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Im Graben neben der unfallträchtigen Kreuzung bei Johannrettenbach (Gemeinde Taufkirchen) landeten nach dem Zusammenstoß Bus und Auto. Die Busfahrerin (48) wurde aus dem linken Fenster geschleudert und erlag ihren Verletzungen. 

29-Jähriger wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht – Unfalltod wäre vermeidbar gewesen

Gutachter: Mit Gurt hätte Fahrerin überlebt

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Ein Autofahrer missachtet die Vorfahrt und kollidiert mit einem Reisebus. Dessen Fahrerin kommt dabei ums Leben. Doch wie schwer wiegt die Schuld des Verursachers, wenn die Unfallgegnerin nicht angeschnallt war? Mit dieser Frage musste sich gestern das Amtsgericht Erding befassen. Richter Björn Schindler verhängte schließlich eine Geldstrafe.

Taufkirchen/Erding– Vor Gericht stand ein 29 Jahre alter Ungar, der in München lebt. Am Abend des 19. Mai vergangenen Jahres war er mit seinem Lebensgefährten im östlichen Landkreis unterwegs, um eine Wohnung zu besichtigen. Gegen 19 Uhr überquerte er mit seinem Ford auf dem Weg von Taufkirchen in Richtung Fürstbach die – unfallträchtige – Kreuzung der Kreisstraßen ED 13 und ED 26. Ob er am Stoppschild angehalten oder die Kreuzung einfach überquert hatte, ließ sich nicht mehr feststellen.

Auf der Kreuzung prallten der Pkw und der nur mit der Fahrerin besetzte Linienbus zusammen. Am Steuer saß eine damals 48-Jährige aus Velden. Sie hatte sich den Bus aus dem Depot geholt, um am nächsten Morgen Schüler zu transportieren. Die verheiratete Mutter war nicht angeschnallt und wurde durch die Wucht des Aufpralls aus dem Fahrzeug geschleudert. Auf dem Grünstreifen prallte sie zudem gegen einen Telefonmasten. Noch an der Unfallstelle erlag sie ihren schweren Verletzungen. Ihre Tochter erfuhr über Facebook von dem Unfall und eilte an den Unglücksort. Sie musste ebenso wie ihr Vater vom Kriseninterventionsteam betreut werden.

Der 29-Jährige erlitt leichte Verletzungen, der Beifahrer kam mit einem Schleudertrauma, einer Platzwunde und einem stumpfen Bauchtrauma ins Krankenhaus. Alkohol war nicht im Spiel.

Über seinen Anwalt Laszlo Nagy ließ der Angeklagte, der kein Deutsch spricht, mitteilen, dass ihm das Geschehene sehr leidtue. Er habe sich bei den Hinterbliebenen entschuldigen wollen, dazu sei es aber nicht gekommen.

Weiter berichtete Nagy, dass sich das Leben seines Mandanten mit dem Tag der Tragödie stark verändert habe. Der Mann sei in psychologischer Behandlung gewesen und leide bis heute unter den Bildern, die immer wieder hochkämen. Seit dem 19. Mai vergangenen Jahres habe er kein Auto mehr gesteuert, sondern nutze nur noch Bus und Bahn. „Er bekommt jedes Mal Angstzustände, wenn er sich nur in ein Auto setzt“, so der Verteidiger.

Eine Polizistin der Dorfener Polizei berichtete im Zeugenstand, dass es sich um eine unfallträchtige Kreuzung handle, die nach dem Unfall mit Blinklichtern ausgestattet worden sei.

Richter Schindler verlas das unfallanalytische Gutachten. Demzufolge erfolgte der Aufprall bei etwa 61 km/h. Nicht mehr klären ließ sich, ob der 29-Jährige zunächst angehalten oder das Stoppschild einfach übersehen hatte. Der Angeklagte selbst gab an, sich nicht mehr erinnern zu können. Der Gutachter legte sich fest, dass die Busfahrerin überlebt hätte, wäre sie angeschnallt gewesen. Bei einer Leerfahrt, betonte Schindler, sei sie dazu verpflichtet.

Staatsanwältin Lina Schneider forderte eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 80 Euro, also 14 400 Euro. Anwalt Nagy verwies auf einen ähnlich gelagerten Prozess am Amtsgericht Schwabach, das 1500 Euro Geldstrafe verhängt hatte.

Schindler sprach eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 80 Euro aus, was 9600 Euro entspricht. Der Autofahrer habe die Sorgfaltspflicht zwar grob vernachlässigt, doch der Tod der 48-Jährigen wäre mit Gurt verhindert worden. „Die Strafzumessung ist deshalb sehr schwierig“, gab der Vorsitzende zu.

Er würdigte Reue und Geständnis und berücksichtigte auch die psychischen Folgen für den Angeklagten, der strafrechtlich bislang nicht in Erscheinung getreten war. Der Führerschein bleibt für zwei weitere Monate gesperrt – für den Ungarn das geringste Problem. Die Strafe will er in Raten abstottern.

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