Olympia, ich komme: Alexandra Engelhardt (l.) bejubelt ihren Sieg gegen die Finnin Sarianne Saviola, mit dem sie das Ticket nach London löst.
+
Olympia, ich komme: Alexandra Engelhardt (l.) bejubelt ihren Sieg gegen die Finnin Sarianne Saviola, mit dem sie das Ticket nach London löst.

Erdings Top 100

Alexandra Engelhardt: Als Mutter zweimal zu Olympia

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
    schließen

Alexandra Engelhardt ist die erfolgreichste des Landkreises. In unserer Serie Erdings Top 100 belegt die fünffache Mutter den 31. Platz.

Nürnberg/St. Wolfgang – Ringen war für Alexandra Engelhardt, geborene Demmel, immer auch eine Frage der Familie. Sie begann mit diesem Kampfsport, weil dies auch ihre Geschwister beim TSV St. Wolfgang getan haben. Und sie stand noch als Trainerin der deutschen U17-Auswahl auf der Matte, als sie selbst fünffache Mutter war. Dazwischen liegen neben zahlreichen anderen Titeln vier EM-Medaillen, sechs DM-Titel sowie die Teilnahmen an den Olympischen Spielen in Peking und London.

„Es war das Größte. Olympia ist mit keinem anderen internationalen Wettbewerb zu vergleichen“, sagt die heute 37-Jährige. „Das geht schon mit der Einkleidung los. Plötzlich steht deine Randsportart im Mittelpunkt. Und du triffst andere Sportler im Deutschen Haus, zu denen du schon ein bisschen aufschaust“

Engelhardt erinnert sich an Matthias Steiner, der in Peking Olympiasieger wird. Olympia eine einzige Athleten-Party? Engelhardt ist Leistungssportlerin, die was erreichen will. Bei der Eröffnungsfeier ist sie weder in Peking noch in London. Eine solche Auftaktparty mit dem langen Warten vor dem Einmarsch, der Steherei und den sonstigen Feierstrapazen passt nicht in die Vorbereitung einer Athletin, die zweieinhalb Wochen an der Gewichtsreduktion gearbeitet hat, um für den Kampftag gerüstet zu sein. Denn Ringen ist nicht nur der Sport der Griffe und Kniffe. Es geht eben auch um das Kampfgewicht, und bei Olympia ist das noch eine ganz besondere Sache: Hier gibt es nur vier Gewichtsklassen, in denen sich alle Weltklasse-Athleten tummeln. „Auch deshalb ist es bei Olympia so schwer“, erklärt Engelhardt. „Alle sind da: die starken Europäerinnen, aber auch die Asiatinnen und die Amerikanerinnen. Es ist schon unglaublich schwer, sich überhaupt für dieses Turnier zu qualifizieren.“ Sie hat das geschafft. Keine drei Jahre, nachdem ihr Sohn Felix auf die Welt gekommen ist.

Nicht beachtete Spätzünderin

Eine St. Wolfgangerin bei Olympia – daran war noch nicht zu denken, als die damals 13-Jährige erstmals auf einer Matte steht. Ihre beiden Brüder Johannes und Manuel seien bei den TSV-Ringern gewesen, ihre Schwester Tanja auch. „Deshalb habe ich auch angefangen“, erzählt sie. Ihre Mutter sei nicht gerade begeistert gewesen. „Sie war nicht fürs Mädchenringen.“

Aber die Sportbegeisterte lässt nicht locker. Leichtathletik hat sie schon ausprobiert. Tennis gefällt ihr auch, „aber da bist du immer davon abhängig, dass noch jemand Zeit hat“. Sie spielt Fußball in der gemischten E-Jugend des TSV St. Wolfgang. Danach ist dort Schluss, weil sie in der D-Jugend zur Mädchenmannschaft wechseln müsste, die der TSV nicht hat.

In der Schule bietet Josef Reuther einen Ringerkurs an. Das ist der Einstieg. Dann geht’s eben zum TSV, „bei dem ich einfach sehr gute Trainer hatte“, erzählt Alexandra Engelhardt. Allen voran Albert Föstl, Schwiegersohn von Abteilungsgründer Reuther und seit Jahrzehnten die treibende Kraft bei den Wolfganger Ringern.

Aus unserer Serie Erdings Top 100: Georg Schatz: Punktegarant in allen Gewichtsklassen

Ein weiterer Glücksfall für den TSV ist eben die Familie Demmel, die aus München hergezogen ist und nun der Ringerabteilung engagierte Eltern und vier Nachwuchsringer beschert. „Der Fokus galt aber zuerst meinem Bruder Johannes“, erzählt Alexandra Engelhardt. „Ich wurde anfangs nicht so recht ernst genommen. Aber das war auch klar, denn mit 13 Jahren war ich ja ein Spätstarter und eigentlich schon zu alt.“ Und mit großem Talent sei sie auch nicht gesegnet gewesen, meint sie. „Aber ich habe mich immer durchgebissen.“

Die beste Schule seien die harten Gefechte mit ihren Brüdern gewesen. Zwei Jahre arbeitet sie verbissen, die ersten Titel bei Turnieren sowie Bezirks- und Landesmeisterschaften lassen nicht lange auf sich warten. Die junge Wolfgangerin will mehr, wechselt nach Unterföhring, „denn zwei Trainingseinheiten pro Woche – das war mir zu wenig“.

