PC noch die elektrische Schreibmaschine zum Einsatz, genauso wie das Signaturpad für Ausweise, das Bürgermeister Hans Peis zeigt. 

Serie: Digitalisierung im Landkreis

Protokollant, Wahlhelfer, Flitterwochenretter

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Vor 40 Jahren wurden persönliche Daten noch mit der Schreibmaschine auf Karteikarten festgehalten und Grundsteuern in bar kassiert. Seither hat sich viel geändert. In der VG Oberneuching haben Sylvia Thalmair und Willi Listl die Digitalisierung mitgemacht – zwei Mädchen für alles.

Oberneuching – Ein Klick am Computer, und schon werden die Informationen auf dem Bildschirm angezeigt. Nicht so vor vier Jahrzehnten. „Jeder Bürger hatte damals eine eigene Karteikarte“, erinnert sich Sylvia Thalmair. Dort wurden alle Daten eingetragen. Und wenn ein Pass benötigt wurde, wurde er im Rathaus ausgestellt – wenn es brandeilig war, auch sofort.

Ansonsten hat man oft die Anträge gesammelt, und einmal wöchentlich stand das Erstellen der Dokumente für die Neuchinger und Ottenhofener auf dem Programm. Beide Gemeinden bilden seit vier Jahrzehnten die Verwaltungsgemeinschaft (VG) Oberneuching. Viel hat sich in dieser Zeit verändert, die Digitalisierung hat viel, aber nicht alles erleichtert. Denn der Bürokratismus wächst mit.

„In der Zeit, in der man jetzt alle Daten aufnimmt, hatte ich früher den Ausweis schon fertig“, sagt Standesbeamtin Thalmair schmunzelnd. Zum Vergleich: Jetzt beträgt die Wartezeit drei bis vier Wochen. Unterschrieben wurde früher mit Kugelschreiber, jetzt auf dem Signaturpad für Ausweise.

„Am Anfang war ich Mädchen für alles“, blickt die 62-Jährige zurück.

Vieles war früher unkomplizierter

Sie ist seit November 1979 im Rathaus beschäftigt und geht zum Jahresende in den Ruhestand. Diktierte Sitzungsprotokolle mussten abgetippt werden, zuerst auf einer mechanischen, dann auf einer elektronischen Schreibmaschine. 1988 hielt die EDV Einzug. Teilweise handgeschriebene Infos mussten eingepflegt werden. Nicht selten waren Thalmair und Willi Listl am Wochenende im Rathaus, um die Daten der Karteikarten zu übertragen.

Der langjährige Verwaltungschef Listl lebt seit 1981 in Oberneuching und kam am 1. Februar 1988 zur VG. Es war keine leichte Zeit damals. Listls Vorgänger Franz Gropper war zum Abwasserzweckverband München-Ost gewechselt, und zudem stand Neuching ohne Bürgermeister da. Denn der damalige Amtsinhaber Josef Ostermaier war 1988 verstorben, sein Nachfolger Hans Brunhierl noch nicht gewählt.

So musste der frühere Ottenhofener Rathauschef Sepp Kern, der 1986 in Amt kam, mit seinem Mitarbeiter-Team alles managen. Listl musste sich durchbeißen und sich auch vieles selbst aneignen. Die Unterstützung durch Computer gab’s noch nicht. Auf Blättern im DIN A 3-Format wurden alle Kassenvorgänge festgehalten. „Oder weißt du noch, wie Matrizen erstellt wurden?“, fragt er seine frühere Kollegin. „Matrizen waren der Vorgänger von Kopierern“, erklärt er.

Die größte Herausforderung waren für Listl immer die Kommunalwahlen. „Da hab’ ich mich 14 Tage im Büro eingesperrt“, sagt der mittlerweile 68-Jährige schmunzelnd, der im Frühjahr 2014 in Rente gegangen ist. Seine letzte große Herausforderung war die damalige Kommunalwahl.

Thalmair und Listl waren früher übrigens auch gemeinsam unterwegs. Wenn ein Bürger verstarb und alleinstehend war, mussten die beiden die Wohnung des Verstorbenen inspizieren und mögliche Wertgegenstände exakt auflisten.

Vieles war früher unkomplizierter, sagen sie. Bei einer Straßensperrung beispielsweise wurden einfach entsprechende Schilder aufgestellt. Heute braucht’s eine verkehrsrechtliche Anordnung.

