+
Wie in der Karibik nur ohne das blöde Tropenfieber: Die Therme Erding ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. 17 Millionen Besucher waren bisher seit 1999 hier.

Ein Besuch samt Saunagang

Therme Erding: Karibik dahoam

  • schließen

Erding - Die Therme Erding ist ein Paralleluniversum mit Riesenrutschen, Palmen und neuerdings sogar mit einem Hotel, das wie ein Schiff ausschaut. Ein Besuch samt Saunagang.

Erika Sacher, Sacher wie die Torte nur nicht so süß, so stellt sie sich immer vor, steht mal wieder im Jungbrunnen in der Therme Erding. Das macht sie einmal die Woche, dienstags. Wegen der Schönheit, sagt Erika Sacher, 85, aus München-Milbertshofen. Sie trägt ihren lustigen weißen Badeanzug mit schwarzen Punkten und eine Goldkette um den Hals. Das Wasser geht ihr bis zum Bauch. Eigentlich wollte der Arzt vor zehn Jahren ihr rechtes Knie operieren, aber das hat sie aufgeschoben. Lieber badet die Rentnerin im Jungbrunnen alle sieben Tage der ewigen Jugend entgegen.

Der Brunnen steht mitten in der Therme Erding, nur einen kleinen Fußmarsch und viele, viele Palmen entfernt von der textilfreien Zone und von der Nackedei-Poolbar, die in Wirklichkeit Diamond Bay Bar heißt. Benannt nach einer Lagune auf den Virgin Islands, Karibik. Aber trotzdem wird sie bevölkert von 100 Prozent nackerten, meist bayerischen Badegästen, die in diesem Moment im Wasser und unter freiem Himmel Erdinger Weißbier trinken. Oder Pina Colada, den großen Humpen für 7,20 Euro. Sie trinken es, als ob bis zum Bauchnabel im Wasser sitzen und nackert am Strohhalm zutzeln das Normalste auf der Welt wäre. Nein, sie trinken es, als ob es das Schönste auf der Welt wäre.

Therme Erding: Laut Selbstbeschreibung "größte Therme der Welt"

Willkommen in Oberbayerns exotischstem Ferienparadies. Willkommen in der laut Selbstbeschreibung „größten Therme der Welt“ – hier gibt’s garantiert für jeden die passende Wassergaudi. Es ist ein riesiges Paralleluniversum, das die Betreiberfamilie Wund hier seit 1999 aus dem Ackerboden gestampft hat. Gesamtinvestitionen: 210 Millionen Euro. Zahl der Liegen: 3000. Zahl der gigantischen Palmen, die überall stehen: 150. Zahl der Umkleideschränke: über 5600. Besucher pro Jahr: 1,7 Millionen. Suchtfaktor: gigantisch. Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Erding: millionenschwer. Manche lieben die Therme Erding, manche fürchten sie. Aber die, die sie lieben, kommen immer wieder.

Eine Stamm-Thermengängerin, ein sogenannter weiblicher Therminator, steht gerade zwei Meter entfernt von der Diamond Bay Bar, um den Körper hat sie ein Handtuch geschlungen. Sie sagt: „Heut bei dem schönen Wetter – da muss man einfach in die Therme. Gestern war ich noch in Florida, jetzt mach ich hier gleich weiter.“ Therminator war natürlich ein Scherz, aber der unendliche Spaß, den viele Menschen in allen Altersklassen in der Therme Erding haben, ist ganz offensichtlich real. Trotz der Eintrittspreise von 14 bis 40 Euro, je nach Bade- und Saunierlänge.

Aber dafür ist die „X-treme Faser“-Rutsche in der Therme Erding inklusive. Eine von insgesamt 26 Rutschen, in der man eine Geschwindigkeit von bis zu 72 Stundenkilometern drauf kriegt? Länge 67 Meter und nur für Männer – „aus Sicherheitsgründen; bedingt durch die weibliche Anatomie“. So steht’s in der Rutschenbeschreibung. Eine Fahrt darin fühlt sich in etwa so an wie auf den Mond geschossen werden, nur nasser. Und in die andere Richtung.

