Yoga-Lehrerin Connie auf dem Steg am Lainer See
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Yoga-Lehrerin Connie auf dem Steg am Lainer See

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Yoga-Lehrerin Connie aus Lain am See tickt anders

  • vonAlexandra Anderka
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Lain am See – Cornelia Nagel ist Yoga-Lehrerin. Sie wirkt geerdet und angekommen. Doch der Weg bis dahin dauerte eine Zeit.

Vor Beginn der Yogastunde wird noch ein bisschen geratscht. Eine Yoga-Schülerin erzählt eine lustige Geschichte aus der Arbeit. Connie, die Lehrerin, fängt an zu lachen. Ihr Lachen ist unverwechselbar, es ist schallend, lang anhaltend, fröhlich und vor allem ansteckend, so dass schließlich die gesamte Gruppe lacht. Cornelia Nagel sieht aus, wie man sich eine Yoga-Lehrerin vorstellt: gebräunte Haut, kräftige graue halblange Haare, durchtrainierte Arme und Beine. Doch die 51-Jährige ist keine typische Yoga-Lehrerin, sie ist anders. Bei ihr geht es weder um Leistung und Bodystyling, noch wirkt sie vergeistigt oder esoterisch. Cornelia Nagel ist bodenständig, sie gibt nicht vor, über den Dingen zu schweben, und trotzdem gelingt es ihr, ihre Schüler zu erden. Elli Biller aus Dorfen, die seit zehn Jahren Yoga-Stunden bei Connie nimmt, bestätigt das: „Ich mag ihren Optimismus und ihre Fröhlichkeit. Ich habe schon vieles probiert, nur bei Connie bin ich geblieben.“

Vielleicht ist Cornelias andere Seite der Grund für ihre Authentizität. Fast drei Jahrzehnte lang hat sie Luxus-Uhren an prominente, extravagante Kunden verkauft – neben ihrer Arbeit als Yoga-Lehrerin. „Während der Zeit im Einzelhandel habe ich gelernt, mit Menschen umzugehen. Da habe ich ein Gespür dafür entwickelt, was Menschen mitbringen, was sie brauchen. Das hat mir in meiner Yoga-Arbeit viele Vorteile gebracht“, sagt die 51-Jährige.

Geboren ist Cornelia Nagel in Weil am Rhein, aufgewachsen in einem 3000-Seelen-Dorf zwischen Basel und Freiburg. Dort geht das einzige Kind eines Optikers und einer Sekretärin zur Grundschule und besucht das Gymnasium. Allerdings nur bis zur elften Klasse. „Ich wollte nicht das lernen, was die Lehrer mir vorgaben. Ich wollte das lernen, was mich interessierte“, begründet sie aus heutiger Sicht ihren Entschluss, mit 18 Jahren das Elternhaus zu verlassen und nach München zu ziehen. Sie fühlt sich „eingezwängt in gesellschaftliche Erwartungen, ich wollte da raus“.

Die Beziehung zu ihrem Vater ist schwierig. „Er war dogmatisch christlich und hatte für mich den klassischen Weg vorgesehen: Ausbildung, heiraten, Kinder kriegen.“ Wegzugehen, das sei in der Lebensplanung für seine Tochter nicht vorgesehen gewesen. Ihre Mutter hingegen unterstützt sie sofort. „Ich glaube, sie konnte durch mich das verwirklichen, was sie selbst auch gerne gemacht hätte“, blickt Cornelia Nagel zurück.

Für die junge Frau ist klar: „Ich will in die Stadt und Goldschmiedin lernen.“ Sie habe sich schon immer gerne mit schönen Dingen umgeben. Ihre Mutter stellt die Weichen. Doch ihren Ausbildungsplatz findet Cornelia selbst, zwar nicht als Goldschmiedin, aber als kaufmännische Angestellte bei Münchens erster Adresse für luxuriöse Uhren: Uhren Huber in der Residenzstraße. „Ich bin einfach losgelaufen und habe in Juweliergeschäften nachgefragt“, erinnert sie sich. „Eigentlich bin ich mein ganzes Leben einfach losgelaufen“, meint sie dann.

Schon früh hat sie das Gefühl, am Leben vorbei zu leben.

