Immer ein Ohr für Schüler, Eltern und Lehrer: Dr. Sylvia Fratton-Meusel (l.), Leiterin des Schulberatungszentrums West, und Andrea Kugi, Leiterin des Zentrums Ost. Das Foto entstand vor der Pandemie.
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Immer ein Ohr für Schüler, Eltern und Lehrer: Dr. Sylvia Fratton-Meusel (l.), Leiterin des Schulberatungszentrums West, und Andrea Kugi, Leiterin des Zentrums Ost. Das Foto entstand vor der Pandemie.

Viel Arbeit für die beiden neuen Schulberatungszentren

Turbulentes Auftaktjahr für Schulberatung: Corona erhöht Depressionen und familiäre Probleme

  • VonMayls Majurani
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Das Coronavirus hatte Deutschland noch nicht erreicht, da richtete der Landkreis die Schulberatungszentren West und Ost ein in Oberding und in Dorfen ein (wir berichteten). Schulpsychologin Sylvia Fratton-Meusel leitet nun seit etwas über einem Jahr das Zentrum in Oberding. Im Februar 2020 erreichte die Pandemie Europa und stellte auch in ihrer Einrichtung den Alltag auf den Kopf.

Oberding - Der Unterstützungsbedarf wird in der Zukunft weiter steigen, glaubt sie. Die Pandemie wird nicht enden, ohne Spuren in den Seelen zu hinterlassen. „Anfangs hat es ein bisschen gedauert, bis sich das Angebot rumgesprochen hat“, erinnert sich Fratton-Meusel. „Aufgrund der Pandemie mussten wir auch stark umplanen, haben sehr viele Vorgaben vom Kultusministerium bekommen. Mittlerweile hat sich aber alles eingespielt, und das Angebot wird sehr gut angenommen“, erzählt sie.

In den Zuständigkeitsbereich des Zentrums in Oberding fallen 19 Grund- und Mittelschulen mit rund 3600 Schülern. Die fünf Schulpsychologinnen und die drei Beratungslehrkräfte der Einrichtung – das Dorfener Personal nicht mitgezählt – stehen bei schwierigen Entscheidungen, etwa der möglichen vorzeitigen Einschulung, bei Lern- und Leistungsschwierigkeiten, Verhaltensproblemen oder akuten Krisen, beispielsweise Schulverweigerung oder Aggressionen, mit Rat und Tat den Eltern, Schülern und Lehrkräften zur Seite. Unterstützt werden sie von Beratungslehrkräften, die hinsichtlich Übertritts- und Schullaufbahn eine wichtige Rolle spielen. Vier weitere Schulpsychologinnen sowie vier Beratungslehrer sind am Schulberatungszentrum Ost in Dorfen tätig.

„Wir können eigentlich in allen Bereichen eine Diagnose oder zumindest eine Vordiagnose stellen“, sagt Fratton-Meusel. Dazu gehören vor allem Legasthenie, Dyskalkulie, aber auch Depressionen oder ADHS. Es käme auch vor, dass die Schüler – nach Absprache mit den Eltern – an Kliniken mit Kinder- oder Jugendpsychiatern weitervermittelt werden. Manche der Probleme, etwa Depressionen oder ADHS, könne man dort in Kooperation effektiver behandeln. „Oft begleiten wir die Familie auch nach der Diagnose, wenn das Kind extern behandelt wird“, sagt die Einrichtungsleiterin.

Bis es tatsächlich so weit kommt, sei es aber ein weiter Weg. Oft ließen sich die Probleme nämlich durchs Reden lösen: „Wir müssen schauen, was für Gespräche wir führen müssen. Manchmal muss zuhause oder in der Schule etwas verändert werden, und es klappt wieder alles. Wir führen ja auch nicht nur ein einziges Gespräch mit dem Schüler. Es ist ein Prozess mit vielen Gesprächen.“

Aktuell gestalten sich diese aber kompliziert. Zwar gebe es viel Kontakt per Telefon oder Videokonferenz, allerdings könne man aus der Ferne keine Diagnose stellen. In Einzelfällen würden die Schüler auch weiterhin zum Gespräch vor Ort eingeladen: „Wir haben genug Räume, die wir regelmäßig desinfizieren und lüften, und wir haben auch Spuckwände aufgestellt.“ Fratton-Meusel lobt die Gemeinde Oberding und das Erdinger Schulamt: „Wir finden da immer Gehör, wenn wir was brauchen – seien es Arbeitsmaterialien oder weitere Räumlichkeiten. Sie unterstützen uns, wo sie können.“

Die größte Herausforderung, die das Coronavirus mit sich bringe, sei das Homeschooling. Denn familiäre Probleme oder Depressionen gebe es seit Pandemiebeginn vermehrt: „Dazu gibt es bundesweite Studien, aber auch ich selbst stelle fest, dass solche Anfragen bei uns steigen“, sagt die Schulpsychologin. Zudem würden auch die Lehrkräfte am Monitor viel weniger mitbekommen. Einige Problemfälle würden so einfach durchs Raster fallen.

Das Zentrum ist auch eine Hilfe für die Lehrer: „Wir haben auch oft Anfragen von Lehrkräften, vor allem während des Distanzunterrichts, die sagen: ‚Wir erreichen das Kind nicht, was können wir tun?’“

In der Zukunft werde sich ihr Arbeitsaufkommen vermehren, glaubt Fratton-Meusel. „Wenn irgendwann wieder Regelbetrieb an den Schulen herrscht, wird es wieder mehr Ansprechpartner vor Ort geben, und auch die Lehrer werden wieder mehr mitbekommen.“

Die Scheu und die Hemmungen der Eltern, sich an die Beratungslehrer oder Schulpsychologinnen zu wenden, sei aber gering, versichert Fratton-Meusel. „In den letzten zehn bis 15 Jahren ist viel passiert, das Vertrauen in uns ist gestiegen. Wir haben ja auch eine Schweigepflicht und arbeiten streng vertraulich.“ Teilweise würden ältere Mittelschüler sogar alleine um Rat bitten. „Insgesamt sind die Akzeptanz und die Bereitschaft, Beratungen in Anspruch zu nehmen, gestiegen.“

Zuständigkeitsbereiche der Schulberatungszentren:

Erding West in Oberding: Mittelschule (MS) Altenerding, Grundschule (GS) Bockhorn, Carl-Orff-GS Altenerding, GS Eitting, MS/GS Erding-Lodererplatz, GS Erding-Grüner Markt, GS Erding-Ludwig-Simmet-Anger, GS Klettham, GS Langengeisling, MS/GS Finsing, MS/GS Oberding, GS Ottenhofen, GS Walpertskirchen, GS Wörth, MS Wörth, GS Moosinning. Erding Ost in Dorfen: GS Langenpreising, GS Berglern, MS/GS Wartenberg, GS Schröding, GS Fraunberg, GS Inning, MS/GS Taufkichen, GS Moosen, MS Dorfen, GS Dorfen-Nord, GS Dorfen-Mühlanger, GS Eibach/Grüntegernbach, GS Schwindkirchen, GS Lengdorf, GS St. Wolfgang, GS Pastetten, MS/GS Forstern, MS/GS Isen.

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