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Wahre Größe: Auf zwei Biertragl stehend verschaffte sich Bürgermeister Franz Hofstetter bei seiner Begrüßung im Holzstadl Gehör und einen guten Überblick.

1. Taufkirchener Trachtenmarkt

Zwischen Geldkatz und Zweizinkengabel

Obwohl die Wetterprognosen alles andere als optimal waren, herrschte schon am Samstag beim 1. Taufkirchener Trachtenmarkt reger Betrieb. Und auch am Sonntag strömten die Besucher trotz Schnee und Kälte in den Holzstadl, ins Zelt und ins Wasserschloss.

Taufkirchen Zu entdecken und zu kaufen gab es beim Taufkirchener Trachtemarkt viel: kostbare Accessoires, antikes Trachtensach, alte und moderne Mode, Stoffe, wunderschönes traditionelles Handwerk sowie Zubehör. Saudutten, Drachen oder Zwetschgenkern heißen die aufwändigen Strickmuster, mit denen Sabine Bodenmüller aus Gilching – eigentlich ist sie Bauzeichnerin – ihre Loferl strickt. 60 bis 80 Stunden braucht sie für ein Paar, mit Trachtstreifen dauert es sogar noch länger. Die Muster entnimmt sie alten Lithografien oder Büchlein. Die Loferl passt sie gerne individuell nach Wadengröße zwischen 36 und 56 und ans Gwand an.

Bilder: Taufkirchener Trachtmarkt

Ebenso interessant ist es am Nachbarstand von Michael Seitz aus Landshut. Seine Exponate haben genauso wohlklingende Namen: Florschnalle, Geldkatz, Springringerl oder Rockstecker. Dabei handelt es sich um eine Kopfkette, wie sie etwa im Amperland getragen wird, und einen kleinen, aus Silber gefertigten Beutel mit Scharenschnalle für das Kleingeld. Auch jede Menge Charivari-Anhänger finden die Trachtenprofis an seinem Stand. „Vieles hatte früher eine Funktion, ist aber über die Jahre zum Schmuck verkommen“, erzählt er. Seit 15 Jahren sammelt und kauft Seitz überall sein Trachtensach – antiken Trachtenschmuck und Zierrat – zusammen. Entsprechend groß ist sein Fundus an Einzigartigkeiten.

Alte Trachtengurte, Hosenträger, Handtaschen und verschiedene Lederutensilien bestickt Matthias Wiesheu mit dem Federkiel aus Pfauenfedern. „An am Hosntrager stick i je nach Aufwand 40 bis 60 Stund und an einem wirklich schönen, aufwändigen Gürtel hängan scho moi 160 Stundn dro“, sagt er. Jedes Muster ist von ihm selber entworfen und komplett gezeichnet. Das hat seinen Preis: Hosenträger beginnen bei 600, die Gürtel bei 1000 Euro.

Fuhrmanns- und Brotzeitmesser aus Stahl, den Schaft aus Rinderhorn oder Knochen, verziert mit Silber sowie Zweizinkengabel, wie sie früher üblich waren, bietet Messermeister Rakovac Mehmedalija aus Taufkirchen gleich neben ihm an. Und Gerti Schwaiger, „die Uri Geller aus Ottering“, wie sie ihr Mann Josef bezeichnet, schmiedet aus altem Silberbesteck Schmuck und schöne Gebrauchsgegenstände.

Einigen der ausstellenden Handwerker kann man beim Herstellen ihrer Kunst über die Schultern schauen, auch Kropfbandhäcklerin Veronika Huber oder Haferlschuhmacher Simon Doser aus Schwindkirchen. Er ist der Schwiegersohn in spe der Musikerfamilie Ernst, die an beiden Tagen auf dem ganzen Areal umher wanderte und für Musik sorgte. Auch Claudia Harlacher und Ernst Schusser vom Volksmusikarchiv des Bezirksoberbayern erfreuten beim geselligen Singen im Bewirtungszelt auf der Schlossterrasse. Die Gebensbacher Trachtler erfreuten mit Vorführungen ihrer Tanzgruppe, Konrad Karbaumer und Christoph Puschmann mit Schlossführungen, Marile Götz mit Jodlkursen für Kinder, und auch Kutschfahrten gab es. Für Bewirtung sorgten die Familie Daimer, und das SOVIE-Team.

Birgit Lang

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