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Abgesperrte, verlassene Anwesen findet man heute zuhauf in Schwaigermoos.
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Die Demonstrationen waren vergebens: Hier marschierten zahlreiche Menschen auf dem ehemaligen Flughafen in Riem gegen den Baubeschluss von 1969.
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Beim zweiten Möslertreffen nach 60 Jahren wiedervereint: die ehemaligen Nachbarn Elisabeth Zierer und Walter Bauer im Eittinger Gasthaus zur Post.
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Die Tee-Ernte war wichtig für die Mösler.
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Die Ortschronik und einen dicken Ordner mit weiteren Recherchen halten Waltraud und Johann Franzspeck in ihren Händen.

Viele Höfe stehen verlassen da

Vor 50 Jahren: Flughafen wird gebaut, zwei Dörfer müssen sterben - Jetzt kam es zum emotionalen Wiedersehen

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Nach dem Beschluss von 1969 zum Bau des Flughafens in Erdinger Moos war es um zwei Orte in der Gemeinde Oberding geschehen. Bei einem Treffen kamen nun die Emotionen hoch.

Schwaigermoos – Man stelle sich vor, eines Tages klingelt das Telefon, und es heißt: „Sie müssen Haus und Hof aufgeben und Ihre Heimat verlassen.“ So oder so ähnlich sah es etwa in China aus, als Millionen von Landwirten für den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms ihr Hab und Gut zurücklassen mussten. Man muss gar nicht allzu lange zurückgehen, und schon findet sich auch im Landkreis Erding eine ähnliche Begebenheit: die Absiedlung des Orts Schwaigermoos in der Gemeinde Oberding.

„Das war eine schwere Zeit für alle damals“, erinnert sich Waltraud Franzspeck, 64, geborene Kost. Eine Zeit, in der die Existenzangst umging in der 200-Seelen-Ortschaft mit rund 40 Anwesen.

Grund für die Absiedlung war der Kabinettsbeschluss der Bayerischen Staatsregierung vom 5. August 1969 zum Bau eines Flughafens im Erdinger Moos. Es war das Todesurteil für die Ortschaft Franzheim und fast für ganz Schwaigermoos. Denn weite Teile der Siedlungen befanden sich auf der Flur der künftigen Start- und Landebahn beziehungsweise im lärmschutztechnisch nicht mehr vertretbaren Bereich. „Wir hatten ein paar Jahre Zeit, um uns damit abzufinden“, erzählt Waltraud Franzspeck. „Und um etwas Neues zu finden.“

„Es gab zwar große Protestaktionen“, erinnert sich ihr Ehemann Johann Franzspeck, „aber in den Siebziger Jahren ging es schnell mit den Landaufkäufen los“. Eine große Demonstration gab es am damaligen Flughafen in Riem, doch das alles half nichts. Den Schwaigermöslern war klar: Sie mussten ihre Heimat wohl oder übel aufgeben.

Flughafen im Erdinger Moos ist beschlossene Sache - und die Großfamilie Kost muss umziehen

Die Demonstrationen waren vergebens: Hier marschierten zahlreiche Menschen auf dem ehemaligen Flughafen in Riem gegen den Baubeschluss von 1969.

Auch die Kosts – eine große Familie: „Wir waren sieben Kinder, außerdem zwei Kinder, die bei uns aufgezogen wurden. Dazu meine Eltern, mein Opa und meine Tante“, zählt Waltraud Franzspeck auf. Ihr Vater arbeitete zwar beim Schlüter in Freising, doch die Familie hatte sich zuhause im Moos einen Nebenerwerbsbetrieb aufgebaut mit Kartoffel- und Karotten-, Pfefferminz- und Petersilienanbau. „Meine Mama musste den Betrieb aufgeben“, blickt die Tochter zurück. Die Lösung: Ihre Mutter kaufte sich in Langenbach ein Haus, in das sie umzog. Tochter Waltraud war da aber schon nicht mehr daheim. Sie hatte 1972 nach Hallbergmoos geheiratet, wo sie noch heute mit ihrem Mann Johann wohnt.

Die Schwaigermösler verteilte es bis nach Dachau und Altötting, nach Aschau am Inn oder Richtung Mainburg. Einige von ihnen leben nicht mehr, doch viele kommen seit 2017 beim Möslertreffen zusammen, das Waltraud Franzspeck organisiert. Gerade hat das zweite dieser Treffen stattgefunden, im Gasthaus zur Post in Eitting. „Da ist es eng geworden, es waren 90 Gäste“, sagt sie begeistert. Was sie besonders freut: Auch junge Familienmitglieder der einst abgesiedelten Mösler waren dabei. Das „Highlight“, wie Waltraud Franzspeck findet, war ein Wiedersehen nach 60 Jahren. Ihr Onkel Walter Bauer (70) und Elisabeth Zierer (73), geborene Multerer, waren einst Nachbarn. Zierer war 1959, bereits ein Jahrzehnt vor dem verhängnisvollen Flughafen-Beschluss, aus Schwaigermoos weggezogen.

„Ich habe eine Bekannte, die zu jedem Baum sagt: ,Mei, bist du groß geworden!‘“

Wiedersehen wie diese berrühren Franzspecks Herz. Alle Mösler – gemeint sind die Menschen aus dem Erdinger Moos – eint die Erinnerung an etwas, das war, aber nicht mehr ist. „Ich lebe zwar schon lange in Hallbergmoos“, sagt Waltraud Franzspeck, „aber Schwaigermoos ist einfach meine Heimat. Ich kannte dort jeden Baum, jedes Feld“. Es werde mit all den Jahren zwar leichter, aber die Zwangstrennung von ihrem ehemaligen Zuhause habe sie bis heute im Kopf.

