Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika im Wind
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Mittwochabend, 4. November: Noch steht nicht fest, wer die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen hat. Klar ist aber: Die Wahl beschäftigt auch Amerikaner, die im Landkreis leben. (Symbolbild)

Eine Amerikanerin in Pastetten und eine Erdingerin in den USA schildern ihre Eindrücke von der Wahl

US-Wahl: „Ein Riss quer durch die Gesellschaft“

Mittwochabend, 4. November: Noch steht nicht fest, wer die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen hat. Klar ist aber: Die Wahl beschäftigt auch Amerikaner, die im Landkreis leben.

Pastetten/Erding/Washington – „Fassungslos und traurig“ ist Claudia Nolf über die Entwicklung der US-Wahl. Die Pastettenerin beginnt das Telefonat mit unserer Zeitung am Mittwochvormittag mit einem tiefen Seufzer. Sie verstehe ihre Landsleute nicht mehr, sagt die US-Amerikanerin, die seit 1981 in Deutschland lebt. „Sieht denn keiner, was für ein Mensch Donald Trump ist?!“

Zum Zeitpunkt des Interviews ist das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Präsidenten und seinem Herausforderer Joe Biden noch lange nicht entschieden. In ihrer Familie in den Staaten liege die Sympathie bei Biden. Die Zuspitzung durch Trumps Wahlbetrugsbehauptungen würden ihre Eltern in Dayton im US-Bundesstaat Ohio mit großer Sorge sehen. „Mein Vater sagt, dass ein Bürgerkrieg droht“, meint Nolf.

Die US-Amerikanerin Claudia Nolf lebt in Pastetten und ist „fassungslos und traurig“ über die Entwicklung der Wahlen.

Ihr ältester Sohn Dominic lebe in Michigan und kämpfe im engsten Umfeld mit dem Riss, der quer durch die Gesellschaft und sogar Familien gehe. „Er sagt: Über Politik und Religion spricht man besser nicht“, erzählt die 57-jährige Pastettenerin.

Sie liebe das Leben hier, aber eben auch die Vereinigten Staaten. „I love the American way of life and I speak English 24/7“ – „Ich lebe den amerikanischen Lebensstil und spreche den ganzen Tag Englisch“, sagt die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin in akzentfreiem Deutsch. Zuhause betreibt sie die Fremdsprachenschule „MyEnglish4You“ mit mehr als 100 Schülern vom Kindergarten- bis zum Erwachsenenalter hat. In der Wahlnacht habe sie schlecht geschlafen. Hoffentlich gibt es auch für Claudia Nolfs Nerven bald Klarheit.

Erdingerin Seval Aydin: „Hier gibt es fanatische Anhänger in beiden Lagern“

Die Gespaltenheit der Gesellschaft kann auch Seval Aydin bezeugen. Die gebürtige Erdingerin lebt seit einem Jahr mit ihrem Mann in Washington D.C. und macht ihren Master in Neuropsychologie. „Hier gibt es sehr viele fanatische Anhänger in beiden Lagern“, erzählt die 27-Jährige am Telefon. Aus Deutschland kannte sie das nicht: „Bei uns spricht man ja eigentlich weniger darüber, wen man wählt. In Amerika ist das ganz anders.“

Seval Aydin lebt in den USA und befürchtet einen steigenden Druck auf Ausländer, wenn Trump die Wahl gewinnt.

Diskussionen unter Andersdenkenden seien im Ton oft rau, neutrale Menschen gebe es fast nicht: „Alle haben eine Meinung, die sie mit voller Energie vertreten.“ Das gehe sogar so weit, dass man in zahlreichen Vierteln und Vororten auf Anhieb merke, welcher Kandidat dort unterstützt wird: „Die Leute hängen sich Fahnen und Poster an die Hauswände.“

Nun wünscht sich Aydin, die sich als apolitisch bezeichnet, ein zügiges Ende des Wahlkrimis. Und ein bisschen hofft sie auf den Sieg Bidens: „Unter Trump wird der Druck auf Ausländer steigen“, befürchtet sie. TIMO AICHELE/MAYLS MAJURANI

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