An das Bewerbungsgespräch bei Herrn Huber kann sie sich noch gut erinnern. „Ich kam da rein, in meinem schwarzen Wollkleid.“ Er hatte die Beine auf dem Schreibtisch und rauchte Zigarre. „Na, Mädel, hast du schon Erfahrungen im Verkauf?“, habe er gefragt. Obwohl sie verneint, bekommt sie die Ausbildungsstelle. Es folgen schöne Jahre. „Das Arbeitsklima war sehr gut und die Kunden waren interessant.“ Prominente wie Charly Watts, Drummer der Rolling Stones, Sänger Seal, Prinz von Bayern und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis geben sich die Klinke in die Hand. „Alles, was Rang und Namen hat, hat bei uns eingekauft“, erzählt Cornelia Nagel. „Für Diego Maradona mussten wir sogar mal den Laden schließen.“

Obwohl sie gerne bei Juwelier Huber arbeitet, plagt sie das Gefühl, „am Leben vorbei zu leben“. Die Kraft zum Weitermachen holt sie sich beim Yoga, das sie schon seit einigen Jahren praktiziert. „Meine erste Begegnung hatte ich im Alter von 14 Jahren. Ich war in der Schule sehr nervös und unkonzentriert. Da bin ich auf einen Yoga-Kurs in der VHS gestoßen.“ Nach der ersten Stunde wusste sie: „Das ist Balsam für meine Seele.“ Bis heute begleitet sie dieses Schlüsselerlebnis.

Für die erfolgreiche Yoga-Lehrerin, die seit sechs Jahren eine eigene Schule in Lain am See führt, ist Yoga vor allem Entschleunigung. „Ich verfolge den somatischen Ansatz, bei dem Atem eine große Rolle spielt. Man soll sich wieder selbst spüren und von innen heraus wahrnehmen“, erklärt sie.

„Das gelingt Connie mit ihrer wunderbaren Tiefenentspannung“, bestätigt Yoga-Schülerin Elli Biller. „Am Ende jeder Stunde freue ich mich, dabei gewesen zu sein.“ Ein weiteres Anliegen ist es Cornelia, dass ihre Stunden von jedem bewältigt werden können. „Ich mag keine komplizierten Übungen. Yoga soll jedem zugänglich sein.“ Deshalb gibt es auch Teilnehmer von 18 bis 70 Jahren – vom Öko bis zum Notar.

Marco Jakob, seit 18 Jahren Lebenspartner von Cornelia Nagel, ist beeindruckt von ihrer Gabe, „Menschen runterbringen zu können.“ Sie sei ein „offener Mensch, ohne jegliche Berührungsängste, stets mit einem Lächeln auf dem Gesicht“, beschreibt der 51-Jährige seine Connie. Ihre Berührungsängste habe sie in ihrem Beruf als Uhrenverkäuferin verloren, sagt sie: „Ich hatte so viel mit Prominenten zu tun und dabei am Ende gemerkt, dass sie auch nur ganz normale Leute sind, wie du und ich, mit ganz ursprünglichen Bedürfnissen: nach Liebe, Anerkennung und Trost.“ Doch bis Cornelia zu dieser Erkenntnis kommt und zum „aufgeschlossenen, in sich ruhenden Menschen“ wird, wie Marco Jakob seine Frau beschreibt, ist es ein langer Weg.

Zurück zur Jugend: Während ihrer Ausbildung ist sie mit einem Jugendfreund liiert. „Wir hatten so eine On-Off-Beziehung“, die dann aber doch in einer Ehe mündet. Nach seinem Ingenieurstudium bekommt ihr Mann ein Job-Angebot in Triest. Voller Freude begleitet ihn Cornelia. Sie genießt ein Jahr Auszeit am Meer, in Italien – ihrem Sehnsuchtsland. „Das war eine wunderbare Zeit, dort habe ich einen Großteil meiner Ängste abgelegt.“ Sie habe die beeindruckende Natur, das Dolce Vita und die Freiheit genossen sowie die Sprache gelernt. „Bei sehr konservativen Lehrerinnen“, aber das sei nicht das Schlechteste gewesen.

Nach einem Jahr Triest geht es für weitere zwei Jahre nach Bozen. Dort arbeitet sie in einem Buchladen. Nach drei Jahren heißt es schließlich, Abschied nehmen von Bella Italia, „was mir unheimlich schwer fiel“. Das junge Ehepaar geht aber nicht zurück nach München. „Ich wollte nicht mehr in die Stadt, ich hatte mein Faible für die Natur entdeckt“, sagt die 51-Jährige. Durch Zufall landen die beiden in Erding. „Ich geriet damals in eine schwere Identitätskrise“, erinnert sich Cornelia Nagel. Hinzu kommt, dass sich die Wertevorstellungen des Paares auseinander bewegten. „Er wollte immer so eine Bilderbuchfamilie, zwei Kinder, Sportwagen, Kombi, Neubau in der Siedlung. Eigentlich das, was sich auch mein Vater immer für mich vorgestellt hat.“ Ihr Mann bekommt das Angebot, im Oman zu arbeiten. Cornelia bleibt dieses Mal in Erding. „Mir wurde klar, dass es nicht mein Leben ist, meinem Mann hinterherzureisen. Ich wollte mein eigenes Ding machen.“ Sie entschließt sich, eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin zu absolvieren. „Und da bin ich dann zu mir gekommen“, konstatiert sie.

