Hans Schauer steht am Walzenstuhl in seiner Mühle, wo das Getreide über geriffelte Walzen läuft und dabei geschrotet wird
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Im Walzenstuhl läuft das Getreide über geriffelte Walzen und wird dabei geschrotet.

In Unterschwillach wird noch Mehl hergestellt

In der Mühle von Hans Schauer wird gemahlen wie vor 60 Jahren

Waren im vorigen Jahrhundert noch einige Mühlen im Schwillachtal in Betrieb, so wird heute nur noch in der Schauermühle in Unterschwillach Korn zu Mehl gemahlen. Müller Hans Schauer führt uns durch seine historische Mühle und erklärt sein Handwerk.

Unterschwillach – Waren im vorigen Jahrhundert noch einige Mühlen im Schwillachtal in Betrieb, so wird heute nur noch in der Schauermühle in Unterschwillach Korn zu Mehl gemahlen. Müller Hans Schauer führt uns durch seine historische Mühle und erklärt sein Handwerk.

Eigentlich hätte er lieber die Landwirtschaft übernommen, erzählt der 74-Jährige, doch der kranke Vater brauchte seine Hilfe in der Mühle, und so stieg der 15-jährige Hans nach der Schule mit ein. „Wo tun wir denn dich hin?“, fragte sich der damalige Berufsschuldirektor Wilhelm Steinkirchner, denn Schauer war der einzige Müller-Lehrling in Erding. Gelandet ist er in der Bäckerklasse, von der ihm der Genuss der köstlichen Backwerke positiv in Erinnerung geblieben ist.

Ein Jahr später starb der Vater, und Hans hielt die Mühle mit Hilfe eines angestellten Müllers am Laufen. In den 60er Jahren hätten viele Müller aufgehört, denn der Staat zahlte Prämien für die Stilllegung, um Überkapazitäten abzubauen. Das kam für Schauer nicht in Frage: „Ich hab’ dem Vater versprochen, weiterzumachen.“ Seit über 50 Jahren ist die Mühle praktisch unverändert in Betrieb. „Früher hatten wir Jutesäcke mit 100 Kilo, das war eine Schinderei“, sagt der gebürtige Unterschwillacher. Später wechselte man zu Papiersäcken mit meist 25 Kilo Inhalt.

Als kleinster Stromversorger Bayerns habe ich immer noch 13 Kunden.

Hans Schauer

Urkundlich erwähnt wird die Schauermühle erstmals 1234 als Hofmühle. Später gehörte die Mühle zum Kloster Ebersberg, an das der Betreiber Abgaben liefern musste. 1894 erwarb der Großvater von Hans Schauer die Mühle, die damals mit einem Wasserrad betrieben wurde. Da Wohnhaus und Mühle 1911 abgebrannt sind, stellte man beim Wiederaufbau auf Elektrizität um. Die Francis-Turbine versorgte die Mühle und etwa 40 Haushalte in der Umgebung mit Strom.

„Als kleinster Stromversorger Bayerns habe ich immer noch 13 Kunden“, sagt Schauer stolz. Aber auch bei einem Stromausfall könnte er jederzeit wieder mit Wasserkraft mahlen, erklärt der Müller, der am liebsten wieder ein Wasserrad einbauen würde.

In der historischen Schauermühle läuft der Betrieb noch wie vor 60 Jahren, auch die Maschinen stammen teils aus Vorkriegszeiten. Große Bewunderung hegt Schauer heute noch für den Mühlenbauer Eichner aus Dorfen, der nach dem Krieg ein ganzes Jahr bei den Schauers verbracht hat. „Ganz ohne Maschinen hat er mit Schablonen die Einbauten millimetergenau eingepasst. Der Mann war ein Genie“, schwärmt der Müller.

Der Walzenstuhl ist Baujahr 1946 - und läuft wohl noch in 100 Jahren

Vielen Besuchern, darunter auch Schulklassen und Kindern aus dem Ferienprogramm, hat Schauer schon den Weg vom Korn zum Mehl demonstriert.

