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Gesunde Kühe und Kälber im Stall von Waltraud Pichlmair. Hier erlebte die Bäuerin die Tragödie mit dem Hundevirus. 

Tragödie auf Weide

Kälber-Fehlgeburt wegen Hundekot

Ein totes Kalb schockt Landwirtin Waltraud Pichlmair. Die Gewissheit über die Ursache bringt auch keine Erleichterung: Die Mutterkuh war mit einem Parasiten infiziert, das durch Hundekot übertragen wird.

SiggenhofenEin gerade geborenes Kalb liegt tot auf der Weide. Die Landwirtin ist bestürzt. Wie konnte das passieren? Das Neugeborene wirkt nicht verletzt, die reinrassige Piemonteser Mutterkuh ist wohlauf. Bald weiß Waltraud Pichlmair aus Siggenhofen, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Ottenhofen: Die Ursache für diese Fehlgeburt war Hundekot. Wissenschaftler von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Grub bestätigen ihr, dass die Mutterkuh mit dem Parasit Neospora caninum infiziert ist.

Blutprobe: Mutterkuh mit Virus infiziert

Diese Gewissheit ist für die 58-jährige Bäuerin der nächste Schock. Sie muss die infizierte Mutterkuh schlachten lassen und fürchtet um ihren Viehbestand: zehn Kühe und etwa 30 Jungtiere. „Ich spreche jetzt jeden Hundebesitzer an, auf die Hundegeschäfte besser zu achten“, erzählt die Siggenhofenerin, die gar nichts gegen Hunde hat. Schließlich ist sie selbst Frauchen von zwei großen und zutraulichen Landseern.

Zunächst hatte Pichlmair nicht an eine wissenschaftliche Erforschung der Todesursache gedacht. Sie brachte das tote Kalb zur Tierkörperverwertung. „Dann ist mir eingefallen, dass ich es in Grub hätte untersuchen lassen sollen“, sagt die Siggenhofenerin. Bei der Blutprobe der Mutterkuh kommt es heraus: Das Tier ist von dem einzelligen Parasiten befallen, der in letzter Zeit als Ursache für Fehlgeburten bei Rindern viel Aufmerksamkeit bekam.

Nach Angaben der Experten wurde der Erreger erst vor knapp 20 Jahren entdeckt. Der Hund ist gegenwärtig der einzig bekannte Endwirt. Infizierte Hunde können mit dem Kot die Parasiten-Eier abgeben und so andere empfängliche Tierarten anstecken. Als natürliche Zwischenwirte sind bislang Rinder, Büffel, Schafe, Ziegen, Pferde, Füchse und auch der Hund selbst bekannt.

Nehmen diese Tierarten die Neospora-Eier mit Futter oder Wasser auf, kommt es zum Befall von verschiedenen Organen, dem Fötus und der Plazenta. Bis zu 90 Prozent der infizierten Kühe bringen auf diese Weise infizierte – und oft nicht lebensfähige – Kälber zur Welt. Diese sind dann wiederum Träger und Ausscheider von Neospora caninum.

Veterinäramt: Seit zehn Jahren kein Fall

Bei einer vorangegangenen Blutuntersuchung in Pichlmairs Stall, die einmal im Jahr vorgeschrieben ist, kam heraus, dass eine andere Kuh infiziert war. Das Tier habe geschlachtet werden müssen, erzählt die Landwirtin.

Dem Veterinäramt Erding ist in den vergangenen zehn Jahren kein Abort bekannt, der auf den Parasiten zurückzuführen ist. Das berichtet die Pressestelle des Landratsamts auf Nachfrage. Es handle sich nicht um eine meldepflichtige Krankheit, daher könnten auch keine rechtlichen Schritte eingeleitet werden.

„Der Vorfall hat mich sehr bestürzt“, erklärt Ottenhofens Bürgermeisterin Nicole Schley. Als sie von dem Unglück in Siggenhofen erfahren habe, habe sie sofort den Flyer „Hundekot auf Wiesen – Gefahr für Kühe und Lebensmittel“ geordert. „Das werde ich mit einem Anschreiben an alle rund 250 Hundebesitzer im Gemeindegebiet verschicken“, kündigt Schley an. „Zusätzlich werde ich im Amtsblatt auf die Problematik hinweisen und die Hundebesitzer um Rücksichtnahme bitten.“

Ein Hundebesitzer klagt, dass in vielen Orten keine Hundekottüten öffentlich zugänglich seien. Noch seltener finde man Abfallkörbe, in die man die Tüten mit den Exkrementen werfen könne. „Wenn man diese nicht gerade duftenden Plastiktüten einige Kilometer mittragen muss, kann dem einen oder anderen Hundehalter das zu viel werden“, erklärt der Mann, der lieber nicht namentlich genannt werden will. Dann finde man die Reste unter Büschen, unter Autos und häufig auch auf landwirtschaftlichen Flächen entlang der Spazierwege. Noch gefährlicher wird es für die Landwirte und ihre Tiere, wenn Hunde ohne Leine über Wiesen und Felder laufen und dort ihren Kot hinterlassen.

„Vor zirka zwei Jahren haben wir auch an allen Ortsausgängen und bekannten Hundewegen Tütenspender aufgestellt und Mülleimer dazu, damit die Hundebesitzer auch immer eine Tüte zum Einsammeln des Hundekots zur Hand haben“, berichtet Schley. „Die Freiheit des einen endet an der Nasenspitze des anderen“, das habe ihr Juraprofessor den Studenten immer eingebläut, sagt die Bürgermeisterin. Das gelte auch für solche Fälle. „Dafür um Verständnis und gegenseitige Rücksichtnahme zu werben, ist mir wichtig.“

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