Zu den Luxus-Uhren will sie damals nicht mehr zurück, sie sucht sich eine Arbeit, die zu ihr passt und findet diese bei „Kunst und Spiel“ in München, ein Geschäft für anspruchsvollen Kinderbedarf. Ihren Mann besucht sie alle sechs Wochen im Oman. „Ein wundervolles Land“, schwärmt Cornelia und entgegen aller Vorurteile fühlt sie sich dort als Frau wertgeschätzt und sicher. Sie begegnet im Oman „sehr starken, selbstbewussten Frauen“.

Das Ehepaar erhält Einladungen in Botschaften mit spannenden internationalen Begegnungen. Doch all diese Annehmlichkeiten können nicht über die gescheiterte Fernbeziehung hinwegtäuschen. Schließlich gehen die beiden getrennte Wege. Für Cornelia ist es die richtige Entscheidung. „Ich habe mich zum ersten Mal richtig frei gefühlt, hatte zwar wenig Geld, war aber glücklich.“

„In ihrem knallroten Trenchcoat wirkte sie auf mich wie aus einer anderen Zeit, wie eine moderne Mary Poppins, übrigens ihr Lieblingsfilm“

Lebensgefährte Marco Jakob

Und das strahlt sie auch aus, denn am Bahnhof von Erding lernt sie schließlich Marco, ihren jetzigen Lebenspartner kennen. „In ihrem knallroten Trenchcoat wirkte sie auf mich wie aus einer anderen Zeit, wie eine moderne Mary Poppins, übrigens ihr Lieblingsfilm“, denkt Marco Jakob mit einem Lächeln zurück. Auch ihre leuchtenden hellblauen Augen fallen ihm sofort auf. Die beiden werden ein Paar, und so findet Cornelia auch privat ihr Glück.

Seit fast zwei Jahrzehnten ist der gelernte Grafiker nun ihr „bester Freund, Berater, Lehrer und Geliebter. Ich liebe ihn für die tiefe Wertschätzung, die er für mich und meine Arbeit hat. Er ist der Mensch, mit dem ich am allerliebsten meine Zeit verbringe“, beschreibt Cornelia ihre Partnerschaft. Zudem wird durch die neue Beziehung ihr unerfüllter Kinderwunsch gestillt, denn Marco hat zwei Kinder aus einer früheren Verbindung. Zu den mittlerweile 23- und 25-Jährigen pflegt das Paar einen engen Kontakt. „Außerdem haben wir uns eine Hündin angeschafft. Leonie begleitet uns seit mittlerweile 16 Jahren“, freut sich Cornelia.

Doch das Schicksal wollte es, dass sie vom Uhrengeschäft nicht loskommt. Sie begegnet in München Thomas Bachmann, einem ehemaligen Kollegen bei Uhren Huber, der zusammen mit Joram Scher ein eigenes Geschäft für hochpreisige gebrauchte Uhren gegründet hat, so genannte Vintage-Uhren. Er überredet sie, bei ihnen als Mitarbeiterin einzusteigen – was sich als Glücksfall erweist. „Ich glaube, sagen zu können, dass ich eine gute Yoga-Lehrerin bin, aber bestimmt auch eine gute Vintage-Uhren-Verkäuferin.“

Hinter jeder gebrauchten Uhr steckt eine Geschichte.

Die Arbeit macht ihr Spaß, denn im Gegensatz zu neuen Uhren steckt hinter jeder gebrauchten Uhr eine Geschichte, und „ich liebe Geschichten“, sagt Cornelia. Bei Bachmann & Scher habe sie sehr interessante Menschen getroffen, mit Leidenschaften. „Das ist, wie wenn jemand ein Faible für Oldtimer hat. Jedes Detail zählt: Je seltener, je besser erhalten und originaler eine Uhr ist, umso begehrter ist sie“, weiß die Fachfrau.