Jungbrunnen in der Therme Erding: 38 Grad warmes Thermalheilwasser

Bleiben wir vielleicht besser im Jungbrunnen. Aus ihm sprudelt 38 Grad warmes Thermalheilwasser, das hilft bei Rheuma, Gelenkschmerzen, Wirbelsäulenproblemen, Arthritis und Hauterkrankungen. Empfohlene Verweildauer: zehn Minuten, maximal. „Aber“, sagt Erika Sacher, „ich bleib’ immer doppelt so lange.“ Der Erfolg gibt ihr Recht. Wer einmal Frau Sacher gesehen hat, die in Wirklichkeit viel süßer als die Torte ist, der hat vorm Altern keine Angst mehr. Aber jetzt hat sie keine Zeit mehr zum Ratschen. Zeit ist in der Therme Erding Geld. Nächster Programmpunkt: Wassergymnastik. Geht gleich los.

Während die Menschen gerade ihren Pfingsturlaub weit weg am Plattensee oder in Acapulco verbringen müssen oder über die verregneten Ferien motzen, hat es der spaß- und entspannungsbereite Oberbayer deutlich leichter: Er kann einfach die S2, Haltestelle Altenerding, nehmen, um ganzjährig fremde Kulturen kennenzulernen. Wahlweise ist die Therme auch über drei Autobahnen anfahrbar. „Ohne Jetlag unter Palmen liegen und auf türkisfarbenes Wasser schauen“, heißt es auf der Internetseite.

Therme Erding: 17 Millionen Besucher seit Öffnung 1999

Die Therme Erding will die perfekte Illusion sein. Wie Disneyland oder der FC Bayern, der ja auch so ein künstliches Glücksversprechen mit Weltruhm ist. Das ist die Liga, in der sich der Badetempel sieht. 17 Millionen Menschen waren bisher zu Gast. Zum Vergleich: Der Freistaat hat 12,6 Millionen Einwohner. „Nur das Niveau zu halten, ist sicher nicht das Ziel“, sagt Jörg Wund, der die Therme zusammen mit seinem Vater Josef geplant hat und jetzt betreibt. Zuletzt haben die Besitzer das Badeparadies um das „Hotel Victory“ mit insgesamt 128 Zimmern erweitert. Es ist der Nachbau der HMS Victory, die Admiral Nelson anno 1805 in der Seeschlacht von Trafalgar befehligte. Der hotelgewordene Nachbau. Abgefahren.

Wenn man aus einer der geräumigen, edel verarbeiteten Kajüten raus auf den Balkon tritt, schlägt einem dampfige Luft ins Gesicht, aber man darf runter schauen aufs gelobte Wasserspaßland – auf die Therme Erding in ihrer vollen, absurden Pracht. Auf das Wellenbad, auf das gigantische Glasdach. Auf die Palmen und auf die Menschen, die sich an blauen Schwimmnudeln festhalten, damit sie nicht untergehen. Preis einer Panorama-Außenkabine: ab 240 Euro die Nacht. Kreuzfahrtflair ohne Kreuzfahrt. Aber auch ohne Seekrankheit. Man könnte das Konzept genial nennen. Irgendwie passt es in die Zeit. Thermomix ist Essen ohne Kochen. Porsche Cayenne ist Safari in der Stadt, aber ohne Wildnis. Erding ist Karibik ohne das blöde Tropenfieber – und sogar in Landessprache.

Zum Thermen-Imperium der Wunds, einer Architekten- und Unternehmerfamilie aus Friedrichshafen, gehören neben der Therme Erding auch die Therme Bad Wörishofen und das Badeparadies Schwarzwald. Jörg Wund sitzt im edlen „Hafen-Restaurant“, die Becken sind nicht weit. Immer wieder kommen nasse und halbnasse Gäste rein, die sich in die kleinen Holzboote setzen, in denen Tische eingelassen sind. Der Thermen-Chef sagt: „Von Geburt an kommen wir aus dem Wasser. Im Wasser öffnet sich die Haut.“ Solche Sachen sagt er tatsächlich, es ist herrlich. Jeder mag Wasser. Wasser ist Leben. Wasser ist der Mensch. Wenn man es zu Ende denkt, dann ist die höchste Seinsstufe des Menschen die des Thermengängers. Und der Dauerbader ist der König unter den Wasserratten.

Manche Gäste kommen 100 Mal im Jahr in die Therme Erding

Hört man seiner freundlichen schwäbischen Stimme ein paar Minuten zu, dann will man auf der Stelle auch Thermenbesitzer werden oder zumindest sein restliches Leben in der Therme Erding verbringen. Was manche Menschen anscheinend tatsächlich praktizieren. „Es gibt Gäste“, sagt Wund, „die kommen 100 Mal im Jahr. Die haben Garten und Haus verkauft und verbringen ihre Zeit jetzt hier.“ Hier bin ich Dauerplantscher, Dauerrutscher, Dauersaunierer, hier darf ich’s sein.

