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Ein heiterer Abend mit dem Totengräber

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Grablichter und Skelette zierten den Tisch, an dem der Münchner Historienromanautor Oliver Pötzsch in der Wartenberger Marie-Pettenbeck-Schule aus seinem aktuellen Werk „Das Buch des Totengräbers“ las – und dabei auch zur Guitarlele griff.
Grablichter und Skelette zierten den Tisch, an dem der Münchner Historienromanautor Oliver Pötzsch in der Wartenberger Marie-Pettenbeck-Schule aus seinem aktuellen Werk „Das Buch des Totengräbers“ las – und dabei auch zur Guitarlele griff. © Holzner

„Ich liebe es, für meine Romane zu recherchieren“, verriet der Münchner Historienromanautor Oliver Pötzsch bei der Lesung seines aktuellen Werks „Das Buch des Totengräbers“ in der Wartenberger Marie-Pettenbeck-Schule.

VON FABIAN HOLZNER

Wartenberg - Verbergen konnte der 50-jährige vormalige Journalist, unter anderem bei der BR-Sendung „quer“, diese Leidenschaft vor den etwa 30 Gästen in der Aula auch nicht. Denn seine, in sonorer Hörbuchstimmenqualität vorgetragenen Auszüge aus dem Roman, Einblicke ins Wien Anfang der 1890er Jahre, dienten zumeist nur als Aufhänger für amüsante Anekdoten rund um den Entstehungsprozess. Begeistert vermittelte Pötzsch Erkenntnisse aus der zumeist historischen Recherche und zahlreichen Empfehlungen, was man bei einem Besuch der österreichischen Landeshauptstadt in jedem Fall gesehen haben muss.

Dreh- und Angelpunkt waren die Anfänge der Kriminaltechnik, die die fiktive Figur Inspektor Leopold von Herzfeldt, in Anlehnung an den historischen Begründer der Kriminalistik Hans Gross aus Graz nach Wien bringt. Dort wurde im Prater die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Als von Herzfeldt auf seine neuen Polizeikollegen trifft und mit der Spurensicherung beginnt, mit Schrittzähler fotographischer Kamera im Gepäck, stößt er weder auf Respekt, noch auf Verständnis für seine dargebotene „Vorstellung“.

Im Verlauf der Geschichte taucht der Totengräber Augustin Rothmeyer auf, der einen Almanach für seine Berufskollegen verfassen will. Er hat den Diebstahl der Leiche von Bernhard Strauss, dem für den Roman erfundenen Bruder des Wiener Komponisten, verhindert. Kratzspuren im Sargdeckel belegen, dass der Tote nur scheinbar tot war.

Ein Autogramm des Autors holten sich im Anschluss an die Lesung etliche Zuschauer.
Ein Autogramm des Autors holten sich im Anschluss an die Lesung etliche Zuschauer. © Holzner

Nach wenigen Seiten holte Autor Pötzsch die Wartenberger wieder aus dieser Zeit der technischen Umbrüche und seiner Erzählung um mysteriöse Morde und unterhielt mit zahlreichen Querverweisen in die Geschichte und die Moderne. Der Glaube an Wiedergänger, Totenwecker, Pfählungen – zu kaum einem Gegenstand seiner literarischen Welt hatte er nicht auch vor Ort in Wien etwa im Tatort- oder im Bestattungsmuseum recherchiert. Ein Herzstilett, mit dem Ärzte das Ende mancher Patienten besiegelten, hatte er mitgebracht. „Man muss aufpassen: Was 1893 war, war 1894 schon wieder ganz anders“, meinte er zu seinen Ausführungen, bei denen er mit Liebe für historische Details faszinierte.

Gleichzeitig kamen private Einblicke nicht zu kurz, Pötzsch erinnerte sich an seine frühe Kindheit in der Dorfener Sakristei, wohin er wegen der Arbeit seiner Mutter kam, oder an sein „Hochdeutschtrauma“, als einziges Kind in einer bayerischen Familie nicht Dialekt zu sprechen. Auch ging er auf seine Abstammung ein: Pötzsch ist Nachkomme der Henkersdynastie der Kuisl, seine Großmutter bescheinigte ihm sogar die typische Kuisl-Physiognomie, und auch seine Faszination für Tod und Mord leitet der Münchner ein wenig daraus ab.

Daneben zeigte er sein musikalisches Talent, in dem er mit Mundharmonika die Textauszüge einleitete und, passend zum Romanthema, Georg Kreisler und Wolfgang Ambros („Es lebe der Zentralfriedhof“) zu den Klängen seiner Guitarlele sang. Seine Fans dürften sich freuen, dass die Henkerstochter-Saga, mit der er noch größeren Erfolg in den USA hat, in Altötting fortgesetzt wird. Und auch das zweite Buch des Totengräbers, für das er bereits eine Privatführung des Leiters des Kunsthistorischen Museums durch das Mumiendepot bekommen hat, ist in Arbeit.

Den Gästen der Lesung bescherte Autor Pötzsch einen heiteren Totensonntagabend, bei dem trotz allem Schaurig-morbidem viel gelacht wurde. Pötzsch hielt sich daran, dass er, wie vorweggenommen, das „C-Wort“ nicht in den Mund nahm, und meinte dennoch am Ende: „Schön, dass wir kurz vor Toresschluss noch den Abend gemeinsam verbracht haben.“ Darüber waren auch die Veranstalter vom Medienzentrum Wartenberg froh.

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