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Druckermeister, Marktrat, Fußballpionier: Wartenberg trauert um Franz Gerstner

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Von: Markus Schwarzkugler

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Sein zweites Wohnzimmer: Das Bild zeigt Franz Gerstner in seinem Element, und zwar in der Druckerei an der Wartenberger Strogenstraße 56. Sein Sohn Franz hat das Foto wenige Tage vor dem verhängnisvollen Herzinfarkt seines Vaters gemacht.
Sein zweites Wohnzimmer: Das Bild zeigt Franz Gerstner in seinem Element, und zwar in der Druckerei an der Wartenberger Strogenstraße 56. Sein Sohn Franz hat das Foto wenige Tage vor dem verhängnisvollen Herzinfarkt seines Vaters gemacht. © privat

Es gibt eigentlich nichts Großes in Wartenberg, an dem er nicht beteiligt war. Umso größer ist nun die Trauer um Franz Gerstner, der am Neujahrstag verstorben ist.

Wartenberg – Ein bisserl unsicher ist er schon, der Senior. Kurz vor seinem Auftritt im Wartenberger Podcast im Juli 2021 meint Franz Gerstner zu seinem Sohn, dass er vielleicht nicht genug zu erzählen haben wird aus seinem Leben. Ein halbes Jahr später berichtet uns das Franz Gerstner, der Junior. Schmunzelnd natürlich. Denn dass sein Vater nicht genug zu erzählen gehabt hätte, war ja ausgeschlossen. Ganz egal, ob über seine Druckerei, seine Zeit als Vereinsvorstand, als Politiker im Gemeinderat oder als Familienmensch: Franz Gerstner senior hat im Podcast letztlich einen Schatz an Anekdoten ausgepackt.

Einen so großen, dass ihn die Podcast-Moderatoren Michael Deimel und Thomas Rademacher nicht in eine Folge stopfen, sondern lieber auf zwei verteilen. Wenn man sich diese launigen eineinhalb Stunden jetzt anhört und dabei den Humor und die Lebensfreude heraushört, fällt es noch schwerer, zu glauben, dass Franz Gerstner tot ist. Nach einem schweren Herzinfarkt Mitte Dezember ist ein prägendes Gesicht der Wartenberger Lokalgeschichte in den frühen Morgenstunden des Neujahrstags im Alter von 82 Jahren verstorben.

Franz Gerstner ist ein Wartenberger Urgestein. Sein Beruf als Buchdruckermeister und später sogar als Druckereibesitzer wird ihm quasi schon in die Wiege gelegt. Sein Großvater Moritz, ein Buchbindermeister aus Freising, kauft 1913 die kleine Binderei und Druckerei Roithmaier in Wartenberg.

Franz ist das zweite Kind von Moritz und Elisabeth Gerstner. Als er 1939 zur Welt kommt, ist sein Vater kurz zuvor in den Krieg eingezogen worden. „Er ist erst 1947, abgemagert bis auf die Knochen, heimgekommen“, erinnert sich sein Sohn im Podcast (siehe auch Kasten).

Nach seiner Schulausbildung folgen die Lehrjahre bei Schumacher in München mit Ausbildung zum Buchdrucker. Unter der Woche wohnt er im Salesianer-Heim in Bogenhausen und später bei seinem Onkel Rudi. Weil in der Lehrzeit der Verdienst nicht groß ist, fährt der junge Franz an den Wochenenden mit dem Fahrrad von München nach Hause. 1961 geht es heim in den elterlichen Betrieb. Sechs Jahre später macht er sein Meisterstück.

Bettelhochzeit und Prinzregententorte

In zwei Folgen des Wartenberger Podcasts hat Franz Gerstner vergangenen Sommer aus dem Nähkästchen geplaudert. Im Folgenden ein paar Zitate des Verstorbenen:

„An sich war die Zeit nicht so schlimm – für uns Kinder gab es viele Süßigkeiten.“ – Franz Gerstner über die Zeit der US-amerikanischen Besatzung.

„Ich war am liebsten Libero. Bei den kleinen Plätzen war das natürlich schön. Wenn einer nicht so gut war, dann wurde er Verteidiger.“ – ganz bescheiden über seine Lieblingsposition als Fußballer des TSV Wartenberg.

