Masseneinäscherung in Neu Delhi: Familienmitglieder erweisen im Vordergrund einem Verwandten, der an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben ist, auf dem Ghazipur-Kremationsgelände die letzte Ehre.
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Masseneinäscherung in Neu Delhi: Familienmitglieder erweisen im Vordergrund einem Verwandten, der an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben ist, auf dem Ghazipur-Kremationsgelände die letzte Ehre.

Corona-Katastrophe: Indienhilfen im Landkreis leisten wertvolle Unterstützung

„Es geht ums nackte Überleben“

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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Verheerend ist das Ausmaß der Corona-Pandemie in Indien. Die Indienhilfen im Landkreis Erding leisten wertvolle Unterstützung.

Wartenberg/Aufkirchen – Das verheerende Ausmaß, das die Corona-Pandemie mit sich bringen kann, zeigt sich aktuell schonungslos deutlich in Indien. 350 000 Neuinfektionen und rund 3000 Tote an einem Tag – Zahlen, die einen schaudern lassen. Bilder von Masseneinäscherungen schockieren auch hierzulande. Nicht zuletzt die beiden Indienhilfen, die im Landkreis Erding aktiv sind: die Südindienhilfe Aufkirchen und der unter anderem in Wartenberg zahlreiche Paten und Spender zählende Verein Schritt für Schritt.

Für Letzteren engagiert sich Monika Blechinger-Zahnweh. Sie kennt eines der vielen tragischen Einzelschicksale. Schwester Kala, die vor Ort im südindischen Bundesstaat Kerala für den Verein wertvolle Arbeit leistet, hat ihr von einem Familiendrama berichtet. Zwei Patenkinder des Vereins sind an dem Virus gestorben – die beiden seien im Grundschulalter gewesen, berichtet Blechinger-Zahnweh.

Tragisches Schicksal: Mutter Jiji (r.) hat ihre beiden Kinder an das Virus verloren. Schwester Kala (l.) hat ihr und der Großmutter ein Lebensmittelpaket überbracht. 

Der Vater war schon 2018 bei einem Flutunglück verstorben. Von da an war die Mutter, sie heißt Jiji, alleine für die Versorgung ihrer Kinder zuständig gewesen. Zu allem Überfluss erkrankten nun alle drei an Covid-19, nur die Mutter überlebte. Sie habe all ihre Lebensfreude verloren, berichtet Schwester Kala. Die Mutter sei nun bei ihren Eltern untergekommen, beide allerdings alt und krank. Geld für die Familie könnten sie nicht mehr verdienen. Hinzu komme, dass Jijis Bruder geistig und körperlich behindert ist. „Sie lebt jetzt für ihre Eltern und ihren Bruder“, berichtet Kala auf Englisch. Jiji laufe nun in der Nachbarschaft von Tür zu Tür, um mit Wasch-, Putz- und Kochdiensten zumindest ein kleines Einkommen zu generieren.

Das ist nur eines der vielen schrecklichen Einzelschicksale, die hinter der aktuellen Katastrophe stecken. Normalerweise hilft Schritt für Schritt mit Patenschaften für Kinder, denen Schulbildung ermöglicht werden soll. Es geht um den Bau von Schulen, Kinderheimen, Brunnen und eine Verbesserung der medizinischen Versorgung. Aktuell stünden aber Gelder für die Akuthilfe im Vordergrund. Laut Vereinsvorsitzender Ida Gaßner sind dafür in den vergangenen Monaten rund 60 000 Euro zusammengekommen.

Die Pandemie, wie sie sich derzeit bei uns darstellt, sei „Peanuts“ gegen die Lage in Indien, sagt Blechinger-Zahnweh. „Dort geht es ums nackte Überleben.“ Sie betreut für die Indienhilfe die Paten in und um Wartenberg. Allein dort zählt Schritt für Schritt gut 200. Insgesamt bringt es der Verein aus Tiefenbach im Kreis Landshut aktuell auf knapp 5000 Patenschaften.

