Ehrenamtliche Hilfe

Asyl-Helferin Carla Marx: „Nicht nur reden. Tun.“

Wartenberg - Der Helferkreis Asyl in Wartenberg hat mit seiner Arbeit schon begonnen, da gab es noch nicht einmal Flüchtlinge in der Marktgemeinde. Mittlerweile sind es 80 Menschen aus Syrien, Nigeria und anderen Ländern. 40 Ehrenamtliche stehen ihnen zur Seite. Von Anfang an an der Spitze: Carla Marx.

„Welcome, Willkommen, Salem Aleikum, Servus, Grüß Gott“ - Günther Lechner gestaltete die Begrüßung zur kleinen Bescherung für Flüchtlingskinder ganz international. Die Feier am Samstagnachmittag in der evangelischen Friedenskirche sollte den rund 40 Mädchen und Buben unter den 80 Asylbewerbern in Wartenberg eine Freude bereiten. Ganz unabhängig von der Herkunft und der Religion. „Wir haben hier eine Tradition. Familien machen sich Geschenke“, sagte Lechner auf Englisch - und verzichtete dabei auf das Wörtchen „Christmas“.

Für die Ehrenamtlichen im Helferkreis Asyl war jedes Geschenk dennoch eine kleine Weihnachtsbotschaft an die Jüngsten unter den Geflohenen. In der Helferschar sind einige tief gläubige Christen. Doch aus Respekt vor Muslimen kam das Treffen bei Gebäck und Tee ohne religiöse Vorzeichen aus. „Wir wollen nicht missionarisch tätig sein“, erzählt Carla Marx, die treibende Kraft im Helferkreis Asyl. Wie Günther Lechner ist die 51-Jährige Mitglied des katholischen Pfarrgemeinderats.

„Wir sind anfangs

belächelt worden“

Und auch die Idee zu der Geschenke-Aktion war in der Pfarrei entstanden: in der Kinderkirche. Die Vorbereitungen liefen schon seit November, berichtet Günther Lechners Ehefrau Stella. Sie verteilte auch die meisten Päckchen an die Kinder. Gepackt hatten die Kartons Mädchen und Buben. Wer von ihnen da war, konnte das Geschenk selbst übergeben.

Für die über 40 Helfer war dieses Fest ein kleiner Höhepunkt in einem Alltag mit vielen kleinen Arbeiten im Hintergrund. Jede Flüchtlingsfamilie bekommt Paten zur Seite gestellt. Ihre Aufgaben: erstes Willkommen, Begleitungen zum Arzt, Ausfüllen von Formularen oder Möbelabholungen im Spendenladen Rundum in Berglern. Begehrt seien Schlafcouchen, erzählt Carla Marx („Die schmeißen oft lieber die Matratzen auf den Boden als in den wackligen Stockbetten zu schlafen“), große Töpfe („Sie kochen meist gemeinsam“) und Schränke („Jeder hat ja nur einen Spind“).

Manche Ehrenamtliche wie Günther Lechner nehmen Asylbewerber ab und zu mit zum TSV-Gelände. Dort können sie zusehen, und auch die eine oder Bolzplatz-Runde sei entstanden, erzählt Marx. Darüber hinaus haben die Helfer eine Kleiderkammer mit warmen Sachen in der Friedenskirche eingerichtet. Ab Januar ist eine wöchentliche Teestube geplant, eventuell auch eine Art Mutter-Kind-Gruppe,

Mittlerweile leben etwas mehr als 20 Flüchtlingsfamilien in der Marktgemeinde. Dem stehen laut Marx nur vier alleinstehende Männer gegenüber. Insgesamt sind es etwa 80 Asylbewerber. Mit etwas mehr als der Hälfte ist die Gruppe der Syrer die größte. Danach kommen knapp 30 Nigerianer, acht Afghanen sowie einzelne Eritreer, Tschetschenen und Ghanaer. Der Anteil der Kinder liegt bei fast 50 Prozent.

