Randalierte schon im Krankenhaus

Asylbewerber dreht in JVA durch und muss in Psychiatrie - Abschiebung ausgesetzt

Im Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen ging er auf einen Mitpatienten los, in der JVA Landshut auf Beamte: Ein 28-jähriger Senegalese muss daher in die Psychiatrie. Die Abschiebung wird ausgesetzt.

Landshut/Taufkirchen – Die Unterbringung des abgelehnten Asylbewerbers in der geschlossenen Psychiatrie hat die Landgerichtskammer angeordnet. Der 28-Jährige, der inzwischen in der forensischen Bezirksklinik in Straubing untergebracht ist, befand sich seit Ende Mai 2017 wegen einer akuten Belastungsreaktion und einer paranoiden Psychose im Taufkirchener Isar-Amper-Klinikum. Dort war er im vergangenen Jahr im Raucherraum mit einem Mitpatienten (21) in Streit geraten und hatte diesen mit Fäusten und Füßen traktiert.

Ab Juli saß der Senegalese dann in der JVA Landshut zur Verbüßung von zwei Ersatzfreiheitsstrafen (insgesamt 110 Tage) ein, nachdem er Geldstrafen, zu denen er wegen zahlreicher Fälle des Hausfriedensbruchs und einer sexuellen Belästigung verurteilt worden war, nicht bezahlt hatte. Im Knast randalierte er immer wieder und hielt die JVA-Beamten auf Trab, in dem er ständig den Notrufknopf drückte.

Im Sicherungsverfahren vor der 1. Strafkammer des Landgerichts räumte der 28-Jährige die Attacke auf seinen Zimmerkollegen ein. Zum Streit mit ihm sei es gekommen, weil er nie die Toilettenspülung betätigt und ihn auch noch beleidigt habe. An den Ausraster in der JVA wollte der Senegalese zunächst keine Erinnerung haben, dann fiel ihm allerdings noch ein, dass man ihm bei der Zellenbelegung gesagt habe, er könne den Knopf drücken, wenn er etwas benötige. Das habe er dann auch getan, „wenn ich zum Rauchen wollte oder Schlaftabletten brauchte.“ Da konnte sich Vorsitzender Richter Markus Kring die Bemerkung nicht verkneifen: „Ich glaube nicht, dass auf dem Knopf was von Zimmerservice stand.“

Kulturelle Entwurzelung

Vor über fünf Jahren, so berichtete der 28-Jährige, habe er Dakar, wo er Schreiner gelernt habe, verlassen: „Dort wollten mich Rebellen verhaften und in ein Lager stecken, um dann für sie zu kämpfen.“ Auf seiner Flucht sei er unter anderem in Libyen in Haft gewesen, danach mit einem Fischerboot in einem italienischen Lager gelandet und schließlich mit dem Zug nach Deutschland gelangt. Seitdem leide er am ganzen Körper an Schmerzen, sei immer müde und fühle sich von seinen „Freunden“ aus der Asylunterkunft verfolgt und kontrolliert. Seine Betreuerin kümmere sich nicht um ihn, die Polizei und das Landratsamt hätten auf seine Beschwerden nicht reagiert.

Die psychiatrische Sachverständige Dr. Verena Klein bescheinigte dem 28-Jährigen eine paranoide Schizophrenie, die zu den Tatzeiten zu einer aufgehobenen Steuerungsfähigkeit und damit zu einer Schuldunfähigkeit geführt habe. Auslöser sei offenbar die kulturelle Entwurzelung gewesen. Der 28-Jährige lege keinerlei Krankheitseinsicht an den Tag, verweigere die Medikation. Angesichts seines massiven Aggressionspegels seien von ihm in unbehandeltem Zustand auch weiterhin Straftaten zu erwarten, wobei, so die Gutachterin auf Nachfrage, auch durchaus nicht auszuschließen sei, dass er impulshaft zu gefährlicheren Mitteln, sprich auch Waffen, greifen könnte.

Die Kammer ordnete, wie von der Sachverständigen empfohlen und von Staatsanwältin Jeaninne Zuck beantragt, die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an. Richter Kring wies in der Urteilsbegründung darauf hin, dass der Angeklagte aktuell immer noch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Die Unterbringung sei für den 28-Jährigen auch eine Chance: „Er erhält mit hohem finanziellen Aufwand eine Behandlung, die so in seinem Heimatland nie erfolgen würde.“

Walter Schöttl

Rubriklistenbild: © dpa / Stefan Puchner

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