Reaktion auf drohende Ausweisung

Nigerianer findet Schutz im Kirchenasyl

Ottenhofen - In Ottenhofen gibt es einen ersten Fall von Kirchenasyl. Im Pfarrhaus wird derzeit ein junger Nigerianer beherbergt.

 Er hätte eine Anstellung in einem Hotel bekommen und war im wöchentlichen Deutschkurs vertreten. Jetzt hat ein Nigerianer seine Ausweisung erhalten – zurück nach Italien in das Erstankunftsland. Die Rede ist von einem Flüchtling, der seit Oktober zusammen mit zehn anderen Asylbewerbern in einer Unterkunft in Ottenhofen gelebt hat. Nun drohte die Abschiebung. Doch die Kirche ist auf seiner Seite.

Da der junge Mann zuerst in Italien europäischen Boden betreten hatte, kann ihn Deutschland wieder dorthin zurückschicken. Das sieht das so genannte Dublin-Abkommen vor.

Doch Italien wehrt sich. „Dort kümmert man sich nicht um die Menschen. Sie leben auf der Straße und bekommen natürlich keine Arbeit“, erklärt Ulli Stiegler. Das Mitglied des Asylhelferkreises hatte sich für den Flüchtling eingesetzt. „Die meisten kommen in Italien an und befinden sich dann für eineinhalb Jahre in einem Camp, wo sie Unterstützung erhalten. Danach werden sie in der Regel einfach laufen gelassen“, erklärt er. „Die Italiener wollen sich mit ihrem Verhalten gegen das Dublin-Verfahren wehren“, vermutet Stiegler, denn Italien gilt als das Erstankunftsland schlechthin.

Auch bei dem Betroffenen vor Ort war das der Fall. Er habe insgesamt vier Jahre in Italien verbracht, die meiste Zeit davon obdachlos. „Als Italien seinen Ausweis dann einfach nicht mehr verlängert hat, ist er nach Deutschland gekommen“, erzählt Stiegler. Der Helferkreis wolle für ihn kämpfen.

Der Hoffnungsschimmer aller Beteiligten: Die Dublin-Verordnung ist nur für ein halbes Jahr gültig. In diesem Zeitraum gewährt die Kirche dem Betroffenen auf ihrem Grund Asyl. Anschließend kann ein neuer Antrag gestellt werden, für den dann Deutschland zuständig ist. Das ist die einzige Chance, dass der junge Nigerianer ein geregeltes Asylverfahren bekommt. „Erst danach kann entschieden werden, ob er direkt zurück nach Nigeria muss, oder ob er bleiben darf“, sagt Stiegler.

Jetzt wurde dem jungen Mann ein Zimmer im Pfarrhaus zur Verfügung gestellt. „In Italien sind die Asylbewerber sich selbst überlassen. Es wäre nicht menschenwürdig, ihn im Winter auf der Straße leben zu lassen“, begründet Pfarrer Michael Bayer seine Entscheidung des Herzens. Er weiß, dass noch lange nicht absehbar ist, was die Zukunft bringt. Doch für ihn zählt der Moment. „Man muss in einem solchen Fall einfach handeln. Das ist gelebtes Evangelium.“

Bis 1. Juni darf sich der Nigerianer auf dem Grund der Kirche aufhalten. „Wenn er jedoch auf der Straße erwischt wird, wird er sofort abgeschoben“, erklärt Bayer. Der Betroffene ist sich darüber im Klaren. Im Gespräch mit der Heimatzeitung sagt er: „In Italien hätte es überhaupt keine Möglichkeiten mehr für mich gegeben und auch keine Aussichten auf einen Job. Da ist es kein Problem, dass ich mich nur in diesem Raum bewegen darf.“ Die Zeit vertreibe er sich vor allem, indem er selbstständig Deutsch lerne. Denn mit dem Job im Hotel wird es nun erst einmal nichts mehr. „Ich habe ein paar Übungsbücher, mit denen ich lerne. Einige Freunde besuchen mich auch.“

Finanzielle Unterstützung erhält der Asylbewerber ab sofort durch Spenden an den Helferkreis. „Außerdem hat er von der Jesuiten-Organisation 300 Euro für drei Monate bekommen. Natürlich kaufen wir ihm nur das Nötigste“, erzählt die Koordinatorin des Helferkreises, Andrea Stiegler. Es sei geplant, ihn sowie einige Sozialhilfeempfänger ohne Migrationshintergrund ab sofort mit übrig gebliebenem Essen aus der Mittagsbetreuung zu versorgen. „Wir werden jetzt immer nachfragen, ob noch etwas da ist, denn das ist auf jeden Fall besser als es wegzuwerfen“, sagt Stiegler.

Einen Haken hat die momentane Situation jedoch nach wie vor: Im Pfarrhof sei derzeit lediglich Platz für eine Person, bedauert Michael Bayer. Doch Kritik wissen die Verantwortlichen zu kontern. „Natürlich werden uns einige vorwerfen, dass das ungerecht anderen gegenüber ist, aber das Helfen kommt aus dem Augenblick heraus“, sagt Stiegler. „Es wäre doch Blödsinn, wenn ich nicht helfe, weil irgendwann noch jemand kommen könnte, der auch Unterstützung benötigt.“

Bürgermeisterin Nicole Schley respektiert die Entscheidung der Kirche. „Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen.“ Ob die Situation in nächster Zeit noch zum Streitthema wird, könne sie nicht einschätzen.

Fakt ist, dass die nächste Ausweisung im März ansteht. Was man dann tun kann, steht in den Sternen. Für den Nigerianer habe man jedoch einen kleinen einen Erfolg erzielt: „Er hat zwei bis drei Jahre gewonnen. Vielleicht ist die Lage in Nigeria dann schon besser“, hofft Stiegler.

von Julia Adam

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