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Altertum macht Spaß: Gertraud und Helmut Grunwald genießen das Lagerleben sichtlich.

Zurück in die Vergangenheit

Leben wie die Kelten

Helmut Grunwald ist Finanzbetriebswirt in der Klinik in Taufkirchen, seine Frau Gertraud arbeitet dort in der Info-Pforte. In ihrer Freizeit gehen die beiden aber ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie leben als Kelten.

Taufkirchen – „Dager av Ulver“ hieß der Mittelaltermarkt am Veldener Volksfestplatz. Mitten drin im mittelalterlichen Geschehen war auch das Ehepaar Grunwald aus Taufkirchen. Vor knapp acht Jahren besuchten die beiden beim Bräu z’Loh ein Kelten- und Römerlager. Damals habe er das Reenactment – die Neuinszenierung konkreter geschichtlicher Ereignisse in möglichst authentischer Weise – das erste Mal gesehen, „und es hat mich gleich interessiert“, erzählt Helmut Grunwald. Seiner Frau Gertraud ging es genauso. Also fuhren die beiden mit dem Veranstalter des Lagers auch nach Gabreta, in ein Keltendorf bei Grafenau.

Danach fing alles an. Die beiden waren infiziert und begannen sofort, sich die Grundausrüstung eines Kelten herzustellen. „Das heißt, meine Frau hat Hosen und Tunika aus Wollstoffen genäht, mit der Hand. Sogar Ziernähte hat sie gestickt“, sagt Helmut. Beim Reenactment sei es üblich, seine Ausrüstung soweit wie möglich selber herzustellen: „Was man selber macht, erfüllt einen mit Stolz.“

Nachdem seine Frau sich um die Bekleidung gekümmert hat, besuchte er einen Wochenend-Schmiedekurs im Bayerischen Wald und schmiedete sich sein erstes Messer aus ganz hartem Eisen. „Es ist das beste und schärfste Messer, das wir haben.“ Es folgten Schilder, Lanzen und erste Amulette. Es sei „schon was Spezielles“ gewesen, nach alten Vorbildern und Funden die Ausrüstung zu fertigen.

Wenn man sich im Rahmen des Reenactment mit der Geschichte beschäftige, versuche man auch eine spezielle Epoche darzustellen, dann „spezialisiert man sich“. Die frühen Kelten, aus der Hallstadt-Zeit hätten von 800 bis etwa 450 vor Christus gelebt. Dann sei die Laténe-Zeit gekommen, die nach einem Ort in der Schweiz am Neustädter See benannt wurde. Sie hat von etwa 450 vor Christus bis zur Zeit um Christi Geburt gedauert, berichtet er.

Die Grunwalds entschieden sich für diese Epoche. Es war die Zeit, in der sich die Kelten in ganz Europa ausbreiteten und die ersten größeren Städte bewohnten. „Sie sind quasi unsere Vorfahren“, meint Helmut. „Die Kelten waren hervorragende Künstler und bemerkenswert gute Schmiede. Sie haben ganz tolle Waffen gefertigt und werden auch die Herren des Eisens genannt“, erzählt er begeistert. Zudem waren sie auch hervorragende Glaskünstler.

Beider Begeisterung für die Geschichte geht schon auf ihre Kindheit zurück und hat sich die vergangenen Jahre auf die Kelten konzentriert. Was die beiden auch einmalig finden, sind die Treffen mit Gleichgesinnten, die so genannten Kelten-Treffen. „Das Gemeinschaftsgefühl und die Hilfsbereitschaft sind außergewöhnlich, wie in einer Familie. Man hilft sich gegenseitig, kocht miteinander, gibt sich Tipps. Jeder kann was, ein anderer sucht es und tauscht es aus. Es ist ein Geben und Nehmen.“ Wenn die beiden ins Lagerleben eintauchen, sei „im Prinzip nichts Sonstiges mehr wichtig. Du musst dein Feuer machen, dass es warm wird und Essen gekocht werden kann, kannst auf dem Lammfell im Zelt schlafen und dir gegenseitig helfen“, fasst er es kurz zusammen. Für ihn der ideale Abstand zum normalen Leben. „Hier kann ich abschalten und meine Batterien aufladen.“ Hinzu kommt, dass man die meiste Zeit im Freien ist. Das gibt das Gefühl der Freiheit zurück. Ihr privates Umfeld habe auf das Reenactment sehr gut reagiert. Lustig habe sich keiner gemacht, eher Interesse gezeigt.

Außergewöhnlich findet Helmut auch, wie fortschrittlich die Kelten im Denken waren. Ihre Frauen waren eigenverantwortlich für Haus, Nähen und Kochen zuständig, sie hatten Stimmrechte und durften ihre Männer teilweise beerben. Es habe sogar Fürstinnen gegeben, die es zu Macht und Reichtum brachten. Gertraud ist zwar keine Fürstin, aber sie hat es auch schon weit gebracht. Schon immer sei sie mit ihrem Mann gerne auf Mittelaltermärkte gegangen und habe „reingeschnuppert“. Die Leute, die sie in Gabreta kennengelernt hätten, seien so lieb gewesen, dass „wir beide gleich Feuer und Flamme waren“. Schnell spezialisierte sich die zweifache Mutter, die früher bei der Post in Taufkirchen tätig war, auf das Arbeiten mit Wolle. „Ich habe mit einer Bekannten Zwiebelfärbung gemacht, das hat mich fasziniert.“ In den vergangenen sieben Jahren ist ihre Faszination noch weiter gewachsen.

An ihrem Stand in Velden hatte sie ihre gefärbten Wollen farblich sortiert nebeneinander aufgehängt. Ein beeindruckender Anblick. „Keine Farbe ist, wie die andere. Nie gibt es das gleiche Ergebnis“, erzählt sie. „Ich färbe nur bei Sonnenschein, denn die Kraft der Sonne soll sich auf die Wolle auswirken“, verrät sie und, dass es ihr immer wieder eine Freude sei, zu sehen, welche Farbe rauskomme. „Jede Farbe, jede Pflanze hat ihr Geheimnis, das man ihr rauskitzeln muss.“ Reich an Geld ist sie mit ihrer Wolle nicht geworden, aber reich an Erfahrung, Zufriedenheit und Freude. Ganz so, wie früher wohl die Kelten.

Birgit Lang

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