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Hier arbeiteten die Pfleglinge mit: Das Bezirkgsgut war die Landwirtschaft fürs Klinikum

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Mit einem Rossfuhrwerk transportierte Simon Bitzer die Heuernte in den 1940er Jahren.
Mit einem Rossfuhrwerk transportierte Simon Bitzer die Heuernte in den 1940er Jahren. © Lang

Das Bezirkgsgut Taufkirchen versorgte die Fürsorgeanstalt für Arme, wie das kbo-Klinikum in Taufkirchen anfangs hieß. Ein Blick in die Geschichte.

Taufkirchen – 100 Jahre kbo-Isar-Amper-Klinikum wurden dieser Tage gefeiert. Eng damit verbunden ist das Bezirksgut, das 1919 entstand. Hauptzweck des Gutes war die Versorgung der Anstalt mit landwirtschaftlichen Produkten wie Vieh, Milch, Getreide und Kartoffeln. Das wirkte sich günstig auf die Pflegesätze aus. Viele Menschen arbeiteten hier, erlebten oft harte, aber auch schöne Zeiten.

Lange Zeit prägte Gutsverwalter Lorenz Neudecker das Gut. Als er es 1938 übernahm, war die Zahl der Pfleglinge in der Fürsorgeanstalt auf 317 Personen angewachsen. Im Eröffnungsjahr waren es 61 gewesen. Aufgenommen wurden dort Arme, Alte, Gebrechliche und geistig Behinderte. Bis 1971 stand Neudecker an der Spitze. Leiterinnen der Anstalt waren bis 1948 Ordensschwestern, danach übernahmen dies Beamte, ab 1968 Ärzte.

Mit Ehefrau Centa zog Neudecker im Taufkirchener Gutshof die sechs Kinder Bärbel, Christl, Maria, Katharina, Georg und Elisabeth groß. Der Gutsverwalter war beliebt bei den Taufkirchenern und Mitglied in vielen Vereinen, aktiv bei den Jägern, im Elternbeirat der landwirtschaftlichen Berufsschule Dorfen und als Gemeinde- und Kreisrat.

Sonntagsausflüge in den Wald unternahm Lorenz Neudecker gerne mit seinen Kindern (v.l.) Bärbel, Christl, Georg, Maria, Elisabeth und Katharina.
Sonntagsausflüge in den Wald unternahm Lorenz Neudecker gerne mit seinen Kindern (v.l.) Bärbel, Christl, Georg, Maria, Elisabeth und Katharina. © Lang

Seine beiden ältesten Kinder, Bärbel Bruder (76) und Christl Sepp (75), erinnern sich noch gut an ihre Kindheit im Gut. Sie wurden schon früh zum Mithelfen herangezogen, genossen aber auch viele Freiheiten auf dem großen Areal an der Reckenbacher Straße. Auch in der Obstplantage oberhalb des Gutes Richtung Roßmais trieben sie sich herum.

Alle Gutsbeschäftigten kannten die Neudecker-Kinder, auch die Pfleglinge, die dort zum Arbeiten eingesetzt wurden, heute würde man es „Arbeitstherapie“ nennen. Einer von ihnen war der grauhaarige Rupert, der immer nur Wied hackte. „Das war seine Erfüllung von Montag bis Freitag. Grantig war er nie.“ Reden habe man aber nicht mit ihm können.

Viele der Pfleglinge, die im „G’schloss“, wie es die Einheimischen nannten, untergebracht waren, hatten körperliche und geistige Beeinträchtigungen, viele seien auch von den Kriegen stark mitgenommen gewesen. Sie wurden jahrzehntelang im Schlossfriedhof beerdigt, der heute noch besteht, allerdings etwas verwahrlost.

Bei Beerdigungen habe Pferdeknecht Simon Bitzer die Särge auf dem Leichenwagen mit den Rössern dort hinaufgefahren, sagt Christl. An die sechs Kaltblüter seien in den Boxen im Stall gestanden. Auch zwei Reitpferde waren Mitte der 50er Jahre dort untergestellt. „Damit sie genügend Auslauf bekamen, durften wir Burschen sie reiten“, erinnert sich Willi Bitzer, das jüngste der fünf Geschwister, die gegenüber den Neudeckers wohnten.

