Wachkoma nach Behandlungsfehler: Millionenklage gegen Rettungszweckverband Erding

Erding - Dieser Unfall war ein fataler Wendepunkt im Leben eines heute 51-Jährigen. Er liegt seitdem im Wachkoma. Nun klagt die Familie auf Schadensersatz und Schmerzensgeld.

20 Jahre ist es her, dass Johann K. (damals 31 Jahre alt) aus Waldkraiburg (Kreis Mühldorf) schuldlos in einen schweren Autounfall verwickelt wurde. Er verletzte sich an der Schulter und geriet in einen Schockzustand. Beides wäre heute vielleicht längst vergessen. Doch dann passierte Tragisches: Der Notarzt intubierte K. falsch. Dadurch erlitt der Patient einen schweren Gehirnschaden und liegt seit 20 Jahren im Wachkoma.

Die Pflege ist so aufwändig, dass die Familie nun versucht, vor dem Landgericht München II Schadensersatz und Schmerzensgeld vom Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Erding einzuklagen.

Bei der Beatmung von Johann K. kam es 1995 zu einer gefürchteten Komplikation: Die Beatmungssonde geriet in die Speise- statt in die Luftröhre, statt der Lunge wurde der Magen beatmet. Wird der Fehler nicht bemerkt, erstickt der Patient, oder es kommt - wie bei K. - zu einem Gehirnschaden. Die Versicherung des Autofahrers, der den Unfall verursacht hatte, zahlte 489 000 Euro an Johann K., außerdem eine monatliche Rente.

Nun geht es gegen den Zweckverband um eine Gesamtsumme von 1,2 Millionen Euro, zukünftige Renten sind in dieser Berechnung bereits enthalten. Das Gericht hat einen Gutachter damit beauftragt, die Pflegekosten detailliert aufzuschlüsseln.

Nach der Schilderung von Johann K.s Schwester (49) lebte das Unfallopfer mit seiner Frau und der damals fünfjährigen Tochter in Waldkraiburg. Im Frühjahr 1995, dem Jahr des Unfall, sei die Ehefrau zum zweiten Mal schwanger gewesen, das Unglück geschah im Juni. Als er an Heiligabend wieder die Augen öffnete, blieb er im Zustand des Wachkomas.

Seitdem lebt Johann K. wieder bei den Eltern in Niederkassel bei Bonn. Gemeinsam mit der Schwester pflegen sie ihn. Seit 2004 ist er tagsüber in einer Behindertenwerkstatt. „Hans nimmt seine Umwelt wahr. Das ist mein Eindruck“, sagt die Schwester. Der 51-Jährige ist bewegungsunfähig. Kommunizieren sei nicht möglich. Doch wenn ihm etwas nicht gefällt, werde er unleidlich. Er atme dann verkehrt, huste, würge, hyperventiliere fast. Er erschrecke, wenn etwa die Tür zufalle. Auch schmecken könne er. Was die Schwester mitnimmt: „Er lacht nicht mehr.“ Das letzte Mal habe er ein bis zwei Jahre nach dem Unfall gelacht. „Eine Prognose, wie’s ausgeht, kann auch heute noch keiner geben.“

Ein Sachverständiger für Pflege erklärt vor Gericht, dass Johann K. in allen Bereichen pflegebedürftig sei. Er spricht von einem „außergewöhnlich hohen Pflegebedarf, Pflegestufe 3 mit Härtefall.“ Der 51-Jährige brauche mindestens sechs Stunden Pflege am Tag, außerdem nächtliche Überwachung. Nun muss im Prozess noch geklärt werden, was für den Verdienstausfall geltend zu machen ist.

Nina Gut

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