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So geht es freilich nicht nur ihr: „Ich habe eine Bekannte, die, wenn sie heute nach Schwaigermoos zurückkommt, zu jedem Baum sagt: ,Mei, bist du groß geworden!‘“, erzählt Franzspeck, die selbst zwei Kinder und inzwischen fünf Enkel hat.

Zahlreiche unbewohnte Häuser stehen heute noch in Schwaigermoos, umrahmt von Zäunen und Schildern mit der Aufschrift „Betreten verboten“. Zwei Anwesen gibt es allerdings noch, die nach wie vor bewohnt sind.

In Franzheim lebt heute keiner mehr

Ganz im Gegensatz zu Franzheim, das sich auch auf Flur der Gemeinde Oberding befindet. 1970 zählte der Ort noch 282 Einwohner, heute sind es gar keine mehr. Der Ort, der Anfang des 19. Jahrhunderts als weitläufige Streusiedlung entstand, ist komplett abgesiedelt worden, es handelt sich um eine sogenannte Wüstung.

Beim zweiten Möslertreffen nach 60 Jahren wiedervereint: die ehemaligen Nachbarn Elisabeth Zierer und Walter Bauer im Eittinger Gasthaus zur Post.

Die bislang letzte Absiedlung in Schwaigermoos fand im Jahr 2010 statt. War ein Großteil der Anwesen schon in den 70ern abgesiedelt worden, folgten dann aufgrund der Planungen zur dritten Startbahn fast alle restlichen.

Die Erinnerung an einen wichtigen Teil ihres Lebens hat Waltraud Franzspeck zusammen mit ihrer Freundin Hildegard Zörr und dem im vergangenen Jahr verstorbenen Oberdinger Gemeindearchivar Georg Gruber in der 2016 erschienenen Chronik von Schwaigermoos verarbeitet. Nach eigenen Recherchen handelt es sich dabei um die deutschlandweit einzige Chronik eines abgesiedelten Orts. Darin sind – in aufwändiger, liebevoller Recherchearbeit – die Familien von Schwaigermoos mit unzähligen Bildern zusammengefasst. Es finden sich Hinweise auf die Gründer des Anwesens und darauf, wann sie abgesiedelt wurden.

Dicke Ortschronik - die einzige eines abgesiedelten Ortes

Die Ortschronik und einen dicken Ordner mit weiteren Recherchen halten Waltraud und Johann Franzspeck in ihren Händen.

Auch die Geschichte von Schwaigermoos wird aufgearbeitet. Der Ort entstand wie Franzheim Anfang des 19. Jahrhunderts, das Erdinger Moos war bis dahin eine unwirtliche, unbewohnbare Gegend gewesen. Doch die Siedler dort bauten sich langsam und mühevoll etwas auf, machten sich den Boden zunutze: Die Torfgewinnung war 150 Jahre lang die Energiequelle für die gesamte Umgebung. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bauten die Mösler auf den kargen Feldern ertragreiche Pflanzen an. Alles begann mit der Pfefferminze. Tee lautete nun das Erfolgsrezept.

Als der Pfefferminzanbau Ende der 60er Jahre fast ganz zum Erliegen gekommen war, glichen die Mösler die wegen des Preisverfalls negative Marktentwicklung durch den Anbau von Gewürzkräutern aus, hauptsächlich durch Petersilie. „Die Leute haben sich alles hart erarbeitet“, blickt Waltraud Franzspeck zurück. Führt man sich die Historie des Mooses zu Gemüte, wird umso deutlicher, was für ein harter Schlag ins Gesicht der Flughafen-Beschluss von 1969 für die Mösler gewesen sein muss.

Nach Bau des Flughafens München: Ortschronik und Treffen sollen Erinnerungen bewahren

Umso wichtiger ist für Waltraud Franzspeck die Ortschronik, von der es derzeit noch rund 30 Stück im Oberdinger Rathaus zu erwerben gibt. Das Interesse damals bei der Vorstellung des über 160 Seiten starken Hardcover-Buchs war riesig. Zunächst waren 250 Exemplare angedacht gewesen, letztlich mussten 500 Stück gedruckt werden. Und die Menschen, die damals zuhörten, äußerten ihren Wunsch, sich treffen zu wollen. Also nahm Franzspeck die Organisation des Möslertreffens in die Hand.

Und noch mehr: Denn Waltraud Franzspeck sammelt weiter eifrig für ihren „Nachtrag zur Chronik Schwaigermoos“. In dicken Ordnern trägt sie von allen Anwesen in Schwaigermoos die Sterbebilder, zum Teil noch von den Vorfahren, zusammen. Auch deren Grabstätten sammelt und fotografiert sie und ordnet sie dann auf laminierten Seiten in alphabetischer Reihenfolge ein. „Hier lässt sich nachvollziehen, wo die Schwaigermösler jetzt leben beziehungsweise ihre letzte Ruhestätte gefunden haben“, sagt Franzspeck. Ihre Zuhörer beim zweiten Möslertreffen waren hellauf begeistert.

Einem dritten Möslertreffen im kommenden Jahr und noch zahlreichen weiteren Fortsetzungen dürfte also wohl nichts im Wege stehen. Auch keine dritte Startbahn, sollte sie einmal kommen.

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