Eine seiner frühesten Erinnerungen ist, wie er mit Mutter Walburga und den Brüdern bei Fliegeralarm immer zum Obstgarten rauflief, um sich dort mit den anderen Bediensteten im Bunker zu verstecken. Als die amerikanischen Besatzer 1945 nach Taufkirchen kamen, fuhren sie mit ihren Panzern direkt vor ihrem Haus die Reckenbacher Straße runter. Schwer beeindruckt seien sie als Kinder davon gewesen. Auch, weil es Schokolade, Kaugummi und Corned Beef gab.

Lange Zeit die Köchin: Maria Bauer (damals schon gut 90, M.) mit zwei Ordensschwestern sowie hinten Walburga Bitzer und Centa Neudecker.
Lange Zeit die Köchin: Maria Bauer (damals schon gut 90, M.) mit zwei Ordensschwestern sowie hinten Walburga Bitzer und Centa Neudecker. © Lang

Viel Zeit verbrachten Willi und seine Brüder Simon (82), Hermann (80, †) und Albert (79) mit den Neudecker-Kindern. Herrlich war es für die Kinder im Gut, als 1960 dort auf der Weide, gleich neben dem Misthaufen und dem Kuhstall, das erste Taufkirchener Volksfest stattfand. Auf der großen Weide, die in drei Teile aufgeteilt war, fanden auch Pferderennen statt.

Das Leben im Gut war arbeitsam. Elf Mitarbeiter waren es 1921, 30 Jahre später waren es 41 und weitere 30 Jahre später schon 283. Das Mittagessen wurde in der großen Anstaltsküche gekocht. Maria Bauer habe es in großen, 30-Liter-Töpfen mit einem Leiterwagerl dort geholt. „Rindfleisch g’kocht mit Knedl und Gmias“ war ein häufiges Gericht, erinnert sich Bärbel Bruder, die damals im Büro arbeitete. Das Gemüse wurde von der Anstaltsgärtnerei geliefert. Im Krug hatte sie Kracherl aus der Kracherlmacherei der Anstalt, das sie den Bediensteten auch aufs Feld brachte.

Bei Maria Bauer im Gang habe es auch oft nach Knoblauch oder Weihrauch gerochen. „Mein Lebtag hab ich noch nie an Schnaps getrunken“, habe sie immer gesagt, aber jeden Tag eine halbe Tasse Melissengeist.

Das Rübenziehen in den Ferien oblag dem Neudecker-Nachwuchs. Der Zuckerrübensamen wurde damals ausgesät und ging in den Reihen oft zu dicht auf. Zum Wachsen mussten die Pflanzerl aber ausreichend Abstand haben, also mussten sie die Kinder „vaziagn“, sprich mit einer Hacke die überflüssigen raushauen, mitunter tagelang bei großer Hitze.

Auch mit den Ordensschwestern hatten die Kinder Kontakt. Denn bis Ende April 1948 wurde die Landesarmenanstalt, die später zur Fürsorgeanstalt wurde, von Ordensschwestern geleitet. Im Mai 1921 übernahmen vier Schwestern und zwei Kandidatinnen den Dienst in Taufkirchen, zusammen mit dem Gärtner und dem Pförtner waren sie das Personal der ersten Stunden. Auch hier wurde die schwere Arbeit gemeinsam mit den Pfleglingen verrichtet.

Verwaltung, Küche, Wäscherei, Werkstätten, die Pfleglingsstationen und der große Garten gehörten zum Aufgabenbereich. Aufzüge und fließend Wasser gab es in den Krankenzimmern nicht. Ein 12- bis 14-Stunden-Tag war keine Seltenheit.

Eine der Schwestern war Kundikara. Sie hatte heilende Hände und massierte auch die Taufkirchener Fußballer. Sogar Unterwassermassage habe sie beim Fußballverein durchgeführt. „Da konnte man auf Rezept hingehen. Das war die erste Massagepraxis in Taufkirchen“, verrät Bärbel Bruders Mann Gerd, der dort Fußballer und auch mal Vorsitzender war.

