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Unter einem Dach lebt die Familie Ober (hinten, v. l.): die Eltern Diana Ober und Hans mit Tochter Anna sowie (vorne, v. l.) Sohn Florian, Opa Johann und Sohn Simon.

Besondere Belastungen

Mutter, Chauffeurin, Pflegerin und Lehrerin: Diana Obers Stress in Corona-Zeiten

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Für viele Familien ist es eine immer schwerer zu ertragende und entbehrungsreiche Zeit. Das Konfliktpotenzial steigt. Immer mehr fühlen sich einerseits überfordert, andererseits von der Politik übersehen. Hinzu kommen oftmals wirtschaftliche Sorgen. Das zeigt das Beispiel der Familie Ober aus St. Wolfgang.

St. Wolfgang – Im Kampf gegen Corona kennen Bundes- und Staatsregierung nur zwei Ziele: ein möglichst leistungsfähiges Kliniksystem sowie möglichst wenige Kontakte von Menschen, die nicht zum selben Hausstand gehören. Dem muss sich alles unterordnen – Familien, Senioren und Alleinstehende. Während ab Montag viele Geschäfte wieder öffnen dürfen, gilt die Ausgangsbeschränkung weiter. Heute beginnt die siebte Woche, in der Schulen und Kindergärten geschlossen sind, Heime und Kliniken nicht betreten werden dürfen und die Tagespflege auf ein Minimum heruntergefahren ist.

Welch drastische Folgen die Ausgangssperre haben kann, lässt sich an Familie Ober aus St. Wolfgang ablesen. Hier wohnen die Eltern Hans (50) und Diana (43) mit den Kindern Simon (8), Florian (13) und Anna (17) sowie Opa Johann (88) unter einem Dach. Vor allem für die Mutter ist die Ausgangsbeschränkung längst zu einer kraftzehrenden Herausforderung geworden – mit kurzen Nächten und langen, entbehrungsreichen Tagen.

Ihr Schwiegervater Johann hat einen Schlaganfall hinter sich, sein Gesundheitszustand wird schlechter. Hinzu kommt eine fortschreitende Demenz. Er hat Pflegegrad vier – die zweithöchste Stufe. Und dennoch haben sich die Obers entschieden: Der Opa bleibt in der Familie.

Bisher ging das auch recht gut, denn der 88-Jährige wurde morgens zur Tagespflege im Marienstift in Dorfen abgeholt, abends schaute ein Pflegedienst vorbei, der den Rentner bettfein machte. Das ist lange her. Denn die Tagespflege ist geschlossen, berichtet Diana Ober. Zu hoch ist das Risiko, dass durch das Kommen und Gehen das Covid-19-Virus in die Einrichtung eingeschleppt wird. Der Pflegedienst kommt auch nicht mehr. Diese Berufsgruppe muss sich ebenfalls schützen. Gepflegt werden nur noch Alleinstehende ohne Angehörige in der Nähe.

Doch der Arbeitstag von Diana Ober beginnt nicht deswegen schon um 3.30 Uhr in der Nacht. „Unsere Tochter macht in Dorfen eine Bäckerlehre. Ich fahre sie dorthin“, erzählt die 43-Jährige. Danach kann sie sich noch ein paar Stunden hinlegen. Ihr Mann Hans, der im Landratsamt in Erding arbeitet, steht um 6.30 Uhr auf und erledigt den Haushalt, richtet für die Familie das Frühstück und macht Hausarbeiten.

Normalerweise kommt um 6.30 Uhr der Bus, der Opa Johann ins Marienstift fährt. Doch den haben die Obers schon lange nicht mehr gesehen. Deswegen steht spätestens um 7.30 Uhr Diana Ober auf der Matte, um ihren Schwiegervater für den Tag fertigzumachen. „Ich hebe ihn mit dem Lifter vom Bett in den Rollstuhl und mache das Frühstück“, berichtet sie. Danach gibt es Frühstück.

Eigentlich wären Florian und Simon jetzt schon nicht mehr zu Hause. Der Achtjährige geht in die Grundschule St. Wolfgang, der 13-Jährige besucht die Mittelschule Isen. Das letzte Mal waren sie am 13. März dort, vor sechs Wochen. Nach dem Frühstück geht’s an die Schreibtische. Die Mutter und Pflegerin ist jetzt auch noch Lehrerin.

Der Zweitklässler bekommt seine Aufgaben wochenweise per Mail. Diana Ober druckt die Arbeitsblätter aus – und dann heißt es ab 9 Uhr: Mathematik, Deutsch sowie Heimat- und Sachkunde. Gerade erst war der Klassleiter des Siebtklässlers da, hat die Lernunterlagen persönlich vorbeigebracht und sich erkundigt, wie es Florian geht. „Bei ihm verlange ich schon, dass er selbstständig arbeitet“, sagt die Mama.

Immer muss sie auch ein Auge auf den Opa haben, Mittagessen gibt es jetzt zu viert. „Das Wetter ist schön, da schiebe ich ihn dann in den Garten, damit er in der Sonne sitzen kann. Vor der Corona-Krise wurde Johann Ober zwischen 16.45 und 17.30 Uhr nach Hause gebracht. Gegen 18 Uhr kam der ambulante Pflegedienst und brachte den 88-Jährigen ins Bett.

Das bleibt jetzt an Diana und Hans Ober hängen. „Mein Mann hilft viel mit, wenn er zu Hause ist“, sagt die Mutter. Ihr selbst bleibe nur sehr wenig Zeit – „und abends ist man dann einfach geschafft“. Ein bisschen Fernsehen, ein kurzer Ratsch – dann fallen Diana Ober die Augen zu. Sie selbst kann ihrer Tätigkeit ebenfalls schon seit sechs Wochen nicht mehr nachgehen. „Ich arbeite in der Küche des Dorfener Gymnasiums. Doch das ist geschlossen.“ Weil sie dort „nur“ Minijobberin war, hat die 43-Jährige nicht einmal Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Ihr Mann erzählt, dass seine Frau mitunter fertig und frustriert sei. „Es ist keine leichte Zeit.“

Seine Frau wünscht sich mehr Unterstützung von der Politik. „Es wäre schön, wenn es für die Pflege daheim eine Prämie gäbe oder eine Steuererleichterung.“ Auch eine Kur oder ein kleiner Erholungsurlaub, bezahlt von der Pflegekasse, wäre eine enorme Entlastung für die, die der Staat durch seine Restriktionen zu einer nahezu Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung gezwungen hat.

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