Erster DM-Titel mit 19 Jahren

Der nächste Schritt führt zum VfB Siegfried Hallbergmoos, Ringerhochburg und Heimat zahlloser Deutscher Meister, unter anderem Brigitte Wagner, mit der sie sich im Laufe der Jahre noch viele Kämpfe liefern wird. Noch keine 18 Jahre alt, holt Alexandra Engelhardt DM-Bronze in der Gewichtsklasse bis 46 Kilo. Im Jahr darauf wird sie bereits erstmals Deutsche Meisterin bei den Frauen in der Gewichtsklasse bis 50 kg. Es folgen vier Silbermedaillen, darunter drei Finalniederlagen gegen Vereinskollegin Wagner – zwischen 2007 und 2011 gewinnt sie fünf DM-Titel.

Ärger mit Chinas Militär

Aber längst ist die Wolfgangerin, die inzwischen für die KSG Ludwigshafen kämpft, auch in der ganzen Welt unterwegs: New York, Tokio, Moskau, Baku, Budapest, Athen – sie kommt viel rum. Ein jährliches Highlight: das Höhentraining in Colorado Springs. „Wenn du da dabei sein darfst, weißt du: Du hast es geschafft“, erzählt sie. Neben der Schufterei in der Halle hätten speziell die Frauen im Kader stets eine Sightseeing-Tour unternommen – und sich speziell in den USA mit Klamotten eingedeckt. „Wir haben so viel eingekauft, wie in den Koffer gepasst hat. Und notfalls noch eine Tasche zusätzlich gekauft“, sagt sie lachend. Weniger lustig sei es einmal in China gewesen, als sich die Mannschaft fotografieren ließ und auf dem Bild der kommunistische Stern zu sehen war. Das sei strengstens verboten, sagt sie. Und tatsächlich sei eine Teamkollegin verhaftet und eingesperrt worden. „Wir waren in einer Militäranlage untergebracht. Die ganze Mannschaft musste sich dann im Zimmer aufstellen, und dann wurden die Räumlichkeiten von den Beamten untersucht.“ Da sei auch den stärksten Männern mulmig geworden. „Das Problem: Wir haben die Beamten nicht verstanden, und sie uns nicht. Mit Englisch kam man da nicht weiter.“

Zurück zum Sport: 2003 gewinnt Alexandra Engelhardt in Riga ihre erste EM-Medaille. Bei der WM in New York hat sie Pech bei der Auslosung und unterliegt bereits in der zweiten Runde der vielfachen Weltmeisterin Chiharu Icho aus Japan.

Empfang am Flughafen: Hallbergmooser und Wolfganger Fans bejubeln 2003 die EM-Rückkehrer (v. l.): Brigitte Wagner (Gold), Alexandra Demmel (Bronze) sowie Christina und Annika Oertli.

2005 wird der Sport erstmal zweitrangig. Alexandra Demmel, inzwischen in der Sportgruppe der Bundeswehr, heiratet den Ringer-Kollegen Peter Engelhardt aus Nürnberg. Sohn Felix kommt zur Welt.

Bereits 2006 kehrt sie aber zurück auf die Matte, reduziert ihr Gewicht nach Schwangerschaft und trainingsfreier Zeit drastisch. Und wie sie zurückkehrt: Bei der EM in Moskau besiegt sie in der 51-Kilo-Klasse die Gegnerinnen aus Russland, Polen sowie Spanien und verliert erst im Finale gegen die Französin Vanessa Boubryemm. Bei der WM startet sie in der 48-Kilo-Klasse und schlägt sensationell die amtierende Europameisterin, um dann in der zweiten Runde auszuscheiden.

Peking war olympischer

Für Außenstehende mag das überraschend klingen, aber Engelhardt erklärt: „Jeder Kampf auf diesem Niveau ist eng. Das sind alles erfahrene internationale Kämpferinnen. Eine Unachtsamkeit – und du fliegst raus.“

2008 geht es zu den Qualifikationsturnieren für Olympia, zuerst nach Edmonton, dann nach Haparanda. Engelhardt wird jeweils Dritte. Das reicht noch nicht für das Ticket nach Peking. Dann aber bekommt sie vom Ringer-Weltverband einen Quotenplatz, und nun ist sie am Ziel ihrer Träume: beim denkbar schwersten Turnier.