Es ist einfach, sich über Thermenfans lustig zu machen. Aber genauso könnte man sich über Menschen lustig machen, die den ganzen Tag im Büro sitzen, und auch nichts von der echten Welt mitkriegen. Es ist merkwürdig, aber man wird ganz philosophisch, wenn man den ganzen Tag bei den nackten oder nicht so nackten Badegästen verbringt. Man ist hellwach und trotzdem todmüde, dauerdösig. Ist es das Chlor?

Zirbelstube ist Sauna-Höhepunkt in Therme Erding

Wahrscheinlich eher nicht. Wenn dann ist es der dauernde Wechsel aus Rutschen, Schlafen, Gesichtsmaske, Cocktails, Kneipp-Parcours, Stollendusche, Erlebnisdusche, noch einem Cocktail, Meditationsbecken und natürlich Saunieren. Erst in die Geysirhöhle, dann in die Erdinger Schwitzstube – und zuletzt in die Zirbelstube. Denn das ist der Sauna-Höhepunkt in der Therme Erding. Hier tönt Zithermusik aus Lautsprechern. Holztische, Holzbänke, wie im Wirtshaus. Nur dass es 55 Grad heiß ist.

Alle zwei Stunden geht an diesem magischen Ort die Luzi ab, nur Männer dürfen rein, man kriegt keinen Sitzplatz mehr, wenn man zu spät kommt. Denn es gibt Freibier, Erdinger alkoholfrei, eisgekühlt. Irgendwann nach sechs, sieben Minuten, nachdem man gemeinsam gegen die Hitze angetropft hat, öffnet plötzlich ein Mitarbeiter die Türe. In der Hand hat er ein Tragl Weißbier. Er sagt: „Servus Männer, ihr wisst ja, wie es läuft. Erst die Witze, dann das Bier.“ Es ist ein Ritual in der Therme Erding. Man erzählt sich weitere sieben Minuten lang Altherrenwitze von der schmutzigsten Sorte, köchelt langsam vor sich hin, dann trinkt man gemeinsam.

Besser hat Weißbier, zumal alkoholfreies, nie geschmeckt. Es ist das Paradies. Der Mitarbeiter sagt: „Bis in zwei Stunden.“ Das Paradies der nackten Freibiertrinker.

Die Therme Erding in Zahlen

Die Therme Erding wurde im Oktober 1999 eröffnet, nachdem in Erding bereits 1983 in 2350 Metern Tiefe 63 Grad heißes, fluorid- und schwefelhaltiges Wasser entdeckt wurde. Die sogenannte „Ardeo- Quelle“ wurde vom bayerischen Umweltministerium als Heilquelle anerkannt. Pro Jahr kommen rund 1,7 Millionen Besucher in die privat finanzierte Therme . Nach vielen Umbauten und Erweiterungen gilt das Bad laut Betreiberfamilie Wund inzwischen als „größte Therme der Welt“. Gesamtfläche: 145 000 Quadratmeter. Gesamtinvestitionen: 210 Millionen Euro. Anzahl der Saunen und Dampfbäder: 30. Anzahl der Becken: 22. Arbeitsplätze in der Therme: rund 750. Zuletzt wurde die Therme Erding um das „Hotel Victory“ erweitert.

Von Stefan Sessler

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nach drastischem Gerichtsurteil: So könnte es im Weekend-Club weitergehen
Das Verwaltungsgericht München hat die Nutzung des Weekend-Club in Erding als Diskothek mit sofortiger Wirkung untersagt. Präsidentin Andrea Breit räumte dem …
Nach drastischem Gerichtsurteil: So könnte es im Weekend-Club weitergehen
Auffahrunfall an Autobahnbrücke
Zu einem Auffahrunfall mussten am Dienstag gegen 18.15 Uhr Polizei und Rettungsdienst nach Zeilern (Gemeinde Pastetten) ausrücken.
Auffahrunfall an Autobahnbrücke
Wieder Unfall auf Zebrastreifen
Zum zweiten Mal binnen einer Woche hat sich am Dienstagmorgen auf dem Zebrastreifen am Bahnübergang Haager Straße in Erding ein Schulwegunfall ereignet.
Wieder Unfall auf Zebrastreifen
Kein Volk mehr beim Volkstrauertag
Und wieder stirbt ein Stück Tradition: In Dorfen gibt es am Vorabend des Volkstrauertags keine zentrale Gedenkfeier mehr.
Kein Volk mehr beim Volkstrauertag

Kommentare