Musikkabarettist Mathias Kellner (l.) bei seinem Auftritt auf dem Wenhard-Hof in Niederneuching
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Vom aberwitzigen Leben auf dem Land mit Abgründen, Aufschwüngen und Ausblicken erzählte Musikkabarettist Mathias Kellner (l.) in seinem Konzert auf dem Wenhard-Hof in Niederneuching, das vom Kulturverein Neuching veranstaltet wurde.

Corona-Ersatzprogramm des Kulturvereins Neuching: Open Air mit Kabarettist Mathias Kellner

G’schichtln vom Leben auf dem Land

Musikkabarettist Mathias Kellner entführte auf dem idyllischen Wenhard-Hof in Niederneuching am Samstagabend mit seinen Musikgeschichten in eine scheinbar längst versunkene dörfliche Welt.

Niederneuching – Jugendszenen aus Niederbayern – der ganz normale Wahnsinn auf dem Land: Mathias Kellner entführte auf dem idyllischen Wenhard-Hof in Niederneuching am Samstagabend mit seinen Musikgeschichten in eine scheinbar längst versunkene dörfliche Welt. Der Liedermacher erzählte in seinem Programm „Irgendwie zu ungefähr“ von Alkoholexzessen in einer versifften Dorfkneipe, dem urinlastigen Bushäusl als Notbehelfsjugendzentrum und promilleträchtigen Mofafahrten nach durchzechter Nacht. Er erinnerte an pubertäre Nöte, beunruhigende erste Zungenküsse auf dem Schulfasching als kollektives, nahezu traumatisierendes Erweckungserlebnis, gute Spezln in jeder noch so verzwickten Lebenslage, dem ersten Mädchenschwarm und der großen Liebe zum Auto „Siggi“ – einem Ford Fiesta, vollgestopft mit Musikkassetten und Alltagsmüll.

Der Neuchinger Kulturverein hatte das Open-Air-Konzert quasi als Corona-Ersatzprogramm mit viel Aufwand und Organisationsgeschick veranstaltet, um allen Hygiene- und Abstandsvorschriften zu entsprechen. Als Kellner dem Verein für dieses Engagement dankte, gab es viel Applaus. Bemerkenswert war die einladende, lockere Atmosphäre, die das Konzert im schönen Hofensemble zu einem entspannten Abend werden ließ.

Der Mann mit Gitarre und unterhaltsamen G’schichtln stellte sofort eine freundschaftliche Verbindung zum Publikum her, das ihm wohlwollend und amüsiert zuhörte. Mit Kellners authentischen, selbstironischen und humorvollen Episoden vom Leben auf dem Land, all den Aufschwüngen, Abgründen und Ausblicken glitt man fast unmerklich in die Nacht hinein.

Er sei in der Nähe von Straubing aufgewachsen, sagte Kellner. Nicht zuletzt war es ein bittersüßer Abschied von der Kindheit und ambivalent erlebten Jugendzeit auf dem Dorf, die er in seinen musikalisch illustrierten Lebensskizzen entwickelte. „Jeder Dog is a guada Dog außerhalb der Gruam“, sang der Liedermacher von depressiven Verstimmungen und tröstete: „De Sunn scheint nach jedem Sturm.“

Die wärmende Abendsonne verabschiedete sich, auf den Tischen sorgte flackerndes Kerzenlicht für heimelige Biergartenromantik. Vorausschauende Gäste hatten sich Decken mitgebracht. Der Musikkabarettist entfesselte mit beschwörenden Worten augenzwinkernd raunend die Magie des „Mitsing-Teils“ bei den „Niederneichinger Okkultisten“, und schon stimmten die Zuhörer gut gelaunt in diverse Refrains ein.

Man hörte Anleihen an Titel wie Robert Palmers „Johnny und Mary“, Pink Floyds „Wish You Were Here“, „Bang, Bang“, in Erinnerung an die große Zeit von Nancy Sinatra, den Dorfdisco-Schmachtfetzen „Love Hurts“ von Nazareth als tanzbaren „Hosentürlwetzer“ mit Aussicht auf engen Körperkontakt und Bluesnummern.

Mit eigenen bayerischen Texten, Musikideen und versiertem Gitarrenspiel verband Kellner diese Musiknostalgie mit gegenwärtiger Bühnenpräsenz.

Nachdem der Musikkabarettist launig die wechselseitigen Spielregeln für Zugaben erklärt hatte, ließ er sich nicht lumpen und setzte einige drauf, sodass man erst nach gut drei Stunden den Nachhauseweg antrat.

Vroni Vogel

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