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10 Jahre Neubau Frauenforensik: „Das ist kein Gefängnis“

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Zwei Wegbereiter der Frauenforensik: Professor Matthias Dose (l.) und Altbürgermeister Franz Hofstetter.
Zwei Wegbereiter der Frauenforensik: Professor Matthias Dose (l.) und Altbürgermeister Franz Hofstetter. © Michaele Heske

Zunächst gab es Widerstand aus Taufkirchen, heute arbeiten Psychiatrie und Gemeinde Hand in Hand: Die Frauenforensik in Taufkirchen hat eine bewegte Geschichte. Zwei Wegbereiter erinnern sich.

Taufkirchen - Keiner hat die Entwicklung des Isar-Amper-Klinikums Taufkirchen so stark geprägt wie Professor Matthias Dose. Anlässlich des 100. Jubiläums des Krankenhauses erinnern sich der ehemalige Klinikchef und Altbürgermeister Franz Hofstetter an den Neubau der Forsensik in der Vilsgemeinde vor zehn Jahren – anfangs ein stark umstrittenes Vorhaben.

„Eine Einrichtung wie das kbo in der Gemeinde zu haben – das ist schon ein riesiges Pfund“, meint Taufkirchens Altbürgermeister. Mit über 800 Angestellten sowie zahlreichen Ausbildungsplätzen sei das Isar-Amper-Klinikum in den vergangenen Jahrzehnten zum Jobmotor der Gemeinde geworden.

Die Akzeptanz aus der Bevölkerung war nicht immer so groß. 1993, als Matthias Dose Ärztlicher Direktor des damaligen Bezirkskrankenhauses wurde, riegelten noch Gitterschranken das Gelände ab. „Kein Taufkirchener verirrte sich in den Schlossgarten“, erinnert sich Dose. Die Stigmatisierung sei groß gewesen. „Zu meiner Vorstellung von Psychiatrie gehörte es aber, das Maß an geschlossener Unterbringung und Stationen auf ein Minimum zu reduzieren und die Klinik auch nach außen ein- und durchsichtig zu machen.“

Ein Weg, den der Psychiater gemeinsam mit dem Politiker einschlug. „Mit dem Amtsantritt von Hofstetter im Jahr 1996 intensivierte sich die Zusammenarbeit, die psychiatrische Einrichtung wurde immer mehr zum Teil der Gemeinde“, sagt Dose. „Das Wasserschloss und das weiträumige Gelände rund um die Psychiatrie wurden nach und nach auch für die Gemeindemitglieder zugänglich“, fügt Hofstetter an.

Mit der Enthospitalisierung der Langzeitpatienten gab es nun allerdings freie Kapazitäten in der Einrichtung. Und weil die Forensik in Haar aus allen Nähten platzte, schlug 1998 der Bezirk Oberbayern vor, eine Frauenforensik mit anfangs 36 Betten auf dem Klinikgelände zu installieren, in der straffällig gewordene Frauen mit psychischen Krankheiten behandelt werden sollten.

Die Abteilung wuchs rasant. Schon 2002 waren es 62 Patientinnen, 2004 bereits 104. Mit der Forderung nach einem Neubau, um der Überbelegung zu entgehen, ging es dann erst richtig mit den Problemen los. „Dann müsst ihr auch 30 Behandlungsplätze für männliche Straftäter schaffen“, habe es von Seiten des zuständigen Sozialministeriums geheißen, erinnerte sich Hofstetter. „Nun stand im Raum, dass auch verurteilte Sexualstraftäter in die Gemeinde kommen.“

Da ging ein Aufschrei durch den Ort. Das war auch für den damaligen Gemeinderat undenkbar. Zudem sammelte eine Bürgerinitiative mehr als 2000 Unterschriften gegen die Öffnung der Forensik für Männer. Offen und ehrlich versuchte der Psychiater, die vielen Gegner von der Notwendigkeit der Einrichtung zu überzeugen. Da er selbst in Taufkirchen lebte, wuchsen auch seine eigenen Kinder in der Gemeinde auf. „Ich sah auch keine Gefahr für die Taufkirchener.“ Dieser Kelch ging an den Bewohnern vorüber. Weil immer mehr psychisch kranke Straftäterinnen nach Taufkirchen verlegt wurden, reichte schließlich die Belegungszahl aus, um im Jahr 2007 einen Neubau mit fünf forensischen Stationen nur für Frauen zu beschließen. Bedenken, auch diese könnten die Bevölkerung gefährden, versuchte der Klinikdirektor damals zu beruhigen: „Bei den Gewaltdelikten von Frauen handelt es sich in der Regel um Beziehungstaten im sozialen Nahfeld. Außenstehende sind in der Regel nicht betroffen.“

In dem rot-weißen Gebäude am hinteren Ende des Klinikparks, das seit 2011 die Forensik beheimatet, gibt es Sicherheitsschleusen und Kameras. Heute gibt es einen Forensik-Beirat mit Vertretern von Klinikum und Gemeinde, bei dem bis heute Gegner des Klinikums beteiligt sind.

Derzeit leben 178 straffällig gewordene Patientinnen im Alter von 18 und 80 Jahren in der Forensik. „Das ist kein Gefängnis“, erklärte Dose, „da geht es um Therapie.“ Im Schnitt blieben die psychisch erkrankten Frauen sechs Jahre im Klinikum, die Suchtpatientinnen zwei Jahre. In unterschiedlichen Lockerungsstufen werden die Frauen wieder auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet. „Viele der Patientinnen arbeiten in Cafés oder in Geschäften im Landkreis, andere holen in Taufkirchen ihren Schulabschluss nach. Und einige ehemalige Patientinnen bleiben auch nach ihrer Entlassung in Taufkirchen.“

VON MICHAELE HESKE

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