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Auf verkehrsarmen Wegen ziehen die Wallfahrer von Moosen Richtung Tuntenhausen. Rund 120 Pilger reihen sich jedes Jahr ein. 

Moosener Wallfahrt nach Tuntenhausen 

„Zu erbitten und zu danken gibt es immer was“

Rund 120 Pilger machen sich am Freitag wieder auf den Weg von Moosen nach Tuntenhausen. Seit Jahren organisiert Christian Födisch die Wallfahrt, für die vor 85 Jahren ein Verein gegründet wurde. Die Beweggründe der Menschen sind vielfältig – wie ihre Aufgaben.

Moosen/Tuntenhausen Rund um Moosen gibt es viele „Süchtige“. Einer von ihnen ist Christian Födisch aus Moos. Er marschiert und betet seit seinem 18. Lebensjahr mit. Und nicht nur das: Der 44-Jährige organisiert die Wallfahrt auch seit vielen Jahren. Vor ihm hat es sein Vater Gerhard gemacht.

Damals, Ende der 1960er, Anfang der 1970er, waren es nur 30 bis 50 Gläubige, die Rosenkranz betend die rund 50 Kilometer von Moosen über Dorfen und St. Wolfgang Richtung Tuntenhausen gingen. Über die Jahre sind es mehr Teilnehmer geworden. „Seit Ende der 90er gehen regelmäßig 120 Personen mit.“

Lagebesprechung: Die Organisatoren Christian und Gerhard Födisch (3. und 4. v. l.) in Tuntenhausen im Gespräch mit Pfarrer Amit Sinha Roy (r.)

Da gibt es viel zu organisieren. Etwa die Notdurft. Deshalb plant Födisch ausreichend Zwischenstopps ein, meist bei Wirtschaften, wo es Toiletten gibt. Auch für die Streckenführung ist er zuständig. So große Wallfahrergruppen sind nicht gerne auf viel befahrenen Straßen gesehen – vor allem, wenn sie Bundesstraßen kreuzen müssen, weiß er. Deshalb muss er Ausweichrouten finden. Das macht er in Absprache mit der Polizei und den Landratsämtern. Die Malteser transportieren seit 1969 das Gepäck der Wallfahrer, sorgen mit der Polizei für die Verkehrssicherung und verarzten kleinere und größere Verletzungen, vor allem Blasen. Bezahlt werden sie nicht, nur der Dieselkraftstoff für ihr Dienstfahrzeug, Unterkunft und Essen. Deshalb sammelt Födisch für sie und die Mesner ein ordentliches Trinkgeld ein.

Vorbeter, Fahnen- und Kreuzträger

Eine wichtige Aufgabe hat Obervorbeter Lorenz Fellermayer aus Grüntegernbach. Er muss den Plan im Kopf haben, was wo gebetet wird und darauf schauen, dass die anderen Vorbeter ihren Einsatz erwischen, also gleichzeitig zu beten beginnen. Der Vorbeter braucht eine gute Stimme. Eine solche hat beispielsweise der Alois Gmeineder, passionierter Radfahrer und Imker aus Hubenstein. Als er 1996 das erste Mal mitging, „haben sie ihn gleich kassiert“, erzählt Födisch. Seither ist Gmeineder dabei.

Gebetet wird sehr viel auf der Strecke. „Sieben Mal drei Rosenkränze, wenn’s g’langt“, sagt Födisch. Aber es gibt auch Teilstücke, auf denen geratscht wird. Das sei aber nicht ungefährlich, denn dann zerstreue sich der Zug sofort. „Auf größeren Straßen muss man deshalb zwingend beten, damit alle zusammenbleiben.“

Auch Fahnenträger gehören zum Pilgerzug. „Nach alter Väter Sitte sind dies Jungfrauen. Heute kann das aber nicht mehr hinterfragen“, sagt Födisch. Zur Not springen auch mal Männer ein. „Das Fahnentragen ist das Schwierigste beim Wallfahren“, erklärt der 44-Jährige – vor allem, wenn es windig sei. Zudem muss der Träger die Freileitungen im Blick haben, damit sich die Fahne nicht darin verfängt. Herbert Holzner aus Moosen hat vor vielen Jahren einmal kurzen Prozess gemacht und die Fahnenstange eigenhändig abgeschnitten.

Aufbruch der Kreuzträger: Seit vielen Jahren erfüllt Stephan Fellermayer (l.), Vorsitzender des Moosener Veteranenvereins diese Aufgabe mit Stolz. 

„Kreizalbua“ ist seit ewigen Zeiten da Zeilamoasta Steph, also Stephan Fellermayer, Vorsitzender der Moosener Veteranen und langjähriger Taufkirchener Bauhof-Mitarbieter. Mit seinen über 60 Jahre ist er dem Bubenalter zwar längst entwachsen, aber die Aufgabe erfüllt er nach wie vor mit Stolz.

