Ruhe bewahren rät Luise Kinseher ihrem Publikum. Warum das aber auch ihr nicht immer leicht falle, erzählt sie am Freitagabend in der Stadthalle. Foto: Bauersachs

Warten auf den "Aufzugheini"

Erding - Die Kabarettistin Luise Kinseher gastiert mit ihrem sechsten Soloprogramm „Ruhe bewahren“in der Erdinger Stadthalle. In der Rolle dreier Figuren bereitete sie dem Publikum einen vergnüglichen Abend.

Luise Kinseher wisse ja, es ist Freitagabend, alle hätten eine stressige Woche hinter sich und denkten nach, was sie alles nicht geschafft haben. Deshalb „stell’ ich heute Abend überhaupt keine Anforderung an Sie“, eröffnete die Kabarettistin ihr Programm in der gut besuchten Erdinger Stadthalle. „Wichtig is am Ende nur, dass g’lacht wor’n is’.“ Sie erkundigte sich beim Publikum: „Haben Sie Stress in der Arbeit?“ Nach Antworten wie „phasenweise“ von der Journalistin in der ersten Reihe und oder „meist“ von der Architektin daneben, gefiel Kinseher am besten die Antwort des Elektrikers aus Moosinning: „In da Arbeit ned.“

„Ruhe bewahren!“ rät sie ihren Zuhörern, denn bei Stress „rauscht die Libido rasant runter“ und das sehe man dem Kundendienstleiter der Bahn in der vierten Reihe schon deutlich an. Doch auch ihr fällt das nicht leicht. Ist sie doch als 47-jährige Singlefrau im Aufzug ihrem Traummann begegnet. „Groß war er, gut aussehend, kein Ehering, Lachfalten um die Augen“ - sie vermutet „ein Galerist, der zwischen München und New York jettet“. Bevor sie ausstieg, hat sie ihm ihre Handynummer gegeben - und wartet jetzt, dass er anruft. Währenddessen denkt sie laut darüber nach, dass die Zeit rast. „Schon Goethe ging alles viel zu schnell und bei uns ist alles 900 Mal schneller. Da würde das Gretchen staunen.“ Sie stellte fest, dass die Leute früher zwar schneller gealtert seien - „meine Tante war 60 Jahre 60, sie hat mit 30 schon so alt ausgesehen und mit 90 immer noch“ - dafür aber mehr Zeit hatten. Und in Niederbayern gingen die Uhren nicht nur anders, sie seien komplett stehengeblieben - „und zwar um halb drei“, konstatiert die gebürtige Niederbayerin.

Zwischendurch kommt sie immer wieder mal als „Mary“ die Besoffene aus „Bavary“ und Helga, die Prüde aus dem hohen Norden auf die Bühne.

Bei diesen beiden Figuren beweist Kinseher ihr famoses Schauspieltalent.

Mary - im geblümten Morgenmantel - ist umgeben von gesundheitsbewussten und Yoga-wütigen Freundinnen, „die ewige Balancerei hab ich scho so dick“. Und Achtsamkeit brauche sie nicht in einem Seminar lernen, „wenn du immer alles doppelt siehst, bist du von Huas aus achtsam.“ Neulich wollte sie mal wieder ihr Stammstüberl in Giesing besuchen. Stattdessen trifft sie dort eine „Launch“ an, in der sie ein „Weißbier“ bestellt, aber einen Hopfen-Smoothie bekommt.

Helga im Trenchcoat ist recht zufrieden in ihrer 50-jährigen Ehe, die immer besser wird, seit ihr Heinz sich nichts mehr merken kann. Kinder habe sie nie haben wollen beim Anblick ihres Mannes und dessen Verwandtschaft. Deshalb habe sie ihm gleich gesagt: „Heinz, Leidenschaft ja, aber die Hose lässt du dabei an.“

Klimawandel, Flüchtlingskrise und der Wohnwahnsinn in München - alles wird im Programm gestreift, weil der „Aufzugsheini“ - wie ermittlerweile heißt, immer noch nicht angerufen hat. Als „Mama Bavaria“ wisse sie, dass im bayerischen Kabinett alle „Emotionskiller“ nehmen. „Wie könnte der Söder sonst so schmerzfrei sein?“ oder Ilse Aigner ständig ohne Grund lächeln? Und es könnte sonst ja wohl auch kaum sein, dass Sozialministerin Emilia Müller „drei Wochen braucht, bis sie merkt, dass sie beleidigt ist“. Horst Seehofer hingegen kifft, das erkläre seine wirren Gedankensprünge.

Gerade als sie glaubt, dass es zwischen ihr und dem „„verheirateten, rechtsradikalen Waffenhändler“ aus dem Aufzug aus ist, klingelt das Smartphone. Ein entzückter Aufschrei und weg ist sie zu ihrem Date. Und g’lacht is am Ende viu worn.

(and)

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