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„Regelwahn in der Kultur“

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Von: Alexandra Anderka

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Kaum mehr Publikum als Musiker auf der Bühne. Das Jugendkammerorchester Violinissimo spielte trotzdem. F: Violinissimo
Kaum mehr Publikum als Musiker auf der Bühne. Das Jugendkammerorchester Violinissimo spielte trotzdem. © Violinissimo

Landkreis – 2G plus in der Gastronomie, darauf hat sich das Bund-Länder-Gremium geeinigt. Bayern schert aus, es bleibt bei 2G in den Gaststätten. In der Kultur hingegen gilt vorerst weiterhin 2G plus, zusätzlich Maske und eine maximale Auslastung von 25 Prozent. Da drängt sich die Frage nach einer Ungleichbehandlung auf. Kulturschaffende aus dem Landkreis geben Antworten und sind geteilter Meinung.

In einer Sache sind sich alle einig: Ihnen sei nicht geholfen, wenn der Gastronomie schärfere Regeln aufgebrummt werden. „Ich gratuliere der Gastro, dass 2Gplus nicht umgesetzt wird“, sagt beispielsweise Alfred Mittermeier, Kabarettist aus Dorfen. „Ich bin keineswegs neidisch.“

Auch seine Erdinger Kollegin Monika Gruber freut sich „sehr für alle Gastro-Betreiber, dass ihnen der 2Gplus-Irrsinn erspart bleibt, wenngleich dieses Zuckerl von Herrn Söder sicherlich primär der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass sich dieser offensichtlich bereits im Wahlkampfmodus befindet“. Willkürliche Entscheidungen hingegen missfallen Mittermeier. „Die Politik soll sich an das halten, was die Wissenschaft empfiehlt.“

Fast denselben Satz sagte auch Ulrich Haider unserer Zeitung. Der Hubensteiner, der als Hornist bei den Münchner Philharmonikern angestellt ist, sieht die Not in der Gastronomie. Wenn von Gesundheitsminister Karl Lauterbach jedoch die Aussage komme, 2Gplus sei flächendeckend aufgrund der hoch ansteckenden Omikron-Variante nötig, habe er kein Verständnis für den Sonderweg Söders.

Gleichzeitig nimmt der Berufsmusiker, der wisse, dass er als Festangestellter in einem „Honigtopf“ sitzt, die Politiker auch in Schutz. „Es wird oft übersehen, dass sehr wohl was gemacht wird. Neuerdings fühlt sich hier jeder als Corona-Experte.“

 Den hochsubventionierten Kulturbetrieben ist dies natürlich wurscht und dem Rest der Kulturschaffenden offensichtlich auch, denn ich höre so gut wie keinen Protest aus unserer Ecke.

Kabarettistin Monika Gruber

Auch den Vorwurf, Deutschland würde sich nichts um die Kultur scheren, will er nicht stehen lassen. „Ich kenne kein anderes Land, das es sich leistet, mit öffentlichen Geldern fast 10 000 Orchester-Musiker zu finanzieren.“ An der Metropolitan Opera in New York, einem der berühmtesten Opernhäuser der Welt, seien zu Beginn der Pandemie alle Musiker entlassen worden.

Das Problem ist laut Haider nicht fehlendes Kulturverständnis der Politik, sondern, „dass die freiberuflichen Künstler keine Interessensvertretung haben. Das sind Einzelkämpfer“. Da sei die Gastronomie mit ihrem Verband mit Präsidentin Angela Inselkammer anders aufgestellt.

Auch Gruber wünscht sich lautere Stimmen in der Kultur: „Wir sind durch die erlaubte Maximalauslastung von 25 Prozent plus 2Gplus plus Maske de facto mit einem Berufsverbot belegt, denn diese Regelung ist für Veranstalter und Künstler ein Draufzahlgeschäft. Den hochsubventionierten Kulturbetrieben ist dies natürlich wurscht und dem Rest der Kulturschaffenden offensichtlich auch, denn ich höre so gut wie keinen Protest aus unserer Ecke.“

Mir fehlen da mittlerweile die Worte. Mir leuchtet nicht ein, warum in der Kultur nicht auch 2G möglich sein soll.

Kabarettist Alfred Mittermeier

Kabarettist Mittermeier wünscht sich mehr Gerechtigkeit, auch ohne Lobbyarbeit. „Mir fehlen da mittlerweile die Worte. Mir leuchtet nicht ein, warum in der Kultur nicht auch 2G möglich sein soll.“ Zudem werde so ein falsches Bild auf die Kultur geworfen: „Mit den großen Einschränkungen wird suggeriert, dass bei Kulturveranstaltungen eine besondere Gefahr bestehe.“ Dabei sei das Gegenteil der Fall, nur 0,9 Prozent der Infektionen gingen auf Kulturveranstaltungen zurück, zitiert der Dorfener eine Studie mittels der Luca-App.

Auch Werner Meier, Kabarettist und der männliche Part der Kinderband Sternschnuppe aus Ottenhofen, kennt diese Zahl und kann deshalb ebenfalls nicht nachvollziehen, weshalb 2G nicht auch für die Kultur gelten soll. Ihm gehe es aber weniger um eine Gleichbehandlung, als viel mehr um die Bewertung der Kultur. „Gerade die Kinder, die gezwungenermaßen noch mehr vor dem Computer sitzen, brauchen einen analogen Ausgleich.“

„In der jetzigen Situation ist es mir wichtig, keine Vergleiche zu ziehen oder gegenseitig etwas aufzurechnen, sondern die nächsten Wochen sehr achtsam miteinander umzugehen.

Geigerin Ulli Büsel

Ulli Büsel, Geigerin und Leiterin des Jugendkammerorchesters Violinissimo, sagt: „Ich habe in den letzten 22 Monaten gelernt, dass es nichts bringt, sich über Ungerechtigkeiten bezüglich der gerade gültigen Coronaregeln aufzuregen.“ Vielmehr liege es ihr am Herzen, im Rahmen der Möglichkeiten das Äußerste zu geben, Veranstaltungen zu organisieren, die zwar viel kleiner, jedoch sowohl für die Musikschaffenden als auch für das dezimierte Publikum eine große Bereicherung seien. „In der jetzigen Situation ist es mir wichtig, keine Vergleiche zu ziehen oder gegenseitig etwas aufzurechnen, sondern die nächsten Wochen sehr achtsam miteinander umzugehen.“ Deshalb falle es ihr nicht schwer, bezüglich der geltenden ungerechten Regelungen noch ein bisschen Geduld aufzubringen.

Jedoch mache sie sich große Sorgen um das Danach. „Die Kulturlandschaft in Deutschland liegt in Trümmern, viele Kulturschaffende haben das Handtuch geschmissen, ein Teil des Publikums wird sich lange nicht trauen, Veranstaltungen zu besuchen.“ Gruber ist ebenfalls skeptisch: „Da ein Ende dieses Regelwahns nicht in Sicht ist, werden langfristig nur Künstler überleben, die nicht nur Publikum, sondern wahre Fans haben. Das ist die bittere Wahrheit.“

Haider und Meier sind zuversichtlicher. Sie hätten festgestellt, dass die Menschen im Herbst geradezu fröhlich in die Konzerte geströmt seien.

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