„Raubrittertum Neuching“

Apropos Verkehr: Die Einführung der kommunalen Verkehrsüberwachung in der Gemeinde Neuching war für die Ottenhofenerin Thalmair nicht ganz einfach. „Ist hier das Raubrittertum Neuching?“, hätten mehrere wütende Anrufer am Telefon gefragt.

Eine Haupt- und auch eine Lieblingsaufgabe von Thalmair ist und bleibt das Verheiraten von Hochzeitswilligen. Über 700 Paare hat die Mutter einer Tochter in den standesamtlichen Hafen der Ehe geleitet. Denn die Bürgermeister Kern und Brunhierl machten keine Trauungen. Ottenhofens früherer Rathauschef Ernst Egner verheiratete einige Paare, Listl war der Ersatz-Standesbeamte.

Ihre erste Trauung im März 1983 kam für Thalmair aber völlig überraschend. Der damalige Neuchinger Bürgermeister Josef Ostermaier fühlte sich nicht gut und rief Thalmair an. „Hast was Gscheids an?“, fragte der Gemeindechef. Denn Thalmair musste als Standesbeamtin einspringen. „Diese Ehe hält noch“, weiß sie. „Nach der Trauung bekam ich eine Flasche Rotwein geschenkt. Doch ich war so nervös, dass sie mir runtergefallen ist“, erzählt sie lachend. Und auch Listl muss schmunzeln, als er an seine erste Hochzeit zurückdenkt: „Mich hat gleich ein Baby angespuckt.“

Über ihre Hochzeitserlebnisse könnte Thalmair wohl ein Buch schreiben. So hat sie auch einen „Dauer-Hochzeiter“, den sie bereits viermal verheiratet hat. Und einmal wurde das Bestellen des Aufgebots mit der Trauung selbst verwechselt. „Da hatte das Brautpaar einen Termin fürs Aufgebot. Das war früher noch üblich. Aber es kam die ganze Hochzeitsgesellschaft. Und dann musste ich ihnen klarmachen, dass heute nicht geheiratet wird. Gefeiert haben sie aber trotzdem, es war ja schließlich alles bestellt.“

Und auch einen ersten handfesten Ehekrach am Tag nach der Trauung hat Thalmair verhindert. „Wir haben nach der Hochzeit geratscht, und das Brautpaar erzählte mir, dass es am nächsten Tag in die Flitterwochen nach Hawaii fliegt. ,Ich geh aufs Volksfest Markt Schwaben’, hab’ ich gesagt, und den beiden alles Gute gewünscht“, erzählt Thalmair.

Standesbeamtin für Roman Herzogs Sohn

Am nächsten Tag – die Thalmairs waren wie geplant auf dem Volksfest – kam am Nachmittag eine Durchsage, dass Sylvia Thalmair sofort zum Ausgang kommen solle. Zerknirscht stand dort das frischgebackene Ehepaar – ohne Pässe. Schnurstracks ging’s ins Rathaus, wo Thalmair die benötigten Ersatzdokumente ausstellte und die Hochzeiter damit in den Urlaub schickte.

Auch gleichgeschlechtliche Paare hat Thalmair schon verheiratet. „Mittlerweile gibt es auch viele Trauungen mit Dolmetschern“, sagt sie. Treffen aber äußerst unterschiedliche Kulturen aufeinander und ist dabei eine Braut noch ganz jung, führt Thalmair mit ihr ein Einzelgespräch. „Ich kläre sie ganz genau über die rechtlichen Konsequenzen auf, beispielsweise bei Vielehen. Dieses Recht nehme ich mir raus“, sagt sie.

Besonders stolz ist die selbst glücklich verheiratete Standesbeamtin aber, dass sie den Sohn des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog verheiraten durfte. Danach plauderte sie noch eine Stunde mit dem früheren Staatschef. „Er war sehr, sehr nett“, verrät sie. Ein Erinnerungsfoto schmückt immer noch ihr Büro. „Nein“ hat übrigens nie jemand vor ihr gesagt. Ob Trauung anno dazumal oder Hochzeit heute: „Ein Jawort ist etwas Besonderes“, sagt Thalmair.

Und die elektronische Schreibmaschine, die ist übrigens immer noch im Einsatz: Zum Ausstellen von Fischereischeinen oder bei der Bearbeitung von Anträgen für Senioren.

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