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Notunterkunft: Tobias Eisenschmidt in seinem Mietcontainer in Taufkirchen, den die Gemeinde aufgestellt hat.

Leben auf 15 Quadratmetern im Container

Obdachloser packt über sein Leben aus und sucht einen Freund:„Vereinsame hier draußen total“

Tobias Eisenschmidt ist einer von sieben Obdachlosen in der Gemeinde Taufkirchen. Der 48-Jährige wohnt auf 15 Quadratmetern in einem Container. Ein einsames Leben.

Taufkirchen– Elf Jahre lang ist Eisenschmidt im ehemaligen Schwesternwohnheim des Bezirkskrankenhauses untergekommen. Doch dieses wurde vor vier Jahren abgerissen. Als Ersatz bekam er einen zweieinhalb auf sechs Meter großen Wohncontainer, der an der Rechenbacher Straße, Abzweigung Bauhof, steht. Früher hatte der ehemalige Schäfer, der aus Leipzig stammt, noch zwei Hunde als Kameraden. Einer starb, den anderen gab er ab. Nun ist er allein und fühlt sich immer einsamer in seinem Tiny House.

Auf 15 Quadratmetern hat er alles, was man braucht: Dusche, Waschbecken, Toilette, Bett, Küchenzeile, Schrank, Tisch, Stuhl und ein Regal sowie Wasser- und Stromanschluss. Weil er keine eigene Waschmaschine hat, hilft ihm eine Bekannte auf Freundschaftsbasis. Der 48-Jährige liest und sammelt Schafzucht- oder Tierheim-Zeitungen, die er überall stapelt, auch in der Dusche.

Obdachloser in Taufkirchen (Vils): „Zurück in den Osten geht auch nicht“

Ordnung zu halten in dem kleinen Raum fällt ihm schwer. Deshalb möchte er gerne in eine etwas größere möblierte Wohnung ziehen. Aber das ist schwierig in Taufkirchen und Umgebung. Jetzt zahlt Eisenschmidt 150 Euro Miete im Monat. Für dieses Geld eine bessere Unterkunft zu finden, ist nicht leicht. Das weiß er. „Zurück in den Osten geht auch nicht“, sagt er. 

Eigentlich wollte er in seine alte Heimat zurück, weil dort die Mieten billiger seien, aber von Bayern aus bekomme er in Leipzig keine Wohnung. Auch seine Eltern können ihn nicht aufnehmen. Seine Mutter wohne an der Ostsee, sein Vater in Nordrhein-Westfalen, beide hätten nur wenig Platz.

Obdachloser ist von Beruf Schäfer und arbeitete in München als Tierpfleger

Von Beruf ist Eisenschmidt Schäfer. In München arbeitete er auch als Tierpfleger, in der Sächsischen Schweiz habe er später eine Schäferei aufgebaut, aber keinen Lohn bekommen. Zurück in Bayern fand er keinen Job mehr. Mit 28 Jahren wurde Eisenschmidt arbeitslos, und die Polizei lieferte ihn irgendwann in die Psychiatrie ein, erzählt er. Welche Diagnose er hat, verrät er nicht genau. „Allgemein-Psychose“, winkt er ab und meint, das sei eine lange Geschichte. Wegen dieser Erkrankung sei er damals, als er schon in Taufkirchen lebte, auch in Frührente geschickt worden.

Jetzt lebt Eisenschmidt von 900 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente. Gerne würde er einen 450-Euro-Job annehmen. Am liebsten etwas mit Tieren. „Ich habe mein Leben lang immer Tiere gehabt. Auch Raubtiere, Löwe, Bär, Luchs, Kampf- und Schäferhunde.“ Aber er hat keinen Führerschein. Deshalb könne er auch nicht im Tierheim bei Kirchasch arbeiten. Wieder nach München in die Arbeit zu fahren, um 6 Uhr aufzustehen, das schaffe er nicht mehr. Diesem Stress sei er aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr gewachsen.

„Bin dankbar, dass ich Container habe“

„Ich bin dankbar, dass ich den Container habe. Aber es ist nur eine Notlösung, und es gibt keine Sozialwohnungen“, bedauert er. Zwar wurden gerade 18 Mietwohnungen für einkommensschwächere Haushalte an der Rechenbacher Straße errichtet. Aber dort würde er, wenn überhaupt, nur ein Zimmer für 350 Euro Miete bekommen.

Eisenschmidt erzählt, dass er schon drei Jahre in Lengdorf in einem Wohnwagen ohne Wasser gelebt habe. Die Frage, ob er dieses einfache Leben als Schäfer denn nicht gewohnt sei, verneint er. „Im Westen ist der Schäfer ein armer Mann. In der DDR war man was anderes gewöhnt.“

Obdachloser sucht einen Freund

Obwohl Eisenschmidt seit mittlerweile 20 Jahren in Taufkirchen lebt, habe er nur wenige Freunde. Viele von ihnen seien Patienten, die mittlerweile gestorben oder weggezogen seien. Deshalb sucht der 48-Jährige neben einer möblierten Wohnung auch Freunde. „Ich vereinsame hier draußen am Bauhof. Ich brauche jemanden zum Reden, sonst fällt mir die Decke auf den Kopf.“ Nur einmal in der Woche kommt eine Mitarbeiterin der Ambulanz, eine Krankenschwester, sagt er, die sich eine halbe Stunde mit ihm unterhalte. Dann geht sie wieder.

Vonseiten der Gemeinde besteht wenig Verständnis für die Klagen von Eisenschmidt. Der Obdachlose habe sich vor vier Jahren genau diesen Container gewünscht. Also sei er für 15 000 Euro angeschafft worden. Die 150 Euro, die er bezahle, seien nur die anteiligen Nebenkosten, die weit höher lägen. Das Angebot, vor zwei Jahren in eine Obdachlosenunterkunft in Taufkirchen umzuziehen, in der mehrere Obdachlose in einer Art WG wohnen, habe er ausgeschlagen, teilt die Gemeinde mit. Eisenschmidt stand auch auf der Bewerberliste für das neue Gebäude, das im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus an der Reckenbacher Straße errichtet wurde. Aber es gab wesentlich mehr Bewerber als Wohnungen. Eisenschmidt kam nicht zum Zug.

Lesen Sie auch: Obdachloser sucht Hilfe bei der Stadt – und bekommt Strafanzeigen

Eine Schlehdorfer Familie aus dem Mittelstand findet sich unversehens in der Obdachlosigkeit wieder. Der Fall zeigt einmal mehr, wie gravierend die Wohnungsnot in der Region ist.

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