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Günther Denzinger in seinem Salon an der Schwaiger Werkstraße.

Schwaiger Frisör Günther Denzinger hört auf und erinnert sich

Als der Kunde im Frisörstuhl starb

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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Man kennt es höchstens aus alten Mafia-Filmen, dass mal jemand beim Frisör sein Leben lässt. Günther Denzinger hat das tatsächlich erlebt. Und zwar nicht vor dem Fernseher, sondern in Realität. Das Dumme: Er war der Frisör – und der Tote im Frisörstuhl sein Kunde. Fast ein halbes Jahrhundert ist das her. Damals war das ein Schock für den Teenager. Heute, nach 48 Jahren im Job und wenige Wochen vor dem Eintritt in den Ruhestand, kann Denzinger darüber lachen. Zum 1. August gibt er seinen Salon an der Werkstraße in Schwaig in andere Hände.

Schwaig – Doch nochmal zurück zu dem Toten. Das war in Denzingers Lehrzeit, als er regelmäßig ins Seniorenheim ging und dort Bewohnern die Haare schnitt. „Ich hatte ihn gerade eingeseift und schon eine Seite rasiert. Als ich vom Rasierpinselwaschen zurückgekommen war, hing sein Kopf schon nach unten“, erzählt der heute 63-Jährige. Ob es an seinen noch nicht so ausgereiften Schneidekünsten lag, will unser Autor frech wissen. „Nein, er hat nicht geblutet“, meint Denzinger lachend. Jedenfalls bat die Schwester damals darum, den Verstorbenen noch fertig zu rasieren. Das übernahm dann allerdings sein Lehrmeister Alfons Huber.

Von wegen Schreinermeister

Dass er bei dem Erdinger Frisör einmal lernen würde, war alles andere als vorgezeichnet. Denzinger wollte eigentlich einen typischen Männerjob ergreifen. Schreiner oder Schuster zum Beispiel. Sein Spezl Jakob Sainer gab jedoch den Ausschlag für einen anderen Lebensweg. Der war ein paar Jahre älter, selbst Frisör, und ihm schaute Denzinger ab und zu über die Schulter. „Um Gottes Willen, du willst jetzt auch Frisör werden. Wieso das denn?“, habe der mal gefragt. „Dann habe ich mir gesagt: Jetzt mach ich’s mit Fleiß“, erzählt Denzinger lachend.

Also fuhr er beim Salon jenes Alfons Huber an der Haager Straße in Erding vorbei und fragte ihn, ob er einen Lehrling brauchen könne. Das konnte er tatsächlich. Nach der Lehre arbeitete Denzinger noch einige Jahre in Erding, ehe er 1979 nach München wechselte. 1983 ging es zurück in den Landkreis Erding, 1991 eröffnete Denzinger den Salon in seinem Elternhaus in Schwaig, das er seitdem immer wieder ausgebaut hat. Ein paar Jahre lang betrieb er sogar gleichzeitig dazu noch zwei weitere Salons – in Erding und Neufahrn, die er heute nicht mehr hat. 2004 war zum Beispiel in Erding Schluss. „Da haben mir vier Frisörinnen auf einen Schlag aufgehört“, blickt Denzinger zurück.

Erster Kunde: ein Paul-Breitner-Afro

Der Erste überhaupt, dem er die Haare geschnitten hat, war sein Spezl und Nachbar Martin Schichtl. Im Alter von 14 Jahren schnitt er ihm die Haare im Keller. Keine leichte Aufgabe: Der hatte nämlich einen Paul-Breitner-Gedächtnis-Afro. „Aber ihm hat’s getaugt“, erinnert sich Denzinger. Wie viele weitere Kunden aus den Anfangstagen kommt auch Schichtl bis heute bei ihm vorbei. Viele Freundschaften seien über die Jahre entstanden, sagt der 63-Jährige. „Das sind Freunde und schon fast keine Kunden mehr“, meint er. Ein Kunde – oder eben Spezl – komme zum Beispiel seit 40 Jahren zur gleichen Zeit vorbei. Jeden Samstag. Jedes Mal zum Bartschneiden.