Die Eröffnungsfeier lässt Engelhardt – wie oben erwähnt – aus. „Olympia dauert ja zweieinhalb Wochen. Da kommst du so in die Stadt, wie es der Terminplan hergibt. Und bei der Schlussfeier war ich ja dabei“, erzählt sie.

Süße Versuchung: Das Frauen-Team des Deutschen Ringerbundes um Alexandra Engelhardt (2. v. r.) wurde 2012 vor dem Abflug nach London zu den Olympischen Spielen mit einer speziell kreierten Torte überrascht.

Das Turnier besteht allerdings nur aus einem Kampf. Engelhardt muss gegen die Kasachin Tatjana Bakatjuk ran, eine technisch starke Konkurrentin, gegen die sie schon bei der Olympia-Quali verloren hat. Auch diesmal muss sie beide Runden jeweils knapp 0:1 verloren geben. „Natürlich was das eine Enttäuschung“, sagt sie heute. „Jeder, der bei Olympia startet, hofft auf eine Medaille.��

Aber letztlich überwiege der Stolz, überhaupt nach der Geburt ihres Sohnes wieder zurück in den Leistungssport gefunden zu haben. Nein, sie sei in kein Loch gefallen, sagt sie. „Daheim wartete mein dreijähriger Sohn. Und dem war egal, ob ich eine Medaille gewonnen habe. Er hat sich gefreut, dass die Mama wieder da ist.“

Außerdem sei ihr damals klar gewesen, dass sie 2012 in London wieder starten wolle. Und auch das gelingt ihr. Nach zwei weiteren EM-Bronzemedaillen (2010 in Baku, 2012 in Belgrad) sichert sie sich erneut das Olympia-Ticket. „Allerdings bin ich wieder mit dem ersten Kampf ausgeschieden. Aber das kann dir eben passieren bei Olympia, wo wirklich nur die Creme de la Creme startet“, stellt Engelhardt fest.

Karriere als Konditormeisterin

Kann man die beiden Sommerspiele vergleichen? „Peking war das Highlight“, sagt sie. „Da war die ganze Stadt auf Olympia getrimmt. So bist du auch als Sportler behandelt worden.“ In London sei der Charme außerhalb des Geländes schon ein wenig verloren gegangen. „Wenn du mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs warst, hat man schnell nicht mehr so viel von Olympia gemerkt.“

Ein weiterer Unterschied: Der Heimtrainer und ihr Mann waren in Peking für zwölf Tage vor Ort. Die Familie – das ist sowieso ihr Halt. Stammhalter Felix folgen noch drei weitere Söhne und eine Tochter. Den Spagat Familie und Leistungssport bekommt sie hin, weil ihr Mann selbst Sportler ist, ähnlich tickt und sie ebenso stets unterstützt wie auch die Mutter und Schwiegermutter sowie ein älteres Hausmeister-Ehepaar der Sporthalle, das auf die Kinder aufpasst.

Engelhardt ist 32, als sie, die Mama unter den Wettkämpferinnen, bei der Militär-Weltmeisterschaft 2014 in Fort Dix (USA) nochmals Silber gewinnt. In Schifferstadt bildet sie als Bundestrainerin noch den U17-Nachwuchs aus, ehe sie schließlich auch dieses Amt abgibt.

Vor der WM in den USA: die 21-jährige Alexandra reiste immer gern in die Vereinigten Staaten.

Nebenbei hat sie sich ein berufliches Standbein geschaffen. In Isen war sie einst in die Bäckerlehre gegangen, sie wurde Konditorin in Grafing, und nun hat sie nach ihrer 16-jährigen Bundeswehrzeit das Meisterstück als Konditorin gemacht.

„Man muss nur in ihren Whattsapp-Status schauen“, erzählt ihr ehemaliger Trainer Albert Föstl. „Da findest du die schönsten Torten.“ Und dass die auch fein schmecken, weiß er aus erster Hand. Seine ehemalige Ringer-Schülerin hat damals seine dreistöckige Hochzeitstorte gezaubert.

Dieter Priglmeir

Weitere Porträts aus unserer Reihe Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kroatien-Urlaub zu Corona-Zeiten: Familie aus Bayern erhält Hassbrief - der Inhalt macht betroffen
Kroatien-Urlaub zu Corona-Zeiten: Familie aus Bayern erhält Hassbrief - der Inhalt macht betroffen
Lehrerin an Gymnasium mit Corona infiziert
Lehrerin an Gymnasium mit Corona infiziert
„Vater des Volkesfestes“ ist tot: Günter Rilke stirbt im Krisen-Jahr der Schausteller
„Vater des Volkesfestes“ ist tot: Günter Rilke stirbt im Krisen-Jahr der Schausteller
Flughafen München: „Wie das gehen soll?“ - Passagier verwundert über Schild - Airport reagiert
Flughafen München: „Wie das gehen soll?“ - Passagier verwundert über Schild - Airport reagiert

Kommentare