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Kartons mit vollen Obazda-Bechern stehen in der Entsorgungshalle, denn sie haben einen Produktfehler.

Hinter den Kulissen der Speisereste- und Tierköperverwertungsanstalt Berndt

Das Geschäft mit der Wegwerfgesellschaft

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250 Tonnen Speiseabfälle, bis zu 200 Tonnen Tierreste - und das täglich: In der Speisereste- und Tierkörperverwertungsanstalt Berndt in Oberding haben die 180 Mitarbeiter viel zu tun. Ein Besuch.

Oberding– Zwei Mitarbeiter reißen die Papierverpackungen auf und schmeißen dutzende Camembertsin eine blaue Tonne. Chef Rainer Berndt, schaut zu – der 56-Jährige betreibt die gleichnamige Speiserestentsorgungs- und Tierkörperverwertungsanstalt mit 180 Mitarbeitern in Oberding. Ein oranger Berndt-Lastwagen nach dem anderen fährt an diesem Vormittag an, auf dem Betriebshof riecht es nach Fett und Erbrochenem. Berndt sagt: „Natürlich gibt es wegen des Geruchs schon mal Beschwerden. Aber wenn das Zeug schon gstingadankommt, dann kannst nichts machen.“

Zu Berndts Kunden gehören Wirtshäuser, Großkantinen und Krankenhäuser

Er trägt Jeans, blaues Hawaiihemd, darüber einen weißen Kittel und eine orange Warnweste. Die sei mittlerweile Pflicht auf seinem Firmenareal. Denn kürzlich wurde ein Mitarbeiter verletzt, weil ihm ein Lkw-Fahrer über den Fuß gefahren ist, erzählt Berndt.

Dutzende Camemberts werden erst entpackt und landen dann in der blauen Berndt-Abfalltonne.

Seine Lastwagen sind beladen mit blauen Abfalltonnen und rollen aus ganz Südbayern an. Zu Berndts Kunden gehören Wirtshäuser, Großkantinen, Krankenhäuser, aber auch McDonalds, das Rote Kreuz und die Bundeswehr: „Jeden Tag bekommen wir etwa 250 Tonnen Speiseabfälle angeliefert.“ Darunter sind auch Supermarkt-Produkte, die einen kleinen Fehler haben – wie die Camemberts oder die Reste vom Biergarten-Teller: „Zu unseren Kunden gehören etwa 40 Erdinger Wirtschaften.“

Vor allem Knochenreste aus Schlachthöfen von Rindern, Schweinen und Geflügel

Aber auch ganze Tiere entsorgt Berndt. 150 bis 200 Tonnen landen jeden Tag in Oberding, vor allem Knochenreste aus Schlachthöfen von Rindern, Schweinen und Geflügel. „Die Fahrer, die das transportieren, müssen ihre Lastwagen danach desinfizieren“, sagt Berndt. Vor dem Tor zur Tierentsorgung hängt ein gelbes Schild: „Seuchengefahr – Zutritt verboten“. Es gelten besondere Hygiene-Vorschriften. Hochbetrieb herrsche dort vor allem zur Biergarten-Saison, also jetzt: „Wenn viel gegessen wird und viel übrig bleibt.“

In der Trennmühle wird Plastik von Speiseresten separiert. Aus dem Speisebrei wird etwa Biodiesel gewonnen.

Die übrigen Knochen- und Fleischreste werden in Fett getrocknet, gemahlen und zu Fleischmehl weiterverarbeitet. Das wird ins Tierfutter, zum Beispiel für Hunde, gemischt und gilt als sehr proteinreich: „Ein Drittel davon liefern wir im Schiffscontainer nach Asien, zum Beispiel nach Vietnam oder Bangladesch“, sagt Berndt.