Die ersten Gutsgebäude an der Reckenbacher Straße errichtete der Landesarmenverband 1927. Sie genügten notdürftig den damaligen Verhältnissen. Unter Neudeckers Leitung wurde kontinuierlich ausgebaut. 1948 wurde der Kartoffelkeller errichtet, der später als Abstellplatz für landwirtschaftliche Maschinen diente.

Der Gutshof war lange Zeit das einzige Wohngebäude an der Reckenbacher Straße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind die Wirtschaftsgebäude des Bezirksgutes und links der Obstgarten.
Der Gutshof war lange Zeit das einzige Wohngebäude an der Reckenbacher Straße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind die Wirtschaftsgebäude des Bezirksgutes und links der Obstgarten. © Lang

1951/52 kamen Wirtschaftsgebäude mit Ställen für Rindvieh und Schweine sowie Lager für Getreide, Heu und Stroh hinzu. 1956 waren zwei Angestellte und elf Arbeiter im Gut beschäftigt. 1962 wurde das Landarbeiterhaus für drei Familien errichtet. Denn der Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitern war schon damals zu spüren und konnte nur so behoben werden. Dieses Gebäude wurde später viele Jahre an Bedienstete der Klinik vermietet. Seit Jahren steht es leer.

Der Viehbestand umfasste zu Bestzeiten 100 Rinder und über 400 Schweine. Für die Rindviecher war Matthias Eicher zuständig, für den Saustall Michael Esterndorfer. Das frisch gemähte Gras verteilte Eicher mit dem Bulldog im großen Kuhstall, vor dem auf der Südseite ein riesiger Misthaufen war.

1956 waren es auf dem Gut fünf Pferde, zwei Bullen, 33 Kühe, 15 Kalbinnen, 24 Kälber, ein Eber, 34 Mutterschweine, 45 Mastschweine, 18 Sauen und 23 Ferkel. Groß wurde 1965 in den heimischen Zeitungen über die neue „Klimaanlage im Schweinestall“ berichtet, die eine große Arbeitserleichterung bedeutete.

In der ehemaligen Wagenremise hatte die Gutsverwaltung den Schweinestall mit 20 Metern Länge und 8,5 Metern Breite eingebaut. In den 18 Boxen hatten etwa 180 Schweine Platz. Die Fütterung und die Entmistung mit Schubstangen erfolgten zwei Mal täglich in einer Viertelstunde durch eine einzige Person. Neben den Zuchtsauen hatte man damals 43 Muttersauen, einen Eber und etwa 117 Ferkel sowie eine größere Anzahl Läufer, insgesamt einen Schweinebestand von 408 Tieren zu betreuen.

Im Laufe der Jahre ging die Eigenversorgung aber zurück, vor allem, als der Kartoffelanbau eingestellt und die Rindviehhaltung aufgegeben wurden. 1968/69 kamen die letzten 35 Kühe und 21 Rinder- und Kuhkälber unter den Hammer. 1981 gab es auf dem Gut nur 90 Schweine.

Der moderne Maschinenpark ermöglichte es zunehmend, dass alle anfallenden Arbeiten von nur zwei Fachkräften ausgeführt werden konnte, während früher bis zu sechs Pfleglinge ständig arbeiteten.

Neudecker übergab sein Amt aus Altersgründen 1971 an Bruno Göppel. Dieser verunglückte im Juli 1974 bei Dachdeckerarbeiten an einem Wirtschaftsgebäude, in dem Getreidesilos aufgestellt werden sollten. Der Gutsverwalter stürzte aus zehn Meter Höhe auf den Betonboden.

Neudecker trug nochmal für ein halbes Jahr die Verantwortung bis Richard Reitzle, Göppels Schwager, 1975 die Verwaltung des Gutes übernahm. Er war ebenso beliebt bei den Taufkirchenern, nicht zuletzt als charmanter Bariton-Sänger und Vorsitzender der Liedertafel. Auch schon lange in Rente, kümmerte er sich noch voller Leidenschaft bis kurz vor seinem Tod um „sein“ Schlossgut. „Das war sein Leben“, sagen die Bitzers, die gut mit ihm befreundet waren.

BIRGIT LANG

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