Warum pilgern Menschen? „Das weiß jeder für sich“, sagt Födisch. Tradition, sportlicher Ehrgeiz, Religiosität? „Zu erbitten und zu danken gibt es immer etwas“, meint der Organisator, der als Beamter im Staatlichen Bauamt Landshut arbeitet. „Für viele haben diese zwei Tage eine ganze besondere Bedeutung.“

„Das ist was für Körper und Geist“, sagt Maria Maier, geborene Lechner aus Vieth. Seit ihrer Hochzeit wohnt sie in Kirchasch, aber den Moosener Wallfahrern ist sie treu geblieben. „Das ist wie eine Familie. Oft sieht man sich das ganze Jahr nicht, aber sobald man sich wieder trifft, ist es, als ob man nie getrennt gewesen wäre.“ Es gibt viel zu erzählen – und man hilft sich, „wenn jemand eine Salbe braucht oder es ihm nicht gut geht. Dann zieht man ihn mit“, erzählt die zweifache Mutter und Steuerfachgehilfin, die viele als Volksfest-Bedienung kennen.

Beim Wallfahren herrscht Disziplin

Das Wallfahren hat in ihrer Familie Tradition. Ihr Vater war Vorbeter, und so durfte Maria mit 13 Jahren das erste Mal mitgehen. Seither fehlt sie bei keinem Zug. Gut erinnert sie sich noch daran, als in Tuntenhausen Maitanz war. Damals war sie vielleicht 16 Jahre alt. „Da hamma ganz schön biedsched, und von den Tuntenhausener Burschen Goaßmaßn kriagt. Um 4 Uhr in da Fria samma hoamtoaklt, ganz leise ins Zimmer, damit uns da Bauer ned hört, bei dem wir g’schlafa ham. Beim Frühstück hamma dreingeschaut, wie drei Tage Regenwetter. Da sagt der Bauer zu uns: ‚Gestern is es wohl spät worn. A Kuh hat g’kalbt um 3 in der Früh, da ward’s no ned dahoam.“

Auch wenn es mal später wird, beim Wallfahren herrscht Disziplin. Pünktlich um 7 Uhr waren Maria und ihre Freundinnen beim Gottesdienst, dann ging’s zu Fuß Richtung Heimat. „An da frischen Luft weast scho wieda“, sagt sie lachend. Auch Marias Brüder Sepp, Mathematiker und Fußball-Schiri, und Hans, Maurer und Landwirt, sind immer dabei. Sepp hat sogar seine Frau Maria Porstendorfer beim Wallfahren kennen gelernt.

Viele Pilger gehen seit Jahrzehnten mit. Da entwickeln sich auch Freundschaften zu den Familien, bei denen sie übernachten. „Manche sind mit den Kindern aufgewachsen und mit den Erwachsenen älter geworden“, sagt Födisch. Wallfahren ist ein Gemeinschaftserlebnis – es vereint Geschlechter, Berufe und Generationen. „Wir sind recht gut aufgestellt von der Altersstruktur, von 20 bis über 80 Jahre“, sagt Födisch.

Da werden auch Erfahrungen weitergegeben. Etwa, was das Schuhwerk betrifft. „Ich hab seit über zehn Jahren die gleichen Wanderschuhe, die zieh ich nur nach Tuntenhausen an und trage ganz dicke Socken“, erzählt er. So verhindert er Blasen. Und wenn einen doch mal eine plagt: Dann zieht man mit einer Nadel einen Faden durch die Blase, damit die Nässe rauslaufen kann.

Ein Eis gönnen sich die Taufkirchener Hermann Hoffmann und Heinz Götzberger. 

Seit jeher beginnt die Wallfahrt am Freitagmorgen um 7 Uhr in der Pfarrkirche Maria Dorfen mit einem Wallfahreramt. Dort treffen sich die Pilger aus dem Dekanat und dem oberen Vilstal. Dann geht es über St. Wolfgang, Winden und Rechtmehring nach Attel. Dort wird übernachtet. Nach 30 Kilometern am ersten Tag und führt der Weg am Samstag 20 Kilometer über Rott und Lampferding nach Tuntenhausen (Kreis Rosenheim).

Ausweichziel Beyharting

Der Ort ist heuer allerdings nicht das Ziel. Denn die Basilika wird saniert und ist das ganze Jahr gesperrt. „Nur die Handwerker und die Kollegen vom Bauamt Rosenheim dürfen noch rein“, sagt Födisch. Deshalb weichen die Wallfahrer nach Beyharting aus, ein paar Kilometer südlich von Tuntenhausen. Höhepunkt ist am Samstag der Gottesdienst mit Lichterprozession, der heuer schon um 17 Uhr gefeiert wird. Dann stehen Busse zur Heimfahrt bereit. Immer weniger Wallfahrer gehen zu Fuß zurück. Födisch hofft: „Vielleicht geht trotzdem noch ein bisserl was zum Ratschen zam.“ Birgit Lang

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