Berufswunsch:Kranke pflegen Ein Zeugnis, von dem viele träumen: Tesfaye Gebremedn hat in der Berufsschule in allen Fäch ern die Note 2. Foto: Renner „Wo soll ichdenn hin?“

Asylbewerber ohne Ausbildungserlaubnis 

Bestens integriert – und nicht erwünscht

Er lebt seit vier Jahren in Taufkirchen. Seine Beurteilungen sind mustergültig. Diese Woche hätte Tesfaye Gebremedn seine Ausbildung als Pflegefachhelferschüler in der Isar-Amper-Klinik in Taufkirchen beginnen können. Das Landratsamt hat das kurzfristig unterbunden. Ein Fall für das Innenministerium?

Taufkirchen – Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) will abgelehnte Asylbewerber, die eine Ausbildung in Pflegeberufen machen, besser vor Abschiebungen schützen. „Gerade in der Pflege brauchen wir dringend Arbeitskräfte. Deshalb haben wir den Ausländerbehörden gerade erst Regelungen an die Hand gegeben, durch die auch Pflegehelferschüler vor der Abschiebung geschützt werden“, kündigte der Minister Mitte August an. Doch diese Ausweitung des Abschiebeschutzes auf Pflegeschüler greift laut Landratsamt Erding in diesem Fall nicht. Die Ausländerbehörde in der Kreisbehörde jedenfalls hat dem 24-jährigen Flüchtling, der einen unterschriebenen Ausbildungsvertrag hat, die Aufnahme der Lehre nur einen Tag vor Beginn untersagt.

Der junge Flüchtling versteht die Welt nicht mehr. Seit Tesfaye Gebremedn in Deutschland ist, hat er nur ein Ziel: sich integrieren und lernen, lernen, lernen. Er hat Praktika im Isar-Amper-Klinik gemacht, im Pflegeheim der Barmherzigen Brüder, bei Rewe und im Gwandhaus Gruber in Erding. Überall hat Tesfaye nur beste Beurteilungen bekommen. Zuverlässigkeit, Höflichkeit, Interesse, Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft, charakterliche Fähigkeiten und Verantwortungsbewusstsein werden ihm bescheinigt.

In der Berufsschule in Erding hat der junge Mann die Berufsintegrationsklasse absolviert – und mit der Note 2,0 abgeschlossen. „Vielseitig begabt“ und „allzeit interessiert“ sei Tesfaye, wird ihm im Zeugnis bescheinigt. Seine Mitarbeit sei „konstruktiv“ und „vom Teamgeist geprägt“ gewesen. Sein Benehmen „freundlich und höflich“. Bei der Abschlussfeier durfte Tesfaye sogar eine Rede halten – weil er auch sehr gut Deutsch spricht. Sein großer Berufswunsch: er will kranke Menschen pflegen. Aufgrund seiner guten Leistungen, seiner guten Deutschkenntnisse und seiner hervorragenden Beurteilungen hat das Isar-Amper-Klinikum dem 24-Jährigen zum 11. September als Pflegehelferschüler zur Ausbildung eingestellt. Tesfaye konnte seine Freude nicht fassen. Doch jetzt ist die Freude der Trauer gewichen.

Im Behördendschungel in Deutschland scheint Tesfaye aufgerieben zu werden. Denn: Das Bundesamt für Migration behauptet, der 24-Jährige sei kein Eritreer, sondern ein Äthiopier. Gestützt wird das auf eine zweifelhafte Aussage einer Dolmetscherin, wonach der junge Mann die falsche Sprache spreche. Tesfaye spricht Tigrinya – was aber in beiden Ländern gesprochen wird. Weil der Flüchtlinge nach Ansicht der Behörden Äthiopier ist und damit in Deutschland keinen Schutzstatus genießt, soll er abgeschoben werden. Im Mai vergangenen Jahres wurde sein Asylantrag abgelehnt.

