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Crystal Meth.

Merkur-Interview

Suchtexperte: "Crystal ist die Droge der Leistungsgesellschaft"

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Taufkirchen - Der Politiker Volker Beck wurde mit der Droge Crystal Meth erwischt. Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht ein Suchtexperte über die Droge und aus welchen Milieus die Konsumenten kommen.

Bertram Schneeweiß, 51, ist Chefarzt beim Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen im Kreis Erding. Seit 20 Jahren werden hier Patienten mit Suchterkrankungen behandelt. Das „Kompetenznetz Sucht“ des Isar-Amper-Klinikums ist eine der größten Einrichtungen seiner Art in Deutschland.

Herr Dr. Schneeweiß, gerade wurde der Bundestagsabgeordnete Volker Beck mit Crystal Meth erwischt. 2014 gab der SPD-Politiker Michael Hartmann zu, die Substanz konsumiert zu haben. Wer nimmt diese Droge Ihren Erfahrungen nach? Aus welchen Milieus kommen die Konsumenten?

Es sind interessanterweise oft Frauen, die Crystal Meth nehmen, vor allem junge Frauen. Und vor allem junge Mütter. Zum anderen ist es eine Ausgeh- und Partydroge und wird von Menschen konsumiert, die schnell viel leisten wollen.

Warum gerade diese Personengruppe?

Die Doppelbelastung mit einem Kind und Beruf, dazu kommt der Wunsch, trotzdem jung und schlank zu wirken und Party machen zu können, ohne müde zu sein – deswegen nehmen diese Frauen Crystal Meth. Die Droge wirkt appetitzügelnd, auch das ist ein Effekt, warum die Droge so beliebt ist. Manche Menschen nehmen Crystal auch aus sexuellen Gründen: Crystal steigert das Verlangen und die Vorstellung von der eigenen Potenz.

Wundert es Sie, dass jetzt ein bekannter Politiker mit der Droge erwischt wurde?

Politiker sind Menschen wie alle anderen auch – da wundert mich gar nichts. Crystal ist eine typische Droge der Partygesellschaft. Und der Leistungsgesellschaft.

"Crystal wirkt euphorisierend und führt zu Selbstüberschätzung."

Was genau ist denn Crystal? Wie gefährlich ist die Droge?

Crystal Meth ist Methamphetamin, ein Amphetamin-Derivat, ein Stimulans, das schnell stark psychisch abhängig macht. Es schüttet Neurotransmitter aus, die die Wachheit, die Aufmerksamkeit und das Belohnungssystem ansprechen. Crystal wirkt euphorisierend und führt zu Selbstüberschätzung. Es steigert außerdem den Bewegungsdrang der Konsumenten. Aber die Droge hat natürlich auch Nebenwirkungen – sie kann neben der Abhängigkeit zu Psychosen führen, zu Halluzinationen, paranoiden Wahnvorstellungen, Herzrhythmusstörungen, epileptischen Anfällen, Selbstvernachlässigung, Verantwortungslosigkeit, Selbstüberschätzung und körperliche Schäden.

Der Grünen-Politiker Beck stand im Fokus der Öffentlichkeit. Ist es möglich, Crystal Meth zu nehmen, ohne dass die Außenwelt was davon mitbekommt?

"Es sind meistens Frauen, die Crystal Meth nehmen", sagt Bertram Schneeweiß. Der 51-Jährige ist Chefarzt beim Isar-Amper-Klinikum in Taufkirchen (Vils) im Kreis Erding.

Ja, das geht. Es kommt immer auf die Dauer und Dosis des Konsums an. Man kann eine Zeitlang heimlich Crystal nehmen, ohne dass die Außenwelt, die Familie und Freunde was davon mitbekommen. Die Persönlichkeitsveränderung unter Drogen ist oft ein schleichender Prozess, der lange für die Umwelt nicht recht greifbar ist. Auf Dauer geht das wahrscheinlich nicht.

Gibt es Zahlen, wie viele Menschen in Bayern Crystal nehmen?

Das ist schwierig. Die Zahl der Konsumenten schwankt regional sehr stark. In Nordbayern ist der Crystal-Konsum deutlich höher, genau so wie in Tschechien oder Polen, als in Südbayern. Wir haben hier bei uns keine große Crystal-Welle. Wir warten zwar drauf – aber das tun wir jetzt schon ein paar Jahre. Bis jetzt ist der Trend zum Glück nicht für die Krankenhäuser spürbar nach Südbayern gekommen.

Wie viele Crystal-Patienten behandeln Sie in Taufkirchen?

Bei uns im Isar-Amper-Klinikum sind Crystal-Patienten eher Raritäten, aber anderswo ist das ganz anders: In Bayreuth sind es deutlich mehr, da sind es über ein Drittel der psychiatrischen Patienten auf der Suchtstation.

Gerade wurde der Drogenbericht der EU veröffentlicht. Demnach hatte jeder Vierte schon mal Kontakt mit illegalen Drogen. Deckt sich das mit ihren Erfahrungen?

Das ist durchaus eine Zahl, die realistisch ist. Es hängt natürlich immer stark davon ab, was gerade legal oder illegal ist. Aber man muss natürlich auch sagen: Einmal konsumieren heißt ja nicht gleich, dass man auch abhängig ist. Dass jeder Vierte illegale Drogen konsumiert hat, das glaub’ ich gerne. Da gehören aber auch Medikamente dazu, die missbräuchlich genommen werden und gesundheitlich gar nicht nötig sind. Beispiele wären Betablocker oder Tranquilizer.

"Gesellschaftlich am schädlichsten ist nach wie vor der Alkohol"

Crystal-Fälle sind Raritäten bei Ihnen, sagen Sie. Welche Droge macht Ihnen gerade am meisten zu schaffen?

Das ist der Alkohol. Wenn wir über Drogen oder Abhängigkeiten reden, dann muss man über Alkohol und Nikotin reden. Das ist der Hauptteil der Suchtpatienten in den Krankenhäusern. Das ist auch heute noch so. Was gesellschaftlich aus meiner Sicht am schädlichsten ist, das ist nach wie vor der Alkohol. Auch hier gibt es Beispiele von Politikern.

Gibt es andere Drogen, die gerade aufkommen und Ihnen neue Patienten bescheren?

Sogenannte Legal Highs, die übers Internet bestellt werden können, sind gerade eine große Gefahr. Also sogenannte Badesalze oder irgendwelche angeblichen Kräutermischungen oder Nahrungsergänzungsmittel. Oft handelt es sich hierbei um synthetische Cannabis-Analoga, bei denen aber kein Mensch weiß und niemand garantieren kann, was tatsächlich drin ist. Da setzten sich die Konsumenten extrem hohen Risiken aus.

Warum boomen die Legal Highs und die Badesalze gerade so?

Diese Drogen werden im Internet professionell beworben – als Naturdrogen, als Kräutermischung oder was auch immer. Die Verkäufer tun so, als ob die Substanzen harmlos, naturnah oder sogar gesund wären. Aber das sind sie ganz bestimmt nicht. Ein Problem ist, dass die Politik die Einzelstoffe, die ständig wechseln, gar nicht schnell genug verbieten kann.

Interview: Stefan Sessler

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