+
Franz Hofstetter setzt sich mit der Flüchtlingspolitik in seiner Gemeinde sehr kritisch und differenziert auseinander.

Flüchtlinge in Taufkirchen

„Wir müssen die Leute in Arbeit bringen“

Taufkirchen - 246 Flüchtlinge beherbergt die Gemeinde Taufkirchen momentan. Mehr werden es wohl nicht mehr werden, eher weniger. Denn es wurde signalisiert, dass erste Einrichtungen geschlossen werden sollen. Das verriet Bürgermeister Franz Hofstetter.

Der Gemeindechef analysierte bei einem Pressegespräch im Rathaus die Situation der Flüchtlinge in Taufkirchen: „Die Diskussion hört nicht auf.“ Vor allem, wenn es wieder zu Attentaten wie in Berlin komme, werde gefordert die Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken. „Es ist wichtig, darüber zu diskutieren und auch offen darüber zu reden.“

Deshalb informierte Hofstetter über den aktuellen Stand in seiner Gemeinde. Von den 246 Flüchtlingen seien 24 unbegleitete Jugendliche, die von Condrops betreut werden. „Wir haben ganz viele Afghanen, Pakistani, aber auch Eritreer, Syrer, Somalier und welche aus Sierra Leone.“ Sie wohnen in circa 15 Einrichtungen. „Es wird keine mehr angemietet, eher aufgelöst.“ Mit den knapp 250 Flüchtlingen vor Ort komme man mehr oder weniger ganz gut zurecht. Dafür sorgen vor allem die „ganz vielen Menschen, ob vom Helferkreis, Nachbarn oder von anderen Organisationen, die diese Menschen an die Hand nehmen und schauen, dass sie bei uns zurechtkommen“. Die Kommune kümmere sich um die Kernarbeit.

Dass manche abgeschoben werden, die keine Anerkennung erhalten, sei richtig und müsse so sein. Unbefriedigend ist für Hofstetter jedoch, dass sich bei einigen der Aufenthalt schon seit ein paar Jahren ziehe, ohne Perspektive, weil sie nicht genügend qualifiziert seien oder unsere Sprache nicht sprechen. Einige hätten schon Arbeitsplätze. „Aber es geht langsam.“

Die Gemeinde habe mit Veronika Purschke extra eine Mitarbeiterin eingestellt, die Kontakte zu Firmen herstellen soll. Oft sei es wegen der gesetzlichen Voraussetzungen aber schwierig, die Menschen zu vermitteln: „Erfolge sind da, aber sie könnten noch größer sein.“ Hofstetter schätzt, dass rund zehn Prozent vermittelt werden. Die Flüchtlinge nehmen an Programmen von ARUSO und dem Jobcenter teil, viele der Unbegleiteten, die willens seien, in Deutschland anzukommen, würden die Integrationsklassen der Berufsschule besuchen. „Sie werden relativ gut betreut.“ Auch, wenn dies nicht immer einfach sei, denn „wir haben auch schwierige Leute dabei“, weiß der Bürgermeister.

Der Bürgerdialog werde in Taufkirchen großgeschrieben, denn Schwarz-weiß-Diskussionen, die gerne geführt werden, sind in Hofstetters Augen kaum zielführend. Die Gemeinde habe sich auch für das Projekt „Willkommen bei Freunden“ beworben, das vom Bund finanziert und unterstützt werde. Bei ihrem Konzept haben sich die Taufkirchener nicht nur auf Flüchtlinge beschränkt, sondern eine Integration für Alle, also auch für Griechen und Polen anvisiert. Hierzu hätten schon verschiedenste Vorbereitungsgespräche stattgefunden, etwa ein Jugendleitertreffen mit Elke Heublein von Working Between Cultures München, bei dem auch die (geschichtlichen) Hintergründe für die Flucht erläutert wurden.

Die große Flüchtlingswelle sei vorbei, glaubt Hofstetter und meinte: „Wir schaffen das schon, wir können uns aber nicht zufriedengeben, damit, dass ein Großteil der Taufkirchener Flüchtlinge auf Dauer nur rumsitzt.“ Mit ihrer Anerkennung lösen sich nicht automatisch alle Probleme. So lange sie keine Arbeit finden, können sie „bis dato als Fehlbelegungen in den Einrichtungen bleiben. Obdachlose haben wir noch nicht.“ Falls Anerkannte aber auf Dauer keine Arbeit finden, werden sie automatisch zu Hartz IV-Empfängern, auch für sie muss eine Unterbringung gesichert sein. Deshalb werde jetzt in der Reckenbacher Straße ein Gebäude errichtet. Dennoch: „Wir müssen uns bemühen, die Leute in Arbeit zu bringen.“

Die Ängste, die viele Menschen haben, nehme er sehr ernst. Hofstetter gibt zu, dass es anfangs ein paar Raufereien in Solching gegeben habe. Aber wenn junge Männer auf engstem Raum wohnen, bleibe das nicht aus. „Es hat auch schwere Vorfälle gegeben, wo wir uns mehr Kooperation gewünscht hätten mit der Polizei und dem Jugendamt“, erkläre er und fordert: „Die Zusammenarbeit muss noch besser funktionieren.“ Alles unter den Teppich zu kehren, will er nicht. Auch der deutsche Bürokratismus stehe einfachen Lösungen immer wieder entgegen, ärgert er sich. Es sei beispielsweise nicht möglich, dass beim Verkehrsunterricht für Grundschüler auch ein paar Flüchtlinge mitmachen könnten.

Bei all diesen Schwierigkeiten ist es für ihn ein kleiner Lichtblick, dass Taufkirchen einmal mehr zur Vorzeigegemeinde geworden ist. Denn beim Projekt „Willkommen bei Freunden“ kam das kommunale Konzept so gut an, dass die Gemeinde journalistisch auf der Homepage des Bundesministeriums für Familie und Soziales begleitet wird.

Birgit Lang

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schlägerei im Wirtshaus
Heftig aneinander geraten sind am Dienstag ein Taufkirchener und ein bis dato der Polizei nicht bekannter Mann.
Schlägerei im Wirtshaus
Um 23 Uhr ist draußen Schluss
Auch während der Sommermonate müssen die Biergärten und Freischankflächen in Erding um 23 Uhr geräumt sein. Der Stadtrat lehnte eine Ausdehnung der Schankzeiten an Frei- …
Um 23 Uhr ist draußen Schluss
Flucht nach Chile aus Verzweiflung
Etwas über ein Jahr nach seinem Freispruch mangels Beweisen sitzt der Erdinger Frauenarzt Prof. Dr. Michael B. wieder im Saal des Schwurgerichts des Landshuter …
Flucht nach Chile aus Verzweiflung
Gemeinderat nimmt Beschluss zurück
Der Pastettener Gemeinderat hat seinen kürzlich gefassten Beschluss, zwei Feuerwehrhäuser zu bauen, aufgehoben. Die Entscheidung fiel mit 8:7 Stimmen. Der …
Gemeinderat nimmt Beschluss zurück

Kommentare