Die Initialzündung für Carla Marx war im Dezember 2014 ein Vortrag von Maria Brand von der Aktionsgruppe Asyl. Obwohl es in Wartenberg damals keine Flüchtlinge gab, war das für sie und die ersten Mitstreiter der Anstoß etwas aufzubauen. Es folgten regelmäßige Treffen und Ehrenamtlichen-Schulungen. „Da sind wir anfangs ein bisschen belächelt worden“, erzählt die Wartenbergerin. Aber so waren sie und die anderen Helfer zumindest nicht ganz unvorbereitet, als ab März 2015 die ersten Flüchtlingsfamilien kamen - zunächst eine aus dem Kosovo und die nächste aus Syrien.

Boat People, Kroaten

und jetzt halt Syrer

Wartenberg habe schon mehrere Bevölkerungsgruppen integriert, meint Carla Marx: die Boat People, Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, und auch Neubürger aus der ehemaligen DDR nennt die 51-Jährige in dieser Reihe. „Warum auch nicht diese?“, fragt sie in ihrem akkuraten Hochdeutsch mit rheinländischen Einschlag. Denn auch Familie Marx ist zugezogen, 1986 aus Köln. Die Kinder sind mittlerweile 21 bis 29 Jahre alt.

„Vielleicht hatte ich schon immer ein Helfersyndrom“, meint Carla Marx. Neben einem kleinen Teilzeitjob bei einer Medizintechnik-Firma hat sich die gelernte Sanitäterin viel Zeit genommen für diverse Elternbeiratsposten und nach wie für ihr Amt als Vorsitzende des Fördervereins der Mädchenrealschule Erding. Der Helferkreis Asyl sei vom Zeitaufwand mittlerweile ein „guter Halbtagsjob“. Zeit für ihren Mann Bernd, den kleinen Hund Charlie und sogar das Singen (und wieder Organisieren) bei den Happy Souls findet die 51-Jährige trotzdem.

Eine zentrale Person beim Helferkreis ist Gunter Rudolf. Er und Marx koordinieren die vielen Aktivitäten. Meist sind sie es, die die Neuankömmlinge begrüßen. Pensionär Rudolf führt akribisch die vereinseigene Statistik und kümmert sich schnell um Namenschilder und Briefkästen samt Schlüssel für die Flüchtlinge. Das ist wichtig, denn ohne Briefkasten gibt es keine Post vom Amt.

Ein Rundgang durch Wartenberg folgt meist am zweiten Tag. Die Helfer zeigen den Asylbewerbern das Wichtigste: Post, Penny, Ärzte, Apotheken, Schule und Kindergarten. „Für die Kinder ist immer das Schaufenster vom Gerstner das Highlight“, erzählt Marx.

Einiges läuft ohne Zutun der Koordinatoren. An Schultagen gibt es täglich eine Hausaufgabenbetreuung an der Marie-Pettenbeck-Schule. Dafür zeichnet die ehemalige Grundschulrektorin Gisela Bobert mit ein paar Helfern verantwortlich. Jeden Dienstag- und Donnerstagmorgen bitten Monika Neblich, Sieglinde Lösch und Günther Wiesheu die erwachsenen Asylbewerber zum Deutschkurs ins katholische Pfarrheim, begleitet von einer Kinderbetreuung. Die Syrer könnten bereits in der Regel Kurse in Erding besuchen.

Mittwochs hat der evangelische Pfarrer Henning von Aschen eine weitere Gruppe. „Ich tu das als Privatperson in meiner Freizeit“, sagt der 39-Jährige. Er hält seinen Unterricht auf Englisch. Kein Problem für ihn, schließlich hat er ja mit der Familie drei Jahre in Bristol gelebt und gearbeitet.

Eine Woche vor Weihnachten hatte der Pfarrer etwas Besonderes für seinen Deutschkurs geplant: eine Exkursion ins Café Härtl. „Meine Schüler sollen lernen, wie man etwas in einem Café bestellt.“ Die Zeche begleicht von Aschen mit einer kleinen privaten Spende.

Warum müssen Kinder

Monate lang warten?

Also wird geübt, bevor die Bedienung kommt. Der Satz „Darf ich bitte eine Butterbreze haben?“ ist für den einen oder anderen Nigerianer in dem Kurs nicht so leicht. Aber auch mit „Darf mich eine Butterbreze bitte“ kommen sie ans Ziel. Der kleine Nelson sucht sich in der Vitrine ein großes Stück Fruchtbombe aus. Wie ist dieser Kuchen?, fragt der Lehrer. Süß natürlich. „Everybody say ,süß‘.“ Das Ü ist wieder besonders schwierig.