Ein Höhepunkt sei die Versteigerung der Rolex von Hollywood-Star Paul Newman gewesen. „Mit Spannung haben wir das am Liveticker mitverfolgt. Das Anfangsgebot waren 20 000 Euro, für gut 15 Millionen landete sie unter dem Hammer.“ Eine persönliche Gravur habe sie so wertvoll gemacht. „Ich habe schon auch so ein Zocker-Gen in mir“, gesteht Cornelia. Alle sechs Wochen seien Händler aus der ganzen Welt ins Geschäft gekommen. „Die meisten hatten ihr Geld, die Uhren und manche auch Diamanten in ihren Hosen- und Jackentaschen“, erzählt sie lachend. Auch einen ehemaligen russischen Zehnkämpfer, der stets im rosafarbenen Bentley vorfährt, hat sie in guter Erinnerung.

Cornelia gefällt ihre Arbeit, doch sie fühlt sich ausgelaugt. „Da geht’s um Fälschungen, Betrug und sehr viel Geld. Auch um gescheiterte Existenzen, die dir ihre Lebensgeschichte anvertrauen – ein emotionales Pulverfass.“ Ihre Arbeit als Yoga-Lehrerin hilft ihr immer wieder, den Stress im Laden zu bewältigen. Doch sie fängt an zu zweifeln. „Die Generation der Kunden hat sich im Laufe der Jahre verändert.“ Aus Uhren-Freaks waren Spekulanten geworden. „Besondere Uhren wurden zum Investment-Boom.“ Damit ist die Arbeit für Cornelia Nagel „entzaubert, das Magische war abhanden gekommen“. Doch die 51-Jährige berät weiterhin in drei Sprachen ihre extravaganten Kunden. Abends geht sie ihrer Berufung nach und gibt Yogastunden – mittlerweile wohnen Cornelia Nagel und Marco Jakob in Dorfen.

Alkohol-Verbot für die Männer-Yoga-Stunde

Zum Baden und Saunieren fährt das Paar regelmäßig an den rund 15 Kilometer entfernten Lainer See. Eine Angestellte zeigt Cornelia eines Tages die Örtlichkeiten neben der Sauna. Von da an hält sie ihre Kurse in dem geräumigen Raum unterm Dach eines alten, aber renovierten Stadels ab. „Anfangs kam sogar der Loaner-Stammtisch zu mir“, erzählt die Yogalehrerin. „Nur Männer, alle über 50, auch der Schorsch, der Chef vom Loaner See.“ Für die Yoga-Stunde musste sie dann ein Alkohol-Verbot erteilen, sagt sie lachend.

Im Laufe der Zeit verlegen Cornelia und Marco ihren Lebensmittelpunkt nach Lain am See. Sie bauen sich ein Holzhaus, Connie mietet weitere Räume im Stadel für ihre Yoga-Schule, und Schorsch errichtet ihr sogar eine Plattform für Outdoor-Kurse, direkt am See. Noch immer fährt sie regelmäßig mit dem Zug nach München zu Bachmann & Scher. „Fast mein ganzes Leben hatte ich dieses Spannungsfeld zwischen zwei Welten und mich so daran gewöhnt, dass ich wohl dachte, das sei normal.“

Dann stirbt ihr Vater und sie gerät ins Strudeln. „Ich war ausgebrannt, konnte nicht mehr.“ Sie kündigt und konzentriert sich auf ihre Yoga-Schule, die mittlerweile sehr gut läuft. Schülerinnen und Schüler aus Dorfen folgen ihr ins versteckte Lain.

„Zur Zeit geht es mir so gut wie noch nie. Ich habe die Chance, in mich reinzusehen und mich selbst zu entdecken“, freut sie sich und schmiedet Pläne. Sie möchte – wenn es wieder möglich ist, mehr Körperarbeit, wie Thai-Massagen, anbieten, denn: „Ich bin der festen Überzeugung, dass man die Seele über Körperarbeit heilen kann, man muss nur in die tiefen Schichten vordringen.“

Rückblickend auf ihr bisheriges Leben zitiert sie C. G. Jung: „Der richtige Weg zur Ganzheit besteht aus schicksalsmäßigen Umwegen und Irrwegen.“ Auch Mary Poppins habe im Film ihren Weg gemacht und ihre Aufgabe erledigt: Sie hat die Familie zu einem harmonischen Zusammenleben gebracht.

Connie als Schülerin
Schon früh will sie in die weite Welt hinaus
Cornelia Nagel, die Uhren-Expertin
Connies Yogastunden sind fröhlich.

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