Die Lage in Indien treffe vor allem die Ärmsten in den Slums, berichtet Blechinger-Zahnweh. Schritt für Schritt helfe mit Lebensmittel- und Medikamentenspenden, unter anderem eben auch Mutter Jiji. „Die Situation ist nach wie vor dramatisch, denn eine staatliche Versorgung gibt es nicht, und die Menschen sind fürs pure Überleben auf Hilfe durch Spenden angewiesen“, sagt Blechinger-Zahnweh, die selbst zwei Patenkinder – acht und zehn Jahre alt – unterstützt. Ihnen gehe es aktuell „relativ okay“.

Lebensmittel in weißen Tüten, Medizin in roten: So läuft die Übergabe der Hilfspakete, die Schwester Kala mit freiwilligen Helfern organisiert.

Sie ist froh, dass die Medien endlich das Thema groß aufgreifen, und dass Premierminister Narendra Modi „auch mal Außenhilfe zulässt – anders als noch bei der Flut“.

Schwester Kala organisiert vor Ort den Einkauf der Lebensmittel und Medikamente, stellt Hilfspakete zusammen und besucht alle 14 Tage die Familien in den Slums.

Zusammen mit ehrenamtlichen Helfern verteilt sie die Pakete. Sie reichen für rund zwei Wochen. „Es ist wirklich unglaublich, was sie und die Helfer leisten, trotz der Gefahr, selbst zu erkranken. Für mich ist Schwester Kala eine Art Mutter Teresa“, sagt Blechinger-Zahnweh.

Trotz der derzeit im Vordergrund stehenden Akuthilfe werde weiter genauso versucht, für die Kinder Unterricht zu ermöglichen, soweit es eben gehe. „Das klappt digital auch ganz gut“, weiß Blechinger-Zahnweh nicht zuletzt auch von ihren eigenen Patenkindern.

Von den Bildern aus dem 1,3-Milliarden-Land schockiert ist man derweil auch beim Aufkirchener Verein Kinderpatenschaften Südindien. Einen aktuellen Bericht vom Ansprechpartner vor Ort im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, Pfarrer Jeremias, habe man noch nicht erhalten, sagt Vereinsschriftführer Wolfgang Thomas auf Anfrage unserer Zeitung.

Die Hilfe aus Aufkirchen läuft in der Pandemie aber längst auf Hochtouren. Wie berichtet, hat der Verein schon im vergangenen Jahr zu einer Solidaritätsspendenaktion aufgerufen, bei der 15 000 Euro zusammengekommen sind. Außerdem ermöglichte er 2020 bekanntlich den Bau von zehn Häusern. Und er hofft natürlich auch aktuell auf Unterstützung.

Mit den Geldern wird vor Ort neben Nahrungsmitteln auch Hilfe zur Selbsthilfe organisiert – etwa mit Ziegen oder Nähmaschinen. Die Patenkinder bekommen zweimal jährlich finanzielle Unterstützung. Allerdings nur, wenn ein Nachweis erfolgt, dass die Kinder auch wirklich die Schule besuchen. Der Verein hat ein Auge darauf – auch deshalb, weil die Regierung Gelder abzapfen könnte, weiß Thomas.

Der Aufkirchener Vereinbetreut rund 200 Paten, die rund 300 Patenkinder ab dem zehnten Lebensjahr zu einem menschenwürdigen Einkommen in ihrem späteren Leben verhelfen. Der Großteil der Paten kommt aus der Gemeinde Oberding und dem Landkreis Erding. „Wir haben auch viele Freunde des Vereins, die regelmäßig spenden – teils auch im vierstelligen Bereich“, sagt Thomas.

Spendenkonten:

Kinderpatenschaften Südindien: Sparkasse Erding-Dorfen, IBAN: DE11 7005 1995 0020 2640 16. Schritt für Schritt – Hilfe mit System: GLS-Bank München, DE57 4306 0967 8236 2178 00.

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