Viele, viele Bücher und noch einiges mehr haben (sitzend, v. l.) Sabine Schneider, Evelyn Humbert, (stehend, v. l.) Ulla Zehtner, Heidrun Häßner, Barbara Wolf und Monica Baumann vom Medienzentrum im Angebot.
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Viele, viele Bücher und noch einiges mehr haben (sitzend, v. l.) Sabine Schneider, Evelyn Humbert, (stehend, v. l.) Ulla Zehtner, Heidrun Häßner, Barbara Wolf und Monica Baumann vom Medienzentrum im Angebot.

Ein Rettungsanker in Corona-Zeiten - Bewegte politische Vergangenheit

Hier trifft sich Wartenberg zum Lesen: Medienzentrum feiert 20. Geburtstag

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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20 Jahre Medienzentrum Wartenberg: Wir blicken zurück auf eine politisch äußerst turbulente Anfangszeit und sprechen mit den beiden Leiterinnen.

Wartenberg – Längst ist es zu einer Institution geworden: Das Wartenberger Medienzentrum feiert heuer 20. Geburtstag – nach einer gerade anfangs äußerst bewegten Geschichte (siehe auch Kasten). Ausgerechnet im Jubeljahr spielt die Pandemie der Einrichtung bei den geplanten Feierlichkeiten übel mit. Dass das Lesen gerade in dieser schwierigen Zeit hilfreich sein kann, unter anderem das wissen Leiterin Ulla Zehtner (38) und ihre Stellvertreterin Sabine Schneider (57) im Interview mit unserer Zeitung zu berichten.

Frau Schneider, Sie sind seit fast 18 Jahren dabei, haben also fast die gesamte Geschichte des Medienzentrums miterlebt. Was bedeutet Ihnen nun der 20. Geburtstag?

Schneider: Ich finde, der Geburtstag bedeutet einiges –wir sind eine Bereicherung für den Ort.

„Medienzentrum“ klingt irgendwie imposanter als „Gemeindebücherei“.

Schneider: Aus der neuen Satzung ist der Begriff „Gemeindebücherei“ herausgefallen. „Zentrum“ trifft es ganz gut. Wir befinden uns mitten im Ort. Dort, wo früher das Rathaus war, ist ein zentraler Treffpunkt für viele Menschen, gerade für die älteren Bürger. Wir haben auch Tageszeitungsleser, die die Zeitung nicht abonniert haben, sie aber hier bei uns lesen und sich über die Nachrichten austauschen. Beliebt sind auch unser Strickcafé und das Bilderbuchkino.

Eine politisch äußerst bewegte Anfangszeit

„Von Bibel bis Bravo alles im Angebot“: So titelt unsere Zeitung nach der Eröffnung des Wartenberger Medienzentrums am 8. Dezember 2001. Vor allem über die Bibel im Büchereiregal freuen sich die beiden Pfarrer Michael Henger und Thomas Hegner, die die Einrichtung segnen.

Und das hat ordentlich Geld gekostet: Rund eine Million Mark verschlingen die Umbaukosten im ehemaligen Rathaus. Kultur in die Marktgemeinde bringen – das hat sich der damalige Bürgermeister der Freien Wähler, Gustav Weltrich, auf die Fahnen geschrieben. Den Kritikern der hohen Investitionen entgegnet er: „Es ist die Aufgabe von Gemeinden, ihren Bürgern ein Angebot zu machen.“ 150 000 Mark investiert die Gemeinde in die Anschaffung neuer Medien.

Erste Leiterin des Medienzentrums ist Gabriele Vogel, unterstützt wird sie von Jutta Paulini, Monika Neblich und Susanne Scheumaier. Bürgermeister Weltrich ist damals übrigens nicht nur wegen der vielen Bücher begeistert: Sogar „richtig guten Kaffee“ gebe es im Medienzentrum.

