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Sorgen um das Mädchen machen sich (v. l.) Jürgen Karres, Christina Gleich und Florian Schäfer. F: ml

Streitfall Ritalin: Mutter kämpft um ihr Kind

Erding - Eine Mutter will nur das Beste für ihr Kind. Das ist ganz natürlich, unterliegt aber subjektiver Einschätzung. Die teilt das Jugendamt nicht. Weil die Erdingerin ihrer Tochter keine Psychopharmaka geben will, hat die Behörde der Frau sogar das Besuchsrecht entzogen.

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, der medizinische Begriff ist ADHS, ist in unserer Gesellschaft auf dem Vormarsch. Das zehnjährige Mädchen, um das es geht, ist ein Kind, das unter diesem Syndrom leidet. Früher hat man solche Kinder „Zappelphilipp“ genannt und versucht, sie so gut es geht mit Zuwendung und Geduld in den Griff zu bekommen. Heute verordnen Kinderärzte gerne Methylphenidat-haltige Medikamente wie Ritalin. Es ist ein Arzneistoff mit stimulierender Wirkung. Er gehört zu den Derivaten von Amphetamin. Letzteres wird in der Drogenszene auch „Speed“ genannt.

Ein derartiges Medikament wollte Christina Gleich (35) ihrer Tochter ersparen. Jetzt muss sie deshalb darum kämpfen, wenigstens ein Besuchsrecht am Wochenende für das Mädchen zu bekommen, das momentan bei seinem Vater untergebracht ist. Das Sorgerecht hat das Erdinger Jugendamt. Laut dem Anwalt der Mutter, dem Deggendorfer Fachjuristen für Sozialrecht, Florian Schäfer, ist der Vater des Kindes mit der medikamentösen Behandlung des Kindes einverstanden, gegen die sich die Mutter wehrt.

Seit 2007 leben die Erdingerin und der Vater des Mädchens getrennt. Die gelernte Kinderpflegerin Gleich hat früh erkannt, dass sich ihre Tochter nicht normal entwickelt: „Ihre kognitiven Fähigkeiten entsprachen nicht denen einer Vierjährigen. Ich habe Defizite bemerkt.“ Das Kind zeigte zudem ein hohes Schlafbedürfnis - auch untertags im Kindergarten.

Den Landsberger Jugendpsychotherapeuten Jürgen Karres hat die Erdingerin als Gutachter hinzugezogen. Er spricht bei den Eltern von einem „hochstrittigen Paar“, was in diesem Fall vom Jugendamt als mögliche Mitursache für das Krankheitsbild der Tochter nicht beachtet worden sei: „Psychosoziale Gesichtspunkte werden systematisch ausgeklammert. Alles wird auf der medikamentösen Schiene geregelt.“

Medikamente, in diesem Fall Ritalin, hat das Mädchen seit 2011 bekommen. 2012, erzählt die Mutter, kam der große Knall: „Meine Tochter ist in der Heilpädagogischen Tagesstätte in Erding ausgerastet und hat eine Erzieherin getreten.“ Sie kam dann in das Förderzentrum Katharina Fischer-Schule. Auch dort kam es zum Eklat, sie flog als Folge davon raus, so die Mutter. „Beide Male ist meine Tochter richtig explodiert, als hätte sie den inneren Druck nicht mehr ausgehalten.“ Beide Male hatte das Mädchen vorher monatelang ein Metylphenidat-haltiges Medikament bekommen.

Zuvor schon hatte die Mutter bei ihrem Kind ein EEG machen lassen, das auf eine latente Epilepsie hinwies, die aber laut Karres nicht behandelt werden muss. Allerdings: „Wenn so ein Kind Methylphenidat bekommt, kann die Krampfschwelle gesenkt werden.“ Die Zehnjährige war zuletzt in der Kinderpsychiatrie der Münchner Nußbaum-Uniklinik in Behandlung. „Die haben meiner Einschätzung nach darauf hingearbeitet, dass mir das Sorgerecht entzogen wird“, sagt die Mutter bitter. Als die Kleine dort am 15. Januar entlassen wurde, hat sie ihre Mutter zum letzten Mal gesehen.

Christina Gleich, die jetzt in der IT-Branche arbeitet, und ihr Anwalt warten jetzt darauf, dass das Urteil über das Besuchsrecht, über das am Freitag nichtöffentlich im Erdinger Amtsgericht verhandelt wurde, auf dem Bürowege zugestellt wird - ein übliches Procedere. Die Tendenz? „Ich gehe davon aus, dass meine Mandantin das Besuchsrecht erhalten wird“, sagt Schäfer.

Und dann geht es ja in der Hauptverhandlung noch um das Sorgerecht. Christina Gleich: „Wenn ich das nicht bekomme, werde ich in Berufung gehen. Ich ziehe das durch. Ich kann mich um meine Tochter kümmern, ich habe sie ja großgezogen. Notfalls würde ich sogar meinen Job kündigen und von Hartz IV leben.“

Michael Luxenburger

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