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Von Optimismus bis Missmut

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Leider keine Gäste bedienen kann Anna Lippert im Kramerwirt Harthofen. Die 24-jährige Servicekraft ist allerdings – wie ihre Chefin – noch immer positiv gestimmt. Foto: mot
Leider keine Gäste bedienen kann Anna Lippert im Kramerwirt Harthofen. Die 24-jährige Servicekraft ist allerdings – wie ihre Chefin – noch immer positiv gestimmt. © Markus Ostermaier

Die Gastronomie muss trotz Hygienekonzepten aktuell geschlossen bleiben. Wir hörten uns im südlichen Landkreis um. Manche sind sauer, einige aber weiterhin optimistisch.

Südlicher Landkreis – „Ich verstehe es einfach nicht. Handwerker dürfen arbeiten, alle fahren Bahn, und wir müssen zusperren, obwohl wir gute Konzept haben.“ Rupert Lanzinger, Chef des Landhotels in Hallnberg, spricht mit diesen Worten wohl den meisten Gastronomen aus der Seele. Der Unmut in den Gaststätten ist groß, seit sie Anfang November wegen des zweiten Lockdowns nicht mehr öffnen dürfen. Wir sprachen mit Restaurants sowie betroffenen Servicekräften, die aktuell nicht arbeiten dürfen und teilweise keine Einkünfte haben.

Zum nach wie vor optimistisch gestimmten Lager gehört Angela Gilow-Kohler, Besitzerin des Kramerwirts in Harthofen (Gemeinde Pastetten). Gemeinsam mit ihrem Mann und Koch Andreas Kohler bietet sie Gerichte zum Mitnehmen an. Die Restaurant-Chefin schwärmt von der Treue ihrer Gäste und verliert kein einzig negatives Wort über die aktuelle Situation. „Ich sehe auch die positiven Seiten. Wir als kleinere Wirtschaft können uns noch etwas umstellen und anpassen“, sagt Gilow-Kohler. Der Kramerwirt beschäftigt einige Aushilfen auf 450-Euro-Basis. Trotz Lockdown konnten im November manche von ihnen gelegentlich in der Küche eingesetzt werden, berichtet die Wirtin. Bislang keine Arbeitsaufträge hatte sie aber für Anna Lippert, die im Service tätig ist. Die 24-Jährige arbeitet bereits seit sechs Jahren beim Kramerwirt – zuletzt wegen ihres Schulpsychologie-Studiums aber nur ein- bis zweimal im Monat. Im aktuellen Lockdown light verdient die 450-Euro-Mitarbeiterin aus Dorfen nichts. „Es ist ein Einschnitt, aber ich komme schon über die Runden.“ Wenn man noch unterstützt wird, sei das ein Luxusproblem. Andere Bedienungen seien wesentlich schlimmer betroffen.

Dies trifft auf eine Kollegin von Lippert zu. Die Bucherin ist 51 Jahre alt, aber wegen gesundheitlicher Probleme bereits Frührentnerin. Wegen ihrer niedrigen Rente ist der Verdienst als Bedienung ein wichtiges Zubrot, das derzeit entfällt. Ihre Kritik richtet sich aber wie bei Lippert („Angela ist die fairste Chefin, die es gibt“) nicht an ihre Arbeitgeberin, sondern an die für den Lockdown verantwortliche Politik. „An uns Bedienungen denkt der Staat im Moment nicht“, findet sie. Die 51-Jährige kenne mehrere Aushilfen, die in ihrer Existenz bedroht seien und sich schon neue Jobs suchten. „Corona kostet vielen das ganze Ersparte.“

Aushilfen beschäftigt das Landhotel Hallnberg (Gemeinde Walpertskirchen) nur wenige, dafür aber 14 fest angestellte Mitarbeiter. Diese befinden sich aktuell in Kurzarbeit. Die Lieferung oder Mitnahme von Speisen bietet das Restaurant des Landhotels nicht an, da es sich wohl nicht rentieren würde, erklärt Inhaber Rupert Lanzinger. Geschäftskunden und Tagungsgäste dürfte er empfangen, aber auch in diesem Bereich sei es aktuell sehr ruhig. Lanzinger hat den Eindruck, die Politik sei mit der aktuellen Situation überfordert und begründe es mit den versprochenen, aber schlecht vorbereiteten Finanzhilfen. Gegen Ende November hatte er immer noch nicht die Kurzarbeiterzahlung des Vormonats erhalten. Das Finanzamt dränge aber schon auf die Abführung der Sozialversicherungsabgaben. Zur versprochenen November-Hilfe habe Lanzinger ein Wirtschaftsministeriums-Vertreter geantwortet, er müsse noch acht bis zehn Wochen warten. „Das ist wirklich ärgerlich, und ich erwarte von unseren Politikern, dass wir schneller entlastet werden, wenn wir schon zusperren müssen“, sagt der Landhotel-Chef. Dass die Gastro aktuell nicht öffnen darf, findet Lanzinger unverständlich. „Wir können nichts dafür und sind nicht die Verbreiter des Virus’, wie man im Moment sieht.“

Gut angenommen wird das „Essen to go“ beim Hirschbachwirt. „Es fängt natürlich nicht alles auf, aber ist immerhin ein kleines Zuckerl“, berichtet Inhaber Günter Helfenbein. Aktuell kocht der 61-Jährige selbst. Ihn unterstützt nur eine Festangestellte sowie zu Spitzenzeiten eine weitere Halbtagskraft. Alle anderen Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Die 450-Euro-Aushilfen werden im Moment ebenfalls nicht benötigt. „Für die ist es bestimmt eine schwierige Zeit. Es rechnet ja jeder mit dem zusätzlichen Geld“, meint Helfenbein. Nachvollziehen, warum die Gastronomie noch immer geschlossen bleiben muss, könne er nicht. „In Kaufhäusern oder Baumärkten geht’s aktuell zu wie die Sau. In der Arbeit sieht sich auch jeder. In einem normalen Speiselokal passiert da nicht so viel“, ist Helfenbein überzeugt. Eine der Festangestellten des Hirschbachwirts, die aktuell komplett frei haben, ist Marisa Neglia. Die Bedienung verweist darauf, dass während der Kurzarbeit auch das zusätzliche Trinkgeld vollständig entfällt. Die 46-Jährige hat bereits versucht, während dem Lockdown auf 450-Euro-Basis in einem Supermarkt zu arbeiten. Bislang werden dort aber wohl keine weiteren Minijob-Mitarbeiter gesucht, erzählt Neglia. Fast etwas froh ist die Forsternerin, dass ihr Amarillos die Krise nicht mehr erleben muss. „Wir waren ja eine Musikbar, da hätte es uns sauber erwischt.“

Trotz der düsteren Aussichten blickt Gilow-Kohler optimistisch in die Zukunft. Gerade entwickelt sie mit ihrer Küche „To go“-Menüs für Weihnachten und Silvester. Wenig Hoffnung auf die Feiertage, wenn die Therme geschlossen bleibt, macht sich Hotel- und Restaurant-Inhaber Lanzinger. Zwar sei die Kurzarbeit hilfreich, um einen Teil der hohen Einbußen zu überbrücken. „Das wird trotzdem noch ein sehr langes Nachspiel haben“, ist er sich sicher.

Markus Ostermaier

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