Die Deutschkurse und andere Angebote des Helferkreises sind für die Asylbewerber eine willkommene Abwechslung vom Nichtstun. Gerade, was die Kinder betrifft, ärgert sich Marx in dem Zusammenhang über langwierige Verwaltungsabläufe. „Welchen Sinn soll in Bayern diese Dreimonatssperre vor der Einschulung haben?“, fragt die Helferkreis-Sprecherin. So lange müssten Mädchen und Buben warten, bis sie aufgenommen werden. „Dabei sind sie in der Regel schon Monate in Erstaufnahmeeinrichtungen gewesen.“

Zum Thema Einschulung hat die 51-Jährige ohnehin eine eigene Meinung - ein Dutzend der Mädchen und Buben in Wartenberg sei im entsprechenden Alter. Marx hält es für kontraproduktiv, einzelne Flüchtlingskinder, die kein Wort Deutsch sprechen, in eine Regelklasse zu stecken. „Da kommen dann teilweise Zehnjährige in die Zweite.“ Es gebe jetzt schon Unmut bei Eltern. Daher würde Marx die Asylbewerber-Kinder lieber in einer eigenen Deutsch-Lern-Klasse zusammenfassen.

Auch im Gemeindekindergarten gebe es schon ähnliche Probleme. Manche Eltern würden darüber klagen, dass sich die Erzieherinnen zu sehr um die Neuen kümmern müssten und nicht genügend Aufmerksamkeit für die anderen Kleinen bleibe. Doch auch hier schüttelt Marx den Kopf über die bürokratischen Regularien. „Kinder dürfen dort erst angemeldet werden, wenn die Mutter einen offiziellen Asylantrag gestellt hat. Ich kenne Fälle, da ist der Termin im November 2016.“

Probleme sieht Carla Marx auf dem Wohnungsmarkt. Defekte Rollläden, kaputte Türen, abenteuerliche Rohrinstallationen und einiges mehr hat sie schon in Unterbringungen gesehen. „Wenn sie schon zu so hohen Mieten vermieten, dann sollten die Eigentümer beim Zustand der Wohnungen mit ins Boot geholt werden“, meint Marx. Aus anderen Landkreisen kenne sie solche Vorgaben. Denn Reparaturen könnten und dürften die Ehrenamtlichen nicht übernehmen. „Und bis die vier Hausmeister des Landkreises mal Zeit haben, vergeht Zeit.“

Das Mietniveau sei im Landkreis ohnehin hoch, meint Marx, die hohen Zusagen des Landratsamtes machten das Problem nur schlimmer. Deutsche Familien würden kaum noch Wohnungen finden. „Es müsste langsam Stopp sein“, meint die 51-Jährige für ihre Heimatgemeinde. Bei all dem werde vergessen, dass später anerkannte Asylbewerber Wohnungen brauchen. Doch für sie würden keine höheren Mieten gezahlt. Über die Verantwortlichen für diese Politik sagt Marx: „Die schieben die Probleme nur kräftig raus.“

Der Staat muss den

Helfern helfen

Das Gleiche sieht sie auch bei den Ehrenamtlichen. Der Staat verlagere die Arbeit auf die Bürger, und die Anerkennung falle mager aus, meint die Wartenbergerin. Ihre Vorschläge: Steuervergünstigungen oder Anerkennung von Auszeiten wie bei der Pflege oder Kindererziehung.

Warum engagiert sie sich dann? „Wenn das keiner macht, ist das zum Scheitern verurteilt.“ Carla Marx gibt sich da ganz nüchtern. Probleme in der Zusammenarbeit mit manchen Asylbewerbern - zum Beispiel Pünktlichkeit oder vereinzelt eine überzogene Anspruchshaltung - verschweigt sie nicht. Und auch über die „Willkommenspartys“ im Sommer am Münchner Hauptbahnhof hat sie sich eher geärgert als gefreut. „Da gibt man eine Banane, und dann war’s das mit der Hilfe.“ Ihr Ansatz ist dagegen langfristig. „Sobald die Not vor der eigenen Haustür ist, muss man etwas tun. Nicht nur reden. Tun.“

Timo Aichele

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