„Damals war Sechzig halt gut.“ – über die Wahl seines Lieblingsvereins (neben dem heimischen TSV versteht sich), als er mit dem Zeitung lesen anfing.

„Schreiben und Lesen hat er auch gelernt.“ – über den Grund, warum er 1964 Schriftführer beim TSV wurde.

„Ich bin extra nach Kochel am See gefahren, um mir eine Bettelhochzeit anzuschauen. Da fand die Trauung auf dem Misthaufen statt. Da habe ich gleich gesagt: ,Des brauch’ ma in Wartenberg ned ofanga!‘“ – über die Anfänge der Bettelhochzeit im Jahr 1980.

„Das war eine harte Zeit für uns. Der Weltrich hat schon verstanden, die Dinge so darzulegen, wie er es für richtig gehalten hat.“ – der langjährige CSU-Marktrat über die Zeit, als ab 1984 der Bürgermeister plötzlich ein Freier Wähler war.

„De mog i.“ – über seine Schwäche für die Prinzregententorte.

„Ein Reiter Hell am Stammtisch.“ – über Lieblingsort und -getränk.

„Für mich gibt’s zwei Veranstaltungen, die ich gern mag. Das Volksfest, weil ich da zu Fuß heimgehen kann. Und die Fronleichnamsprozession.“ – Gerstner war gläubiger Christ und las neben all seinen Druckerzeugnissen vor allem die Bibel gerne. mas

Und auch das private Glück stellt sich 1967 ein: Auf einer Hochzeit lernt Franz seine spätere Gattin Resi Bayerstorfer kennen. Im Namen des TSV Wartenberg überreicht er ein Geschenk an den Hochzeiter und hält eine Ansprache: „Anscheinend hat ihr die gfoin“, erinnert sich Franz Gerstner noch vor ein paar Monaten schmunzelnd.

1971 übernimmt er von seinem Vater Moritz die Druckerei. Nur wenig später verstirbt dieser plötzlich und viel zu früh. Franz und seine Resi haben zu dieser Zeit eigentlich das Heiraten im Sinn, aber damals ist es üblich, dass nach dem Tod eines Elternteils ein Trauerjahr eingehalten wird. Der damalige Pfarrer Franz Rotter sagt zu den beiden: „Ihr könnt weiter trauern, aber es wird geheiratet!“ Im Februar 1973 kommt Sohn Franz zur Welt.

In der Druckerei an der Oberen Hauptstraße wird es immer enger. Als an der Strogenstraße Mitte der 80er Jahre ein geeignetes Grundstück zum Kauf angeboten wird, schlägt Gerstner zu. 1989 ist Baubeginn. Im August 1993 tritt Sohn Franz in den elterlichen Betrieb ein, und die Druckerei zieht in den fertigen Neubau an der Strogenstraße um. Zehn Jahre später übergibt Franz senior den Betrieb an Franz junior.

Dieser ist seinem Vater auf ewig dankbar und sagt über ihn: „Er hat mich nie zu irgendwas gedrängt oder gesagt: „Du musst diesen Beruf lernen.“ Die beiden arbeiten 30 Jahre lang harmonisch zusammen, bis zuletzt steht der Vater ihm mit Rat und Tat zur Seite. Der Junior muss lachen, als er sich an Begebenheiten erinnert, wenn der Vater bei Veranstaltungen nicht am Tisch des Sohnes saß. Wenn jemand deswegen nachhakte, wurde der Vater sauer und sagte: „Wir sehen uns ja schon acht Stunden am Tag. Mein Sohn will ja auch noch mit anderen reden!“

Im April 2003 kommt der erste Enkel Daniel zur Welt, zwei Jahre später folgt dessen Bruder Moritz. Als sich Daniel dazu entscheidet, den Beruf des Mediengestalters zu erlernen, freut sich der Opa sehr, denn so steht die fünfte Generation der Druckerei Gerstner in den Startlöchern.