Um ihren Posten kämpfen muss Vogel 2005 und 2006. Bürgermeister Walter Rost (CSU) spricht der streitbaren Bibliothekarin eine fristlose Kündigung aus. Es ist der unrühmliche Höhepunkt eines wahren Kulturkampfs, der auch Jahre nach Eröffnung um diese vor allem aus Sicht der CSU zu teure Einrichtung tobt.

Der Anlass der Kündigung wirkt da wie die Fortsetzung dieser Scharmützel. Die Leiterin soll ihren Kindern 8,50 Euro Mahngebühren erlassen haben – für Rost und eine Mehrheit im Marktrat „schwere Untreue“. Vogel argumentiert im folgenden Arbeitsgerichtsprozess mit EDV-Problemen. Diese Gebühren seien – wie für viele andere Leser – erst verspätet storniert worden, weil die Bücher erst falsch gebucht waren. Vor Gericht zählen aber zunächst handwerkliche Fehler der Marktgemeinde, wegen der die Kündigung am Ende unwirksam ist.

Mit einer Demonstration machen Bürger ihrer Empörung Luft. Eine weitere Kündigung folgt – gegen die Vogel vor Gericht erneut siegt. Am Ende bleibt sie bis zur Übernahme durch Ulla Zehtner Leiterin. ta/mas

Damit geht aber coronabedingt aktuell nichts...

Schneider: Wir haben im Moment leider nur die Ausleihe auf Anmeldung. Zur Abholung packen wir für die Leute Wunschtüten oder bei Bedarf auch altersgerechte Überraschungstüten.

Wie groß ist der Bestand der Bücherei, wie viele Mitarbeiter zählt sie?

Zehtner: Mittlerweile sind es insgesamt 17 000 Medien im Regal: Bücher, Hörbücher Zeitungen, Zeitschriften, aber auch viele neue Angebote – von Experimentierkästen über Gesellschaftsspiele bis hin zu Tonie-Boxen. Wir haben sechs Mitarbeiterinnen, eine siebte hat gerade zum 1. April angefangen. Wir arbeiten alle in Teilzeit oder auf 450-Euro-Basis.

Was hat sich denn in den vergangenen 20 Jahren so alles geändert?

Schneider: So richtig viel eigentlich nicht. Die Leute kommen gerne hier rein. Klar lesen manche heute gerne E-Books, und es gibt mehr Medien wie eben die Tonies.

Wo suchen die Leser denn am häufigsten Ihren Rat?

Zehtner: Das sind Fragen wie: Das hat mir gut gefallen – was könnte ich in der Richtung noch lesen? Oder: Wie funktioniert die Onleihe, wie kann ich etwas herunterladen? Das braucht sehr, sehr viel Beratung. Es geht aber auch darum, etwa einem Elfjährigen, der nicht gerne liest, das Lesen schmackhaft zu machen. Wenn er beispielsweise gerne „Minecraft“ am PC spielt, wäre für ihn die Jugend-Handbuchreihe für Minecraft interessant zu lesen. Oder man versucht, über Hörbücher Zugang zur Literatur zu finden.

Lesen junge Menschen heute weniger als früher?

Zehtner: Nein. Es wird heute nur anders gelesen. Online, in den Sozialen Medien zum Beispiel. Ich glaube, junge Menschen lesen heute sogar mehr. Vielleicht werden heute aber weniger Bücher gelesen, das mag schon sein.

Was lesen Sie beide denn selber gerne?

Schneider: Ich lese derzeit viel über starke Frauen, zum Beispiel den Roman „Neuleben“, der in den 50er/60er Jahren spielt. Und natürlich Krimis. Zehtner: Durch die Bank alles und am besten mehrere Bücher parallel. Ich lese im Moment auch ganz viel meinen Kindern vor. Auf ein Lieblingsbuch kann ich mich nicht festlegen.

Sind Sie Nostalgikerinnen, die noch gerne ein Buch in der Hand halten, oder darf es auch ein kleiner Bildschirm vor der Nase sein?

