Für Otto Lallinger gibt es keinen schöneren Beruf: Seit knapp 70 Jahren ist der Steinkirchener als Schuster tätig und immer noch begeistert von seinem Handwerk.
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Seine Susterwerkstatt in Steinkirchen ist auch heute noch der Liblingsplatz von Otto Lallinger, der noch lange nicht ans Aufhören denkt.

32 Paar Sohlen an einem Tag

Otto Lallinger (81) ist Schuster mit Leib und Seele

Für Otto Lallinger gibt es keinen schöneren Beruf: Seit knapp 70 Jahren ist der Steinkirchener als Schuster tätig und immer noch begeistert von seinem Handwerk.

Steinkirchen Für Otto Lallinger gibt es keinen schöneren Beruf: Seit knapp 70 Jahren ist der Steinkirchener als Schuster tätig und immer noch begeistert von seinem Handwerk. Wir hatten seine Werkstatt noch vor der Corona-Kontaktsperre besucht und so einen nahezu aussterbenden Beruf näher kennengelernt.

In der Werkstatt daheim: Das Foto, das im Jahr 1980 aufgenommen worden ist, zeigt den damals 41-jährigen Otto Lallinger (l.) mit seinem Vater Gotthard und dem dreijährigen Sohn Martin.

Gemütlich eingerichtet hat sich Otto Lallinger seine Schusterwerkstatt, in der der 81-Jährige noch täglich Schuhreparaturen durchführt. Er freut sich über Kunden und genießt den Ratsch mit Besuchern, doch auch das Arbeiten an den Schuhen bereitet ihm Freude. „Es ist doch schön, wenn man einen Schuh so herrichten kann, dass der Besitzer ihn wieder anziehen kann“, erklärt der Schuster. 

Seinen Arbeitsplatz, früher „Schusterbruck“ genannt, hat Lallinger direkt am Fenster angelegt, um besseres Licht zum Arbeiten zu haben. Hier ist eine bunte Auswahl an Ahlen zum Löcherbohren zu finden, dazu Bürsten, eine Lederschere, ein Tacksheber (zum Herausziehen der Nägel), das spezielle Schustermesser, genannt „Kneiff“, und ein Schleifstein für das Messer. Ordentlich sortiert warten unterschiedliche Nägel, Gummibänder und Reißverschlüsse auf ihren Einsatz.

Einen Premiumplatz an der Wand hat der Meisterbrief seines Vaters Gotthard Lallinger, bei dem er 1953 seine Schusterlehre begann. „Am 14. Juli 1953 war um 11 Uhr meine Volksschulzeit zu Ende, und schon um 13 Uhr habe ich beim Vater in der Werkstatt angefangen“, erinnert sich Sohn Otto lachend, der schon als Kind gern dem Vater zugearbeitet hat und sich keinen anderen Beruf vorstellen konnte. „Mein Vater war vor dem Krieg noch als Störschuster in den umliegenden Ortschaften unterwegs. Werkzeug wie Nägel, Leisten, Ahlen und einen kleinen, eisernen Dreifuß hatte er im Rucksack dabei“, berichtet der Sohn. Erst nach dem Krieg habe der Vater die Schusterwerkstatt seines Lehrherrn in Steinkirchen übernommen.

Erster Stundenlohn betrug 1,20 Mark

Auch in Lallingers Werkstatt darf der eiserne Dreifuß nicht fehlen, auf dem der Schuh zur Bearbeitung aufgespannt wird. Musste der Schuster in früheren Zeiten noch alle Nähte von Hand nähen, stehen ihm heute diverse Maschinen zur Seite. Ein wahres Schmuckstück ist die spezielle Nähmaschine, bei der kein Tisch den Zugang in den Schuh oder Stiefel erschwert. Beim Kleben von Schuhsohlen kommt der nötige Druck von einer alten Spindelpresse. Eine große Hilfe ist auch die sechs Zentner schwere Ausputzmaschine, ein Gerät mit mehreren Walzen zum Polieren und Abschleifen der Schuhe.

Schuster Lallinger jun. beendete seine Lehrzeit mit zwei glatten Einsern und begann als Geselle in München-Großhadern. „Der Stundenlohn in München lag damals bei 1,20 Mark, in Wartenberg hätte man mir 35 Pfennig angeboten“, erzählt er. Mühsam war aber die Anreise zum Arbeitsplatz: „Um 4.30 Uhr bin ich am Montagfrüh mit dem Radl von Steinkirchen nach Erding zum Bahnhof gefahren, dann mit dem Zug zum Ostbahnhof in München, weiter mit Tram und Bus und habe dann um 9 Uhr mit der Arbeit angefangen. Gearbeitet wurde bis Samstagmittag, dann ging es wieder zurück nach Hause.“

32 Sohlen an einem Tag

Gelegen kam ihm da der Wechsel zur Schuhmacherei Max Schmid in Dorfen, bei der er in den folgenden 18 Jahren arbeitete. „Dem Ehepaar Schmid möchte ich herzlich danken für die schöne Zeit, ich habe dort das präzise Arbeiten gelernt und viel Fachwissen erworben“, betont der Steinkirchner.