Politisch sehr aktiv: die CSU-Männer (v. l.) Franz Gerstner, Theo Waigel und Hans Zehetmair bei einem Termin in der Strogenhalle.
Politisch sehr aktiv: die CSU-Männer (v. l.) Franz Gerstner, Theo Waigel und Hans Zehetmair bei einem Termin in der Strogenhalle. © privat

Franz Gerstner übernimmt neben dem Beruf viele Aufgaben in Vereinen und Politik. In der Wartenberger Feuerwehr ist er von 1960 bis 2000 aktiv, fünf Jahre lang deren 2. Kommandant. Beim TSV ist er von 1963 bis 1973 Schriftführer und 2. Vorsitzender, danach 13 Jahre lang Vorsitzender. Als damals jüngster CSUler wird er 1972 in den Marktrat gewählt und gehört dem Gremium 30 Jahre lang ununterbrochen an. Der Marktplatz, so wie er heute angeordnet ist, geht auf seine Idee zurück. Bis 2002 bleibt er im Rat, als ihn sein Sohn Franz, heute CSU-Fraktionschef, auch auf dem politischen Sektor beerbt. Der Senior ist in fast allen Wartenberger Vereinen Mitglied, Kassenprüfer beim CSU-Ortsverband bis 2019 und jahrzehntelang bei der Kreis-CSU. Die Liste wäre noch länger. Klar, dass es Franz Gerstner gleich auf mehrere Ehrenmitgliedschaften bringt. Von der entsprechenden Urkunde der Feuerwehr wird Gerstner regelrecht überrascht, schließlich liest er in seiner Druckerei für gewöhnlich sämtliche Zertifikate Korrektur. Nur seine eigene haben ihm seine Kameraden vorenthalten.

Seine große Leidenschaft ist der Fußball. Er gehört zu den Pionieren der Abteilung – in Zeiten, in denen die Turner eigentlich alles überragen. „Was wollt ihr Fußballer? In zwei Jahren wird’s euch nicht mehr geben“, meint etwa deren stärkster Athlet, Anton Lutz. Er wird sich gewaltig täuschen. 1964 feiert die „Wunderelf“ mit Gerstner als Libero den Aufstieg in die damalige B-Klasse.

Gerstner ist zudem Mitbegründer der ersten Narrhalla mit Prinzenpaar sowie der Bettelhochzeit, er beschafft die Ochsen für das erste Ochsenrennen in Wartenberg, und selbst in der Kirche bekleidet er Ämter. Für seine Verdienste um die Gemeinde verleiht ihm Bürgermeister Walter Rost 2002 die Bürgermedaille des Marktes.

Trotz all seiner Tätigkeiten findet der Vater Zeit für seine Familie, die heute auf viele schöne Urlaube und Ausflüge zurückblicken kann. Der Urlaub im italienischen Jesolo ist über 40 Jahre lang ein fester Termin im Familienkalender. Über 20 Jahre lang fahren Franz und seine Resi mit dem Bus nach Heviz in Ungarn. Im November 2021 wird das auch der letzte gemeinsame Urlaub des Paares sein. Seine letzte große Feier steigt kurz zuvor im Oktober: die Goldene Hochzeit.

An einem verhängnisvollen Freitag, dem 17. Dezember, nimmt ein umtriebiges Leben allmählich sein Ende. Franz Gerstner kommt gerade von der Metzgerei, wo er seine Lieblingsmehlspeise besorgt hat, als er plötzlich nicht mehr aus dem Auto aussteigen kann – ein schwerer Herzinfarkt hat ihn ereilt, von dem sich Gerstner letztlich nicht mehr erholt.

Als ihn die Podcast-Moderatoren vergangenen Juli nach seinen Wünschen für die Zukunft fragen, antwortet Gerstner: „Ich bin zufrieden. Halt gesund sein.“ Und lachend ergänzt er: „Oben klar sein und unten dicht!“ Kaum zu glauben, dass dieser Mann nun nicht mehr in Wartenberg anzutreffen sein wird.

Beerdigung

Der Sterberosenkranz findet am heutigen Dienstag um 18 Uhr in der Pfarrkirche Mariä Geburt in Wartenberg statt. Seelengottesdienst und Beerdigung sind am Mittwoch, 5. Januar, ab 10 Uhr. (Markus Schwarzkugler)

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