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Der aktuelle Arbeitsplatz von Gustav Weltrich: Am Flügel im heimischen Wohnzimmer übt er fürs Opernforum.

Gustav Weltrich wird 80 Jahre alt

Der Altbürgermeister an den Tasten

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Wartenberg – Gustav Weltrich wird am Montag 80 Jahre alt. Als Bürgermeister von Wartenberg wusste er stets, welche Knöpfe auch beim politischen Gegner zu drücken sind. Als Autor füllt er Seite um Seite. Als Pianist trifft er den richtigen Ton. Nach einem Herzinfarkt vor drei Jahren wünscht er sich, „dass alles so bleibt“.

Das Leben von Gustav Weltrich hat mehrere spannende Kapitel. Ein wahrer Thriller waren seine Anfänge als Bürgermeister von Wartenberg 1984. Der damalige Wahlkampf war unerbittlich. Die Attacken auf seine Person hätten ihm manche schlaflose Nacht beschert, erzählte er einst. Der kommunalpolitische Fuchs gab damals aber zu: „Wir haben auch polemisiert.“ Der Gegensatz zur CSU blieb dem Freien-Wähler-Politiker bis 2002 erhalten, als er mit 65 Jahren nicht mehr zur Wahl antrat. Noch im selben Jahr flammte sein politischer Kampfgeist wieder auf, um das Alte Schulhaus vor dem Abriss zu retten. Seitdem hat der Altbürgermeister viele weitere Kapitel geschrieben: als Autor von zehn Romanen. Nun widmet sich der Pianist und flammende Wagnerianer wieder mehr der Musik.

Romane über die Historie Wartenbergs

Fast 15 Jahre lang ist Weltrich nun im Ruhestand. „Mir ist bislang nie langweilig geworden. Im Gegenteil“, erzählt er. Mit dem Schreiben hat sich der Ruheständler einen Traum erfüllt. Er hat Krimis und historische Romane verfasst, die sich mit der Geschichte Wartenbergs befassen. Dafür hat er es auch auf sich genommen, den Umgang mit dem Computer zu lernen. „Ich war ja früher stolz zu sagen: Ich bin der einzige Bürgermeister im Landkreis, der keinen Bildschirm auf dem Schreibtisch stehen hat.“

Weltrichs letztes Werk ist 2015 erschienen und heißt „Der Wartenberg“. Für die vier Kapitel hat er sich vom Denkmal auf dem Nikolaiberg inspirieren lassen. Jede Seite des Steins erinnert an eine andere Phase der Ortsgeschichte: an den Bau der Burg auf dem Nikolaiberg, an die Zeiten von Herzog Otto, an Ludwig, den Kelheimer, und an den 200 Jahre später lebenden Grafen von Wartenberg.

Ungefähr ein Jahr habe er für das 250-seitige Werk gebraucht. „Das war mir sehr wichtig, dass das mal festgehalten wird.“ Zur Recherche sei er „x-mal im Staatsarchiv Landshut und München gewesen“. Rund um historisch belegte Fakten „habe ich die Lücken romanesk aufgefüllt“.

Bei einem seiner Besuche im Landshuter Staatsarchiv habe er auch ein Schreiben eines Wartenberger Jagdaufsehers an die Wittelsbacher aus dem 16. Jahrhundert gefunden. Darin habe sich der Verfasser über zerbröselnde Dachziegel beklagt und von den Fürsten Mittel für eine Neueindeckung erbeten. Für den kunstsinnigen Altbürgermeister war das ein Indiz für das hohe Alter des Gebäudes.

Überhaupt das Wittelsbacher Jagdhaus oder Alte Schulhaus: Sein 2002 geplanter Verkauf und Abriss war das einzige Mal, dass Weltrich eine selbst auferlegte Regel brach. Wenige Monate nach der Kommunalwahl, zu der er nach 18 Amtsjahren nicht mehr angetreten war, wollte er sich eigentlich nicht mehr in die Politik einmischen.

Als er jedoch als Nachbar des Jagdhauses dort zufällig eine Rathausabordnung mit einem Bauunternehmer bei der Besichtigung beobachtete, wurde Weltrich aktiv. „Ich bin dem Unternehmer sofort hinterher und habe ihn zur Rede gestellt. Der war so perplex, dass er alles verraten hat.“ Es folgte eine Jahre lange Schlacht mit einem Bürgerentscheid und einer Bürgerbefragung. Mit seiner ganzen Wortgewalt mischte Weltrich anfangs kräftig mit.

Jahrzehnte des politischen Kampfs

Seine rhetorische Brillanz und auch Schärfe kannten die Wartenberger damals noch allzu gut. 1984 bis 2002 war der studierte Apotheker Bürgermeister gewesen. Mitglied im Marktgemeinderat war er seit 1966 gewesen (bis zur Gründung der FWG Wartenberg 1971 noch für die CSU). Es folgten Jahrzehnte erbitterter Konkurrenz zwischen den Christsozialen auf der einen sowie Freien Wählern und SPD auf der anderen Seite. Bei gewissen Reizthemen (der eigene Brunnen für Pesenlern, Medienzentrum, Altes Schulhaus) ist unter alten Haudegen der Wartenberger Kommunalpolitik beider Lager der Groll noch immer nicht verflogen. Weltrichs wichtigster Gegenspieler im Marktrat war zuletzt der nicht minder gewieft und hart streitende Alfred Dreier (CSU).