Dagegen hat Tesfaye mit Hilfe von deutschen Freunden Klage eingelegt. Eine Gerichtsverhandlung fand bis heute nicht statt – und folgt wohl auch auf absehbare Zeit nicht. Und wohin soll der junge Mann auch abgeschoben werden? Er hat noch nie einen Pass besessen, sagt er. Angehörige hat er weder in Eritrea noch in Äthiopien. Tesfayes Mutter ist wegen des Krieges nach Äthiopien geflohen – sie war damals mit ihm schwanger. Sein Vater war Soldat. Beide Eltern leben schon lange nicht mehr. In der Flucht nach Deutschland sah Tesfaye die letzte Möglichkeit auf ein menschenwürdiges Leben. Und deshalb hat sich der junge Mann, seit er hier in Deutschland ist, hineingekniet und alles gemacht, um anerkannt zu werden.

Laut Joel Hollaender, Jurist im Landratsamt, wäre eine legale Arbeitsmigration möglich – wenn die Identität Tesfayes geklärt wäre. Dies wäre der „richtige Weg“, wenn keine Asylgründe vorlägen. Doch das scheint unmöglich: Bemühungen, einen Pass zu erhalten, seien im Sande verlaufen, versichert Tesfaye.

Der Umgang mit Menschen liegt dem jungen Flüchtling. Schon bei seinen Praktika im Behindertenheim in Algasing und in der Isar-Amper-Klinik Taufkirchen reifte in ihm der Entschluss, in einem sozialen Beruf Fuß zu fassen, erzählt er. Sein großer Wunsch schien jetzt in Erfüllung zu gehen, als er zum 11. September in der Taufkirchener Klinik einen Ausbildungsvertrag als Pflegefachhelfer Krankenpflege bekommen hat.

Auch ein Zimmer im Wohnheim war für Tesfaye bereits reserviert. Doch einen Tag vor dem Ausbildungsbeginn kam der Donnerschlag: Das Landratsamt untersagte Tesfaye die Aufnahme der Ausbildung. Eine Begründung wurde ihm nicht genannt – die will die Behörde angeblich schriftlich nachreichen.

Nicht nur Tesfaye ist schockiert, auch seine deutschen Freunde in Taufkirchen, die ihn bislang begleitet und unterstützt haben. Sie können nicht verstehen, warum ein bestens integrierter junger Mann, der nur gute bis hervorragende Noten und Referenzen hat, so behandelt wird und abgeschoben werden soll. Noch dazu, wo Tesfaye den Krankenpflegeberuf erlernen will. In Deutschland werden Krankenpfleger händeringend gesucht.

In Hinblick auf den Fachkräftemangel in Deutschland wird schon seit Längerem versucht, Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Laut IHK fehlen allein in Bayern 226 000 Fachkräfte, davon 165 000 beruflich Qualifizierte. Auch deshalb hat Innenminister Herrmann entschieden, abgelehnte Asylbewerber, die eine Ausbildung in Pflegeberufen machen, besser vor Abschiebungen schütze Tesfaye ist indes schockiert, bestürzt, traurig. Resiginierend sagt er: „Ich habe mich doch gut integriert, habe viel gelernt, habe hier Freunde und will arbeiten, um nicht vom Staat unterstützt werden zu müssen. Ich verstehe nicht, warum man mir das verwehren will.“ Und in fast perfektem Deutsch wirft er die Frage auf: „Wo soll ich denn hin, wenn ich Deutschland verlassen muss?“

Die große Hoffnung, die Tesfaye jetzt noch hat, ist ein Eingreifen von Landrat Martin Bayerstorfer. Er könnte, so glaubt der jungen Mann, die Ausbildung in der Klinik Taufkirchen doch noch ermöglichen. Freunde des Flüchtlings denken einen Schritt weiter. „Wenn es ist, müssen wir eben weiter gehen und bei Innenminister Herrmann vorsprechen.“ 

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