Zur Reinigung durchläuft das Getreide vor dem Mahlvorgang einen Aspirateur, in dem das Korn in einem Luftstrom von Unkraut befreit wird. Das Mahlen selbst erfolgt in einem Walzenstuhl, wo das Korn über geriffelte Walzen läuft und dabei geschrotet wird. Hier kann der Müller zwischendrin eine Handvoll Mahlgut entnehmen, um die Konsistenz zu prüfen. „Die Maschine der Schweizer Firma Bühler ist Baujahr 1946, die war der ganze Stolz vom Vater“, erinnert sich Schauer. In den vergangenen 50 Jahren sei an der Maschine nichts kaputt gegangen, wahrscheinlich läuft sie in 100 Jahren immer noch, so seine Vermutung.

Um das Mehl zu mahlen, braucht es mehrere Schrotgänge, dazwischen wird das Mehl mit einem Elevator wieder nach oben befördert. So heißen die senkrechten Holzrohre, in denen ein Gurt mit Bechern befestigt ist, der das Mahlgut aufnimmt und transportiert. Im oberen Stockwerk angekommen, wartet der Plansichter. Er trennt mit kreisförmigen Bewegungen das Gemisch aus Mehl, Schrot, Dunst und Grieß in seine Bestandteile, die sich in den Sieben sammeln. Der Plansichter in der Schauermühle ist eine Rarität Baujahr 1936 der Firma MIAG und weist noch den Stempel „D.R. Patent“ (Deutsches Reichspatent) auf.

80 Prozent des Getreides werden zu Mehl, der Rest ergibt Kleie als Viehfutter

Für das Mehl geht’s durch den Trichter wieder nach unten zum nächsten Durchgang in den Walzenstuhl. „80 Prozent des Getreides werden zu Mehl, der Rest ergibt Kleie, die als Viehfutter dient“, erklärt Schauer, der das von den Kunden bevorzugte Weißmehl durchaus kritisch sieht. „Es wird nur fürs Auge gekauft, gesünder wäre das dunklere Vollkornmehl, das unsere Vorfahren über Jahrtausende gegessen haben.“

Verkauft wird das fertige Mehl an Bäckereien wie die Bäckerei Haug in Herdweg, aber auch an private Kunden. Maximal zwei Tonnen kann Schauer pro Tag mahlen, „rentieren würde es sich erst ab zehn Tonnen“. Die Mehle der verschiedenen Schrotgänge werden in einer Maschine gut durchgemischt, bevor das fertige Produkt in weißen Säcken mit dem Schauermühlen-Stempel abgefüllt wird.

Zum Verschließen nutzt Schauer eine elektrische Handnähmaschine, doch er hat auch das manuelle Verschließen drauf. „Bei meiner Gesellenprüfung in Traunstein war das Säcke-Zubinden von Hand einer der wichtigsten Punkte“, erinnert sich der 74-jährige und demonstriert mit flinken Fingern, dass er die spezielle Faltung und Verknotung beherrscht.

Regional hergestelltes Mehl ist sehr gefragt

Mussten die Müller früher oft um die Abnahme ihrer Produkte bangen, so ist regional hergestelltes Mehl heute sehr gefragt. Biobauern aus der Region lassen ihr Getreide gern bei Schauer mahlen. Dies hat ihm sogar einen Fernsehauftritt in den „BR-Hofgeschichten“ mit Biolandwirt Mogli Billesberger aus Moosinning beschert. „Auch das TV-Team war hochbegeistert von meiner historischen Mühle“, freut sich Schauer.

Aus gesundheitlichen Gründen muss er momentan etwas kürzer treten. Einen Nachfolger wird er wohl nicht finden. „Die jungen Müller könnten mit den alten Maschinen gar nicht arbeiten“, sagt Schauer schmunzelnd. Er könnte es aber nie übers Herz bringen, die alte Mühle abzureißen, ist sie doch die einzige noch betriebene im ganzen Landkreis.

Gerda und Peter Gebel

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