In all den Jahren hat sich viel verändert. „Als ich das Lernen angefangen habe, war es noch die Beatles-Zeit. Da hattest du als Frisör noch viel Arbeit, man musste sich richtig reinhängen. Das war immer schwierig. ,Dua ma bloß ned z’vui weg!‘, hieß es damals. Heute können die Haare gar nicht kurz genug sein.“

Ist es für Frisöre heutzutage also langweiliger geworden? „Nein. Langweiliger wird’s nur, wenn’s keinen Spaß mehr macht. Und den hab’ ich nach wie vor“, sagt Denzinger. Man nimmt es ihm zu mindestens 100 Prozent ab. „Ich schneide alles gern“, sagt er. Damenfrisuren mache er allerdings seit 20 Jahren schon nicht mehr. Dafür habe er ja seine Frisörinnen, derzeit zwei an der Zahl.

Diese Irokesen...

Denzingers Salon an der Haager Straße in Erding im Jahr 1983.

Was war dann eigentlich die schrägste Frisur, die er je gemacht hat? „Die Irokesen in den 90ern. Das hat mir gar nicht gefallen. Aber bevor du jemanden wegschickst, machst du’s halt einfach“, sagt Denzinger achselzuckend. Was ihn wundert: Noch heute hat er viel junge Kundschaft, die es doch eigentlich zu jüngeren Kollegen ziehen müsste. Er wisse nicht so recht, warum. Jedenfalls sei kürzlich erst wieder eine Familie mit Kindern extra aus München gekommen. „Zum coolen Frisör, haben sie gesagt. Naja, vielleicht liegt es daran, dass ich Kinder gern mag“, meint Denzinger, der aus erster Ehe zwei Kinder und mittlerweile vier Enkel hat. Seit drei Jahren ist er mit seiner zweiten Frau Maria verheiratet.

Dass ihm ausgerechnet in den letzten Wochen Corona dazwischenfunkt, findet Denzinger schade. „Nach der Öffnung war brutal viel Arbeit“, erzählt der Ur-Schwaiger, der aber einen positiven Effekt ausgemacht hat: „Die Leute haben sich verändert. Wenn sie erst in zwei Wochen einen Termin bekommen, dann beschweren sie sich nicht mehr.“

Leidenschaftlicher Fußballer

Viele Fußballer aus dem Landkreis kommen übrigens bei Denzinger vorbei. Kein Wunder, er hat lange selbst Fußball gespielt. Der Bayern-Fan ist seit 25 Jahren 2. Vorsitzender seines FC Schwaig, den er nur mal für zwei Jahre Bezirksliga in Neufahrn von 1978 bis 1980 verlassen hat.

Ein ehemaliger kickender Kunde kommt vom SC Kirchasch. „Als wir gegen die mal gespielt haben, meinte der: ,Das ist mein Frisör. Der wenn jetzt gegen uns ein Tor schießt, geh’ ich nicht mehr hin!‘“ Freilich hat Denzinger dann ein Tor geschossen. Sein Kontrahent sollte allerdings wiederkommen. „Beim ersten Mal hat er mich noch geschimpft“, meint Denzinger lachend.

Kunden können ja auch mal verzeihen. Wie jener, bei dem Denzinger vergessen hat, den Aufsatz auf die Schneidemaschine zu tun. „Dem habe ich eine richtige Autobahn reingefräst.“ Geblutet habe er aber nicht – ähnlich wie der Tote aus der Lehrzeit. Und gestorben ist er schon gleich zweimal nicht.

„Schlimmer als beim Metzger“

Zum 1. August übergibt Denzinger nun seinen Salon an der Werkstraße an Annette Gesse. Die 44-Jährige hat in Dingolfing 22 Jahre lang einen Salon geführt, vor zwei Jahren hat sie nach Oberding geheiratet. Seinen Stammkunden bleibt Denzinger aber treu – wie sie es ihm die ganze Zeit auch geblieben sind. Er wird einmal die Woche, angestellt auf 450-Euro-Basis, weiterschneiden. Auf die Kommunikation mit der Kundschaft muss er künftig also nicht ganz verzichten.

Genau die ist es ja auch, die ihn seit fast einem halben Jahrhundert weiter für den Job brennen lässt. Etwa, wenn er am gleichen Tag die neuesten Aufreger im Ort aus verschiedenen Perspektiven erzählt bekommt. Bei ihm wird also fleißig geratscht wie beim Bäcker oder Metzger? „Beim Frisör ist es noch schlimmer“, gesteht Denzinger lachend. Schließlich hätten die Leute in seinem Stuhl mehr Zeit zum Erzählen. Zumindest, wenn sie nicht unerwarteterweise sterben.

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