Von „Spinnern“ und Hardcore-Ökos

Erding - Journalist Jan Grossarth berichtete bei seiner Lesung in der Stadtbücherei Erding von seinen Begegnungen mit Aussteigern und deren radikalen Lenbesentwürfen.

Er ist weit gereist, und der Spruch: „Wenn einer eine Reise tut, …“ gilt für ihn uneingeschränkt. Dabei war Jan Grossarth nur in Deutschland unterwegs, bei den Menschen, die ausgestiegen sind aus der normalen bürgerlichen Gesellschaft. Er hat mit einem Mann gesprochen, der ohne Geld auskommen will, die Mülltonnen der Supermärkte durchwühlt und das mit einem veritablen Durchfall bezahlt. Er hat einen Schäfer aus dem Westerwald getroffen, der sich in einen Wald zurück gezogen hat und von den Leuten im nahen Dorf nur „der Spinner“ genannt wird.

Eines ist vielen seiner Gesprachspartner gemein: Soziale Ächtung. Diese aber nehmen sie in Kauf, realisieren einen radikalen Lebensentwurf. Das nötigt auch dem Autor, der seine Erfahrungen in einem Buch „Vom Aussteigen und Ankommen“ zusammen gefasst hat, Respekt ab. Er lässt sich nicht leiten von den Klischeebildern der bürgerlichen Gesellschaft, bleibt aber auf kritischer Distanz, teilweise süffisant, manchmal aber auch drastisch.

Sein Publikum nahm er mit bei seiner Lesung in der Stadtbücherei. Man merkte es an den Fragen. Er hatte genau registriert, dass dieser Schäfer für sein Kind keinen Unterhalt bezahlt, und prompt stieg das Publikum bei diesem Punkt ein. Wo ist die Verantwortung, wo die letzte Konsequenz? Die Antwort Grossarths war ernüchternd im Fall des großen Öko-Dorfes: „Pflegefälle werden sofort ins Heim abgeschoben.“ Da senkte sich der Daumen des Auditoriums. Die aufkommende Unruhe signalisierte das deutlich. Auf der anderen Seite bleibt immer auch ein wenig Faszination und die Frage, wie diese Leute das schaffen. Grossarth hat sie erlebt, diese Hardcore-Ökos, die ihren Hühnern menschliche Exkremente zu fressen geben, und von ihren Gästen, die das wissen, Appetit beim Eier-Verzehr erwarten.

Das Publikum blieb kritisch und erkannte: Die, die aussteigen, können ohne die, die drin bleiben, nicht existieren. Die simple Frage aus dem Publikum: „Was ist, wenn die krank werden?“ beendete alle Aussteiger-Romantik, wenn sie denn überhaupt aufkam. Grossarth, der Wirtschaftsredakteur einer der größten deutschen Tageszeitungen, hat Toleranz und kritische Distanz zugleich gelehrt. Es war ein großartiger Abend.

Klaus Kuhn

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