Genau eingeteilt waren die Wochentage: Dienstags wurden Absätze repariert, Mittwoch war Sohlentag, donnerstags kamen Nacharbeiten an die Reihe, der Montag und der Freitag waren frei für unterschiedliche Arbeiten. „Mein Rekord waren 32 Paar Sohlen an einem Tag“, erklärt der stolze Schuster. Bei schlechter Auftragslage im Winter fand der versierte Handwerker Arbeit in der Polsterei bei Himolla in Taufkirchen, wo er schnell in die „Kumulus-Abteilung“ mit den legendären Fernsehsesseln aufstieg.

Schuhgrößen haben sich über die Jahre verändert

Abends, am Wochenende und im Urlaub half Otto Lallinger dem Vater in der Werkstatt. Damals galt es große Aufträge zu bewältigen, wie die 123 Paar Faltenstiefel für den Trachtenverein Wartenberg. Auch andere Trachtenvereine der Umgebung orderten ihre Stiefel beim Lallinger. „Heute haben wir in einer Turnschuhgesellschaft“, resümiert der Handwerker, Kinder wären nicht mehr an Lederschuhe und hartes Schuhwerk gewöhnt.

Auch die Fußgrößen hätten sich verändert, hat Lallinger festgestellt und zeigt stolz sein Regal mit Leisten. „Die circa 70 Jahre alten Leisten aus hartem Buchenholz stammen alle noch von meinem Vater“, berichtet er. Hätten die Herren früher Schuhgröße 41 bis 44 getragen, wäre es heute eher 42 bis 47. Auch die Damenfüße liegen mit 37 bis 41 etwas über der alten Norm von 36 bis 40. Individuelle Problemzonen der einzelnen Kunden wie Hühneraugen, Frostbeulen oder Hammerzehen wurden auf die Standard-Leiste aufgebaut und angepasst. „Von guten Kunden hatten wir separate Leisten mit allen Extras“, erzählt der Schuster schmunzelnd.

23 Jahre im Fliegerhorst

Auch über die Besonderheiten von Soldatenfüßen weiß der 81-Jährige bestens Bescheid aus seiner beruflichen Zeit im Erdinger Fliegerhorst, wo er in der Schusterei und Schneiderei für die Ein- und Auskleidung der Bundeswehrler zuständig war. Im Jahr 1975 wechselte er dorthin und blieb 23 Jahre bis zum Renteneintritt. Noch heute blickt er mit den alten Kollegen beim „Schuster-Schneider-Stammtisch“ auf die schöne Zeit zurück.

Wichtig ist dem Steinkirchner auch die Familie: Glücklich verheiratet ist er seit 44 Jahren mit seiner Frau Regine. Seine zwei erwachsenen Kinder haben ihn mittlerweile zum fünffachen Opa gemacht. Trotz der harten Arbeit bei oft geringem Lohn fand Otto Lallinger immer auch Zeit für seine Hobbys. So ist er Gründungsmitglied beim FSV Steinkirchen, Ehrenvorstand bei der Feuerwehr und war aktiv im Theaterverein Hofstarring. Auch bei den Oldtimerfreunden Kirchberg ist der Schuster anzutreffen und hat vor einigen Jahren im Heimatmuseum in Thal eine „Filiale“ eröffnet. „In der Museumswerkstatt kann ich den Kindern von meinem aussterbenden Beruf erzählen“, erklärt der Schuster mit Leib und Seele, der sich auch über den jährlichen Werkstatt-Besuch der Kindergartenkinder freut.

Kundschaft reißt nicht ab

Kunden und Besucher sind willkommen in der kleinen Werkstatt neben dem Wohnhaus der Lallingers, und so kommt so mancher alte Spezl auf einen Ratsch vorbei. Doch auch die Arbeit reißt nicht ab: Kundschaft aus Dorfen, Hohenpolding, Wartenberg, Eitting, und Zustorf kommt vorbei mit den verschiedensten Wünschen: Da sind Sohlen durchgelaufen, Absätze zu richten, Reißverschlüsse oder Klettverschlüsse kaputtgegangen, oder auch Nähte aufgegangen. Kein Problem, Schuster Lallinger repariert das Schuhwerk akkurat und günstig.

„Ich mach so lange weiter, wie ich kann“, versichert der 81-Jährige, der trotz gesundheitlicher Probleme immer noch Freude an seinem Handwerk hat. „Schade nur, dass es keine jüngeren Schuster mehr gibt, denen ich meine Vorräte an Material vererben kann“, bedauert er.

Von Gerda und Peter Gebel

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