Schneider: Ich muss zugeben, dass E-Books äußerst angenehm zu lesen sind. Und man hat was Leichtes in der Tasche. Das ist ein großer Vorteil. Zehtner: Auch ich nutze sehr oft den E-Book-Reader, das Tablet oder Handy. Das ist tatsächlich bequem. Der Trend geht übrigens auch ganz allgemein zur Onleihe.

Hat das gute alte Buch langsam ausgedient?

Zehtner: Das, was noch lange wichtig bleiben wird, sind Kinderbücher. Denn mit den Kindern liest man einfach Bücher – Bilderbücher etcetera. Die Hälfte unseres Katalogverzeichnisses machen aber mittlerweile die Online-Medien aus.

Wie viele Leser hat das Medienzentrum denn eigentlich?

Zehtner: Es sind insgesamt rund 1500. 522 Leser sind zwischen 0 und 20 Jahre alt, knapp 600 sind es im Alter zwischen 30 und 60.

Und wenn die alle ihre Bücher zufrieden zurückbringen, sind Sie alle glücklich?

Zehtner: Es gibt tolle Situationen, wenn die Leute kommen und sich sehr, sehr dankbar zeigen. Zum Beispiel viele Eltern an Weihnachten, als wir für die Kinder Überraschungstüten gepackt hatten. Das macht richtig Spaß.

Werden eigentlich ab und an Bücher gestohlen oder nicht mehr zurückgebracht?

Zehtner: Das ist hier in Wartenberg tatsächlich zu vernachlässigen. Verlust durch Diebstahl gibt’s hier kaum. Das habe ich in anderen Bibliotheken anders erlebt (Zehtner war wie berichtet unter anderem an diversen Bibliotheken in Finnland tätig, beispielsweise in der Nationalbibliothek in Helsinki; Anm. d. Red.).

Gestohlen bleiben könnte Ihnen sicherlich die Corona-Pandemie. Inwieweit wirkt sich diese aufs Jubiläumsjahr aus?

Zehtner: Wir hatten diverse Lesungen geplant, wir hoffen, dass die im September und Oktober geplanten stattfinden können. Zum Beispiel am 1. Oktober die Lesung von „Die Ludwig-Verschwörung“ mit Autor Oliver Pötzsch. Außerdem läuft gerade unser Malwettbewerb (siehe Textende), und wir planen im Sommer ein Fest auf dem Marktplatz, wo auch eine Band spielen soll. Das wäre am 3. Juli, es ist aber noch unklar, ob das geht. Ich hoffe, dass demnächst die Bilderbuch-Kinos und das Strickcafé wieder stattfinden können. Außerdem haben wir einen neuen Leseraum eingerichtet für Magazine und Zeitungen. Dort wollen wir dann auch ein Lesecafé ermöglichen. Auch die Kooperation mit Schulen und Kindergärten sollen irgendwann wieder verstärkt werden. Wenigstens haben wir derzeit das Glück, dass wir unsere Medien-Tüten anbieten können.

Wenn die eine oder andere Sache schon nicht stattfinden kann, kann so wenigstens gelesen werden.

Zehtner: Eine Leserin meinte kürzlich zu uns: „Sie haben mich durch diese schwere Zeit gerettet!“ Da schluckt man dann schon, das war echt schön.

Malwettbewerb:

Anlässlich seines 20. Geburtstags veranstaltet das Medienzentrum einen Malwettbewerb in drei Altersgruppen (bis 10, 14 und 100 Jahre). Gemalt werden soll ein Bild zum Thema „Was verbinde ich mit dem Medienzentrum?“. Malmittel und Größe des Bildes sind frei wählbar. Sämtliche Bilder ´werden im Medienzentrum ausgestellt. Einsendeschluss ist Dienstag, 13. April. Dann kann noch von 15 bis 17.30 Uhr abgegeben werden. Die drei Siegerbilder zieren die Büchertaschen des Zentrums, das diese anlässlich des Geburtstags anfertigen lässt.

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