Schwierige Zeiten: Die Corona-Pandemie erschwert die häusliche Pflege von Angehörigen. Die psychische und physische Belastung ist enorm. Foto: Bernd Thissen/dpa
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Die häusliche Pflege von dementen Angehörigen ist eine physische und psychische Belastung.

Taufkirchener Pflegeexpertinnen geben Tipps für Betroffene und Familien

Volkskrankheit Demenz: Holen Sie sich Hilfe!

  • Uta Künkler
    vonUta Künkler
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Die Pflege eines dementen Angehörigen ist eine Herausforderung - auch ohne Corona. Die Pandemie hält zusätzliche Schwierigkeiten bereit. Die Pflegeexpertinnen im Caritas-Mehrgenerationenhaus – Daniela Hampel und Katharina Gaigl – geben Tipps.

Was sollte ich beachten bei einem Gespräch mit einem Demenzbetroffenen?
Hampel: Wenden Sie sich Ihrem Gegenüber zu und halten Sie Blickkontakt. Oftmals ist es hilfreich, langsamer zu sprechen, nicht lauter. Dann ist es wichtig, einfache Sätze mit nur einer Botschaft zu formulieren. Hören Sie aufmerksam zu und geben Sie Zeit für eine Antwort.
Gaigl: Akzeptieren Sie andere Wahrnehmungen, reden Sie nicht dagegen und korrigieren Sie nicht ständig. Die Gefühle sind real. Gut kommt meist an, sich über „früher“ zu unterhalten, oder über Dinge in der Wohnung oder im Garten und über Dinge, von denen Sie wissen, dass der Demenzbetroffene viel Freude an ihnen hat. Auch singen genießen die allermeisten sehr.
Hampel: Wichtig ist es auch, auf die Rahmenbedingungen zu achten. Ist es hell genug? Sind die Hör- und Sehhilfen vorhanden? Ist es in der direkten Umgebung ruhig genug? Schalten Sie Radio und Fernseher ab.
Gaigl: Manchmal muss man wie ein Detektiv vorgehen, wenn jemand sehr unruhig ist. Hat mein Angehörige Hunger oder Durst, oder Schmerzen, muss er aufs Klo? Aggressionen sind keine Seltenheit bei Demenz. Auslöser sind oft die rundum erschwerten Umstände. Sie leben in einer Situation, in der sich nahezu täglich etwas verändert, meist zu ihrem Nachteil. Dazu kommen Frustrationen, ständig muss man um Hilfe bitten. Das erzeugt Wut, nagt am Selbstbewusstsein, macht Angst und aggressiv.
Wie reagiere ich hier?
Hampel: Treten Sie einen Schritt zurück, achten Sie auf ihre eigene Sicherheit. Versuchen Sie mit Worten und Gesten ruhig aufzutreten und nicht zu viel zu reden. Versuchen Sie, Anschuldigungen nicht persönlich zu nehmen, machen Sie den Vorschlag, etwas anderes zu tun. Versuchen Sie herauszufinden, was das aggressive Verhalten ausgelöst hat.
Frau Hampel, Sie geben auch Tipps zur Gestaltung des Wohnumfelds. Können Sie hier Beispiele nennen?
Hampel: Vielen hilft es, wenn man Räume und Aufbewahrungsorte kennzeichnet, beispielsweise ein Bild eines Kochtopfs an der Küchentür, Bilder von Besteck an der Besteck-Schublade. Die Kennzeichnungen sollen gut sichtbar sein. Wichtig ist es, dass wichtige Orte wie zum Beispiel die Toilette, gut auffindbar sind, mit einem Schild beklebt werden oder man lässt die Tür offen stehen. Alle wichtigen Dinge sollen so gut sichtbar wie möglich sein, zum Beispiel auch Essen und Trinken. Das sollen feste Orte sein, an denen man eh vorbeikommt. Zu den typischen Mahlzeiten morgens, mittags und abends nehmen viele Menschen nur noch kleine Portionen zu sich. Da helfen viele kleine Zwischenmahlzeiten. Am besten entfernt man Teppiche oder Läufer. Zum Hervorheben von Geländern, Türen, Treppenstufen oder Schaltern eignen sich Klebebänder in einer Kontrastfarbe. Ganz wichtig ist eine helle Beleuchtung und eine gute Schalldämpfung. Sichern Sie Küchenherde durch automatische Absperr-Ventile, Zeitschaltuhren oder Gas- und Temperaturmelder. Haltegriffe erhöhen die Sicherheit im Badezimmer, beidseitige Handläufe erleichtern das Treppensteigen.
Viele Angehörige bringt die Betreuung an die Grenzen ihrer Belastung. Haben Sie hier noch Tipps?
Gaigl: Informieren Sie sich rechtzeitig über Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten und Nutzen Sie diese. Akzeptieren Sie die Erkrankung ihres Angehörigen und schauen Sie auch auf das was noch geht, und nicht nur auf das, was nicht mehr geht. Holen Sie sich rechtzeitig Unterstützung. Denn nur wenn ich selbst stabil bin, kann ich mich gut um jemand anderen kümmern. Eine Anlaufstelle ist der Hausarzt oder für die Taufkirchner Gemeindebürger auch unsere Seniorenlotsin Daniela Hampel.
Hampel: Demenzbetroffene wollen, wie wohl alle Menschen, verstanden werden, akzeptiert und respektiert werden, sozial eingebunden sein, nützlich sein, so selbstständig wie möglich handeln können und sich frei bewegen dürfen. Niemand weiß wirklich, wie es in einer von Demenz betroffenen Person aussieht. Demenzbetroffene leben oft nicht mehr in der Gegenwart, sondern in ihrer Biografie und halten diese für die Gegenwart. Emotional sind sie jedoch sehr erreichbar und präsent. Für die Betreuenden bedeutet das, dass sie sich in die Welt der Betroffenen begeben müssen. Es hat wenig Sinn, Demenzbetroffene belehren zu wollen.
Gaigl: Versuchen Sie, einiges auch mit Humor zu nehmen. Doch ich glaube das Wichtigste ist es, sich Wissen anzueignen über Demenz, sich vom Arzt und Pflegeprofis beraten zu lassen
Welche Tipps geben Sie den Demenz-Betroffenen?
Hampel: Gehen Sie offen mit Ihrer Erkrankung um. Sie brauchen Sie nicht zu schämen. Demenz kann jeden treffen. Und lassen Sie Hilfe zu, von Ihrer Familie aber auch von anderen Menschen. Und ganz wichtig: Seien auch Sie großzügig mit Ihren Angehörigen.

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