Schloss gesucht, Burg gefunden

Riedersheim - Er war auf der Suche nach dem verlorenen Schloss. Gefunden hat er eine Burg. Der Archäologe Harald Krause hat die Riedersheimer Geschichte wiederentdeckt.

Aus eins mach zwei: Es ist fast wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk für das Örtchen Riedersheim in der Gemeinde Bockhorn. Nein. Es ist viel mehr. Es ist eine Landkarte zu einer spannenden Reise in die Vergangenheit. Der Archäologe Harald Krause entdeckte vor wenigen Wochen den Standort des bereits in den 970er Jahren erstmals in den Schriftquellen erwähnten mittelalterlichen Edelsitzes „Ruodrihhesheimun“ mittels archäologischer Fernerkundung. 1774 wurde den Quellen nach Schloss und Schlosskapelle von Riedersheim abgebrochen - und vergessen. Krause, für seine Doktorarbeit an der LMU München auf den Spuren der Kelten, grub jetzt die Vergangenheit, die Burg, wieder aus.

Die auf dem um 1710 angefertigten Wening-Stich dargestellte Anlage beschreibt aber das Aussehen einer frühneuzeitlichen Schlossanlage der Hofmark und nicht eine mittelalterliche Burg. Bis heute ist jedoch ungeklärt, ob die auf dem Wening-Stich dargestellte Schlossanlage tatsächlich Riedersheim bei Bockhorn darstellt, oder ob eine Verwechslung entweder mit der Schlossanlage von Riedheim im Landkreis Donau-Ries oder der von Riedheim im Landkreis Günzburg vorliegt. Der Sitz Riedersheim gehört seit 1597 dem Geschlecht der Neuchinger und hatte - Zitat - „ein gemauertes Haus oder Gschlessl“. Es gibt also zwei grundverschiedene neue Bodendenkmäler an zwei verschiedenen Plätzen in oder bei Riedersheim zu entdecken. Denn Burg und Schloss sind aus dem heutigen Ortsbild vollständig verschwunden und können einzig mit archäologischen Methoden lokalisiert werden.

„Man muss wissen, was man genau sucht und wie es einst ausgesehen hat, beziehungsweise heute überhaupt noch erhaltungsbedingt als Bodendenkmal aussehen kann. Nur so kommt man diesem heimatkundlichen Rätsel näher“, erklärt Krause. Mit „Burgenromantik“ hat das Ganze nichts zu tun. Inspiriert hatten den Jungwissenschaftler aus Buch am Buchrain bereits vor fünf Jahren Grünbacher Bürger und Riedersheimer Anwohner, die Krause nach einem öffentlichen Vortrag angesprochen hatten, damit er sich aufmachen möge, „ihr verlorenes Schloss doch wieder zu finden“.

Mit moderner Technik in die Vergangenheit

Das hatte Krause wohl noch im Hinterkopf, als sich die mittelalterliche „Turmhügelburg“ vor ihm auf dem Computerbildschirm direkt nördlich von Riedersheim in einem Waldstück auf einer Hügelkuppe zeigte. Modernste Technik der Bayerischen Vermessungsverwaltung macht es möglich: das so genannte „Airbourne-Laser-Scanning (ALS)“. Mittels flugzeuggestützter Lasertechnik wird hierbei die Erdoberfläche im Ein-Meter-Raster zentimetergenau abgetastet und daraus ein „Digitales Geländemodell (DGM)“ erstellt. Vegetation und gegenwärtige Bebauung werden herausgefiltert, ein nacktes Bild der Oberfläche entsteht. So entdeckte Krause nicht nur die Burg Riedersheim, sondern auch einen bisher unbekannten Großgrabhügel der Hallstattzeit (um 600 v. Chr.) im Stadtgebiet von Erding im Wald der „Itzlinger Lohe“ und eine bisher unbekannte keltische Viereckschanze (um 100 v. Chr.) im Wald östlich von Forstern an der Landkreisgrenze. Die Neuentdeckungen sind mittlerweile vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) auf ihre Denkmaleigenschaft hin überprüft, bestätigt und in die Denkmalliste übernommen worden.

„In Riedersheim haben wir den identischen Geländebefund wie in den Anlagen von Badberg und Kopfsburg in der Gemeinde Lengdorf: Eine mittelalterliche Turmhügelburg auf der Anhöhe wird von einem neuzeitlichen Wasserschloss als Nachfolgeranlage im Tal abgelöst“, erklärt der Archäologe. Einst bewusst abseits und oberhalb des Dorfes Riedersheim thronend angelegt und in Holz und Erde gebaut, wanderte der Edelsitz wohl zum Ende des Mittelalters direkt in das Dorf hinein und wurde dort als Wasserschloss in Ziegelsteinbauweise errichtet.

Im Holzturm lebte

der örtliche Adel

Das dort bekannte Bodendenkmal, was bisher als Grabhügel angesehen wurde, stellt tatsächlich den Turmhügel des hölzernen Wohnturms des Burgstalls dar. Erst im DGM wird sichtbar, dass der mittelalterliche Turmhügel mit zwölf Metern Durchmesser und über einem Meter erhaltener Höhe auf einem kleinen, grabenumzogenen künstlichen Plateau sitzt, das wiederum von einer rechteckigen Wall-Graben-Anlage von zirka 60 auf 70 Meter eingefasst wird: eine typische Vor- und Hauptburg eines „Kleinadeligen auf dem Lande“ in der Zeit um 900 bis 1100 in Mitteleuropa. In der Vorburg war einst der Wirtschaftshof angesiedelt, im zweistöckigen Holzturm residierte der örtliche Adel. Der Standort Riedersheim ist leicht erklärbar. Genau dort verläuft die Wasserscheide zwischen Strogen und Vils, hier berühren sich also die naturräumlichen Einzugsgebiete von Isar und Donau.

Über den Standort des neuzeitlichen Schlosses von Riedersheim gibt es ebenfalls erste begründete Vermutungen. Die archäologische Luftbildauswertung und das Studium historischer Karten und des Geländes sprechen für eine Lokalisierung direkt südlich der modern angelegten Ortsdurchfahrt, im heute größtenteils überbauten Areal. Am Rande konnte auf Luftbildern in einer Wiese ein mehrere Meter breiter, heute verfüllter und auffällig winklig umbiegender Graben identifiziert werden. Dieser stellt mit großer Wahrscheinlichkeit den Graben der Nordostecke des abgebrochenen Wasserschlosses dar. red

Seine Entdeckungen

präsentiert Krause zusammen mit Bürgermeister Hans Schreiner. Beginn des Vortrags ist am Mittwoch, 29. Januar, um 19 Uhr im Riedersheimer Gasthaus Prostmeier. Der Eintritt ist frei. red

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