Ende September ist Schluss – zumindest vorerst: Anton, Anna-Maria, Elisabeth und Amalie Kandler (v. l.) im Innenhof ihres Hotels. Sie hoffen, dass es irgendwann vielleicht doch weitergeht.
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Ende September ist Schluss – zumindest vorerst: Anton, Anna-Maria, Elisabeth und Amalie Kandler (v. l.) im Innenhof ihres Hotels. Sie hoffen, dass es irgendwann vielleicht doch weitergeht.

Seit fast 500 Jahren in Notzing

Corona-Opfer: Familie muss ihr Traditionshotel für immer dicht machen - emotionaler Abschied

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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Die Corona-Pandemie fordert ein prominentes Opfer, ein Schwergewicht der Gastro- und Hotellerie-Szene im Landkreis: Das Hotel Kandler in Notzing schließt Ende des Monats.

  • Das Traditionshotel Kandler in Notzing muss am Ende des Monats seine Tore für immer schließen.
  • Die Corona-Pandemie hat es dem Familienbetrieb nicht mehr möglich gemacht, wieder auf die Beine zu kommen.
  • Nach fast 500 Jahren ist jetzt deshalb Schluss.

Notzing – Damit endet eine fast ein halbes Jahrtausend alte Familientradition. Allerdings mit der Hoffnung, dass es in ein paar Jahren doch weitergeht.

Hotel Kandler: Familie betreibt die Gaststätte schon fast seit 500 Jahren

1552 begann alles, als die Familie Kandler die Schlossgaststätte und den angrenzenden landwirtschaftlichen Hof kaufte. Dass knapp 470 Jahre später ein Virus dem Familienbetrieb ein Ende setzen würde, war damals nicht zu erahnen. „Es war eine sehr kurzfristige Entscheidung“, sagt Inhaber Anton Kandler (61) über die Betriebsaufgabe. Zusammen mit seiner Ehefrau Amalie (59) sowie den Töchtern Elisabeth (26) und Anna-Maria (23) bildet er das vorerst letzte Kandler-Gespann, das an der Erdingermoos Straße tätig ist.

So sah der Gasthof noch Anfang des 20. Jahrhunderts aus.

Zum Verhängnis ist dem Betrieb die Ausrichtung geworden. Das Kerngeschäft, Tagungen und die Beherbergung von Geschäftsreisenden sowie das Ausrichten von Hochzeiten und Familienfeiern, sei nahezu vollständig zum Erliegen gekommen, erklären die vier Kandlers im Gespräch mit unserer Zeitung. Thermen-Gäste gebe es zwar auch. Doch der klassische Tourist komme eher nicht nach Notzing, das eben keine zentrale Stadtlage bieten könne, erklärt Anton Kandler. „Man hat so viele Fixkosten“, sagt seine Tochter Elisabeth. Diese müsse man auch dann bezahlen, wenn gewisse Dinge wie zurzeit nicht benötigt würden. Da gebe es „kein Erbarmen“, so ihr Vater. Sämtliche Rücklagen seien aufgebraucht.

Hotel Kandler: Familie konnte den Abwärtstrend nicht mehr aufhalten

Erst im Herbst 2019 sind die komplette Tagungstechnik und die Brandmeldeanlage erneuert worden. Und gerade eben wurde die neue 1552-Bar eröffnet. Eine Idee, die die Familie erst während der rund zweimonatigen Corona-Zwangsschließung entwickelt hatte. Doch die Abwärtsspirale war nicht mehr zu stoppen.

„Es fällt uns allen brutal schwer. Das war unser Leben“, sagt Anton Kandler. Als kürzlich die rund 30 Mitarbeiter über das Ende informiert wurden, seien viele Tränen geflossen. Sie fließen auch bei Amalie Kandler, als unsere Zeitung zu Besuch ist. Für die Schwestern Elisabeth und Anna-Maria, die fest davon ausgegangen sind, in ein paar Jahren den Betrieb zu übernehmen, ist die Situation besonders schwierig. Von Kindesbeinen an arbeiteten sie mit, mittlerweile sind sie in Vollzeit tätig.

Hotelschließung: Familie Kandler bedankt sich bei ihren treuen Stammgästen

„An dem Ganzen hat keiner Schuld. Wir müssen mit der Situation leben“, sagt Elisabeth Kandler, die sich für die Unterstützung der Bürger und Stammgäste bedankt. Der im April eingeführte To-Go-Abholservice sei gut angenommen worden.

Das Hotel hat 48 Zimmer, 300 Gäste finden in der Innengastronomie Platz, der Biergarten hat eine Kapazität von 160 Gästen. Anton Kandler erinnert sich an viele bekannte Persönlichkeiten, die bei ihm zur Tür hereingeschritten sind – Politiker, Firmenvertreter. Als Beispiel nennt er Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Käser. Kulinarische Spezialitäten des Hauses: das Tartar vom bayerischen Alpenrind oder der Schweinsbraten. Für das Preis-Leistungsverhältnis sei man in den vergangenen Jahren im Guide Michelin aufgeführt gewesen. „Wir wollten immer ein bisschen besonders sein, nicht so 08/15“, sagt Anton Kandler.

Star-Gastronom sieht schwierige Zeiten für die Branche (Video)

Seine Töchter hoffen nun, irgendwann – der Wunschtraum ist, schon in ein, zwei Jahren – wieder Gastgeber sein zu können. Die Räumlichkeiten, in denen die Familie auch wohnt, werden nicht verkauft. Sollte es tatsächlich weitergehen, werden die Eltern das Zepter an ihre Kinder weitergeben. Anton Kandler betont entgegen anders lautender Gerüchte, dass er keine Insolvenz habe anmelden müssen.

Seine Töchter wollen nun die Zeit für Fortbildungen nutzen. „Ich will auf jeden Fall den Sommelier machen“, sagt Elisabeth Kandler, die Tourismus- und Eventmanagement studiert hat. Anna-Maria würde gerne noch Konditorin lernen. Sie ist Absolventin der Steigenberger Akademie, einer Hotelfachschule in Bad Reichenhall. „Von heute auf morgen müssen wir jetzt umplanen“, sagt Elisabeth Kandler. Und ihr Vater meint: „Es gibt Tage, da geht’s mir echt nicht gut.“ So richtig will er sich mit dem Thema Rente nicht anfreunden. Als Gärtner und Hausmeister, der er im Betrieb auch gewesen ist, wird er sich aber weiter um die Pflege der sehenswerten Anlage kümmern.

Das Traditionshotel Kandler muss schließen: Familie blickt traurig in die Zukunft

Für die Familie werden es heuer traurige Weihnachtsfeiertage – die ersten, an denen sie nicht arbeiten. Mit strahlenden Augen erinnern sie sich an die gute Stimmung und die Beleuchtung des Hotels. „Wahrscheinlich gehen wir heuer an Weihnachten woanders hin zum Arbeiten“, sagt Elisabeth Kandler mit Galgenhumor.

Bis zum Ende in vier Wochen hat die Gaststätte jeden Tag geöffnet – mittags und abends, sonntags auch zu Kaffee und Kuchen. Die Familie will sich für alle Kunden noch mal besonders reinhängen und plant für das letzte Wochenende eine kulinarische Überraschung. Wer noch Gutscheine hat, den bitten die Kandlers, diese im Endspurt einzulösen. „Wir haben alles gegeben“, sagt Anna-Maria Kandler.

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