„Als Bürgermeister muss man kämpfen“, meint Weltrich. So habe er sich mit der Regierung von Oberbayern im Clinch befunden. Die ab 1984 zehn Jahre dauernde Ortskernsanierung sei ein „ewiger Kampf“ gewesen. „Das ging teilweise nur, indem ich einen Spaltpilz zwischen Regierung und Ministerium gebracht habe“, erzählt der Polit-Fuchs mit einem Schmunzeln. „Der größte Fehler wäre, Dinge von Ministerien oder Behörden einfach zu akzeptieren.“ Als gewählter Volksvertreter habe man eine ganz andere Sichtweise. „Beamte muss man a bisserl aus dem Gleichgewicht bringen.“

Weltrich zählt selbstbewusst Erfolge seiner Amtszeit auf: unter anderem Erschließung und Grunderwerb fürs TSV-Sportzentrum, Kauf des jetzigen Rathauses, Umbau der vorigen Verwaltung zum Medienzentrum und vor allem, dass es ab 1991 wieder eine Grundschule in der Marktgemeinde gab.

„Der aktuelle Gemeinderat scheint in Ordnung zu sein“, meint der Altbürgermeister. „Ich vermisse aber etwas, dass mehr gestritten wird. Wir haben früher noch versucht, unsere Ideen durchzusetzen.“ Er verstehe schon, dass nun mehr Einvernehmen hergestellt wird. „Aber ich wäre nicht der Richtige dafür.“

In dieser politischen Harmonie würde sich Weltrich also nicht mehr ganz so wohl fühlen. Und auch das Lebenskapitel als Romanautor hat er abgeschlossen. Einen Verlag habe er ohnehin nicht finden können, seine Werke erscheinen bei Books on Demand und werden bei Bedarf einzeln gedruckt. „Ich glaube, das war jetzt das letzte Buch. Die Wartenberger Geschichte habe ich aufgearbeitet.“

Jetzt muss er Klavier üben

Weltrichs aktuelles Projekt ist wieder die Musik. „Wir machen ein neues Opernforum und zwar in der Urbesetzung.“ Das letzte Opernforum war 2001. Nun muss der Altbürgermeister kräftig Klavier üben. Er gibt zu: „Die Finger laufen nicht mehr so.“ Die Neuauflage der in den 1980ern begonnenen Veranstaltungsreihe wird am 19. Februar im Kleinen Saal der Strogenhalle stattfinden. Stephanie Weltrich-Streit, Helga Lechner und Werner Perret singen, Birgit Rommel spielt Querflöte. Gustav Weltrich begleitet sie am Flügel und spricht über die Arien, Duette und Terzette unter dem Motto „Mister Papageno“. Seine monatlichen Besuche im Seniorenzentrum, wo er mit Norbert Hartmann meist Volkslieder vorträgt, laufen da nebenher.

„Wenn ich einen Wunsch zum Geburtstag äußern dürfte, dann, dass alles so bleibt.“ Daher will er auch keine materiellen Geschenke. Die Gäste des Empfangs für den Ehrenbürger im Gasthaus Reiter am Montagabend werden stattdessen um eine Spende für den Kulturmarkt Wartenberg gebeten. Diesen Wunsch hegt der jeweils zweifache Vater und Großvater aber vor allem in Bezug auf seine Ehe und auf seine Gesundheit.

Denn einen ernsten Warnschuss hat Weltrich bereits bekommen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag vor drei Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. Die exzellente Behandlung durch Dr. Lorenz Bott-Flügel und die weitere gute Betreuung im Klinikum Erding seien sein Glück gewesen, sagt er.

Apotheker-Familie hält zusammen

Am Donnerstag fahren der dann 80-Jährige und seine Frau Ingrid nach Reichenhall, wo sie aufgewachsen ist. Dort will der Jubilar mit seinen Töchtern Stephanie und Veronika sowie deren Familien feiern.

Kennengelernt hatte der Wartenberger die junge Reichenhallerin Ingrid Stelzner beim Pharmaziestudium in München. Sie heirateten 1963. Erst diese Ehe zweier Berufskollegen – und später die Übernahme des Geschäfts durch Tochter Stephanie – ermöglichte Gustav Weltrich ab 1984 seine Arbeit als ehrenamtlicher Bürgermeister. „Wir hatten früher in der Apotheke ja ständige Dienstbereitschaft – 24 Stunden an sieben Tagen.“

Dieser Stress ist nun vorbei. Auch wenn er vor allem die politische Auseinandersetzung etwas vermisse, gibt Weltrich zu: „Am 1. Mai 2002 ist eine Riesenlast von mir gefallen.“ Heute ist er glücklich, dass er die Konstitution hat, auf seinem steilen Hanggrundstück teilweise selbst zu mähen und im Winter den Gehweg zu räumen. Mit Stents und Herzkatheter in der Brust habe er sogar begonnen zu trainieren. „Ich war nie ein Sportler, aber jetzt strample ich täglich auf meinen Trimmrad.“ Jeden Nachmittag eine halbe Stunde. Dabei hört der Musik-Enthusiast den Klassiksender Bayern 4.

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