Rainer Berndt: „Es wird viel zu viel weggeschmissen.“

Und was wird aus den Camemberts? Die Antwort liefert er in der Abfallhalle, dort ist die Luft noch dampfiger, es riecht nach Verfaultem. Außerdem stehen dort zwei Kartons, voll mit hunderten Obazda-Bechern. Sie sind ungeöffnet. Berndt nimmt sie in die Hand, an der Seite läuft der orangefarbene Käse heraus, er sagt: „Die wurden wahrscheinlich aussortiert, weil die Verpackung nicht ganz dicht ist.“ Unsere Wegwerfgesellschaft ist Berndts Geschäft: „Manche meinen, ich freue mich drüber, wenn viel weggeworfen wird“, aber da schüttelt er den Kopf, denn: „Es wird viel zu viel weggeschmissen. Mir wäre es lieber, wenn möglichst viele Lebensmittel gegessen würden.“ Daran würden Hotels und Gasthäuser schon arbeiten: Durch eine bessere Planung oder Convenience-Produkte, also zum Beispiel Soßen oder Brühen aus der Packung. Schuld sei aber auch der Verbraucher: „Wenn eine von 25 Cherrytomaten kaputt ist, werden sie nicht mehr gekauft.“

Der Essensbrei wird zu Biodiesel oder Gärsubstrat für Biogasanlagen

Berndt steht neben einem Becken voll mit einem bunten Essenspotpourri aus Wienern, Salat, Brot, Äpfeln, Paprika und wieder Camembert. In der Trennmühle gegenüber wird das Ganze zu Brei. Die vier Hydraulikschnecken trennen das Plastik vom Lebensmittel. Anschließend wird der Essensbrei fein gemahlen und auf 122 Grad erhitzt. In einem chemischen Verfahren werden Fette daraus gewonnen. „Daraus wird Biodiesel oder Gärsubstrat für Biogasanlagen“, sagt Berndt. Früher sei er für diese Idee belächelt worden. „Damals wurden die Speisereste einfach an die Schweine in der Landwirtschaft verfüttert – und dann gab es Schweinepest.“

Das Schwert im Rücken: Rainer Berndt an seinem Schreibtisch. Das Schwert erinnert an seine Vorfahren.

Eigentlich wollte Berndt nie den Betrieb seiner Familie übernehmen, der 1845 in Pommern gegründet wurde: „Meine Vorfahren waren Henker und Scharfrichter“, erzählt er. Hinter seinem Schreibtisch hängt deshalb ein Schwert, eine Sonderanfertigung, als Erinnerung an die Vorfahren.

Rainer Berndt: „Ich wollte Segelflugzeugbauer eigentlich werden“

Bereits früher wurden Tierreste wieder verwendet: „Aus den Fellen hat man Leder hergestellt oder Tierfutter aus den Schenkeln.“ Damit wollte Berndt als Jugendlicher nichts am Hut haben: „Ich wollte Segelflugzeugbauer werden“, gemacht hat er eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. „Aber dann hat ein Freund zu mir gesagt: Ich würde des schon versuchen, weiterzuführen.“ Seinen Traum von Fliegen lebt er privat: Er hat ein Elektroflugzeug und war damit schon in ganz Europa, in Afrika und den USA.

Als der „Rinderwahn“ Anfang der 2000er ausbrach, war der Medienrummel groß

Daheim ist Berndt in Altdorf bei Landshut, aber beruflich als Chef von insgesamt 400 Mitarbeitern viel unterwegs. Denn er führt einen ähnlichen Speiserestentsorgungsbetrieb auch im thüringschen Wünschendorf/Elster, das Gelände sei nach DDR-Ende günstig gewesen. Außerdem hat Berndt zwei weitere Standorte in Kraftisried im Allgäu und St. Erasmus bei Waldkraiburg. 

Dutzende Camemberts werden erst entpackt und landen dann in der blauen Berndt-Abfalltonne.

Dort werden auch Tierkörper mit hohem Risiko entsorgt, etwa mit Schweinepest oder BSE. Als der „Rinderwahn“ Anfang der 2000er ausbrach, hatte Berndt viel zu tun und: „Da gab es natürlich ganz viel Medienrummel um uns.“ Das sei vorbei, aber auch ohne Seuche gebe es viel zu tun – die Entsorgung weggeworfener Camemberts zum Beispiel.

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