„Sehr, sehr fleißig und begabt“: So beschreiben die Veits die kleine Devayani, die im Alter von gerade mal zehn Jahren an Corona gestorben ist.
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„Sehr, sehr fleißig und begabt“: So beschreiben die Veits die kleine Devayani, die im Alter von gerade mal zehn Jahren an Corona gestorben ist.

Gestorben an Covid-19

Indienhilfe verliert 100 Patenkinder an Corona: Wartenberger Ehepaar trauert um die kleine Devayani

  • Markus Schwarzkugler
    VonMarkus Schwarzkugler
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Es ist eine erschreckende Zahl: 100 Patenkinder der Indienhilfe Schritt für Schritt sind heuer bereits an Corona gestorben. So auch die kleine Devayani (10), an die sich ihre Wartenberger Paten erinnern.

Wartenberg – Keine Frage, die Corona-Pandemie ist hierzulande schon eine Katastrophe, ihre besonders hässliche Fratze zeigt sie aber in Ländern mit großer Armut. Der Wartenberger Willi Veit kann nur den Kopf schütteln: „Was jammern sie bei uns, wenn die Freiheit eingeschränkt wird? Wenn man das in Indien sieht, ist das richtig peinlich“, sagt der 71-Jährige frustriert. Aus seinen Worten spricht auch tiefe Trauer. Er und seine Frau Marianne haben ihr indisches Patenkind Devayani verloren. Die Zehnjährige ist an Corona gestorben. Die Veits hat als Paten der Indienhilfe „Schritt für Schritt“ längst kein Einzelschicksal ereilt. In diesem Jahr sind bereits 100 Patenkinder des Vereins in der Pandemie gestorben.

Eine schreckliche Zahl, die Monika Blechinger-Zahnweh unserer Zeitung mitteilt. „In den betroffenen Familien sind es insgesamt noch sehr viel mehr Tote“, berichtet sie. Blechinger-Zahnweh betreut für die Indienhilfe die Paten in und um Wartenberg. Allein dort zählt Schritt für Schritt gut 200. Insgesamt bringt es der Verein aus Tiefenbach im Kreis Landshut auf rund 5000 Patenschaften.

Bei dieser hohen Zahl folgt nun entsprechend eine Horrornachricht auf die nächste aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, auf den sich die Arbeit von „Schritt für Schritt“ konzentriert. „Es muss ziemlich heftig gewesen sein“, sagt Marianne Veit über das Schicksal der kleinen Devayani Kalesh. „Seit sie vier Jahre alt war, haben wir sie betreut. Sie wurde 2010 geboren und wäre am 16. Dezember elf geworden“, berichtet die Patin. Nach der Nachricht von ihrem Tod haben sich die Veits immer wieder Bilder der Kleinen angeschaut und gedacht: „Das kann doch nicht sein.“

Devayanis letzter Brief an ihre Paten.

Doch das Virus kannte kein Erbarmen. „Die ganze Familie war krank“, berichtet Marianne Veit. Zwischendurch war das Mädchen sogar umgezogen, „weil alle rundherum Corona hatten“. Alles umsonst. Die Mutter konnte das Krankenhaus schnell wieder verlassen, doch Devayani, ihr Bruder und der Vater lagen länger auf der Intensivstation. Letztlich überlebten auch Bruder und Vater. „Doch bei ihr hat nichts angeschlagen. Die Einäscherung war gleich am nächsten Tag“, sagt Marianne Veit. Sie kennt die Horrorbilder der Masseneinäscherungen im Land, die auch in deutschen Medien Thema gewesen sind und für Bestürzung gesorgt haben.

Eine Zeit lang hatten die Veits auf eine Nachricht aus Indien gewartet, wie es ihrer Devayani geht. Letztlich kam die erschütternde Nachricht von Schwester Kala, der unermüdlichen Ansprechpartnerin von „Schritt für Schritt“ vor Ort in Kerala: „She has passed away.“ Sie ist gestorben. Die Veits hatten zuvor noch Geld für Medizin nach Indien geschickt, um das Mädchen zu retten.

„Sie war sehr, sehr fleißig und begabt und hat uns stolz geschrieben, wenn sie gute Noten bekommen hat“, erinnert sich Marianne Veit an Devayani, die zuletzt die fünfte Klasse einer Eliteschule besucht hat, die unter maßgeblicher Hilfe von „Schritt für Schritt“ aufgebaut wurde.

Marianne und Willi Veit trauern um die kleine Devayani.

In regelmäßigen Abständen berichtet Schwester Kala von vor Ort. Ihre Briefe und die der Patenkinder übersetzen die Veits für die Paten, die des Englischen nicht mächtig sind, ins Deutsche. Folglich liest das Wartenberger Ehepaar eine schlimme Nachricht nach der nächsten. „Das ist schwer zu verdauen“, sagen die Veits. „Es sind Schilderungen, wie die Menschen dort sterben. Das ist nicht zu vergleichen mit unseren Zuständen.“ Trotz der schlimmen Verhältnisse würden die Kinder in ihren Briefen nicht jammern, sondern sich vielmehr dankbar zeigen für die Unterstützung der Paten oder beispielsweise, wenn wieder Homeoffice möglich ist. Ähnlich liest sich der letzte Brief Devayanis an die Veits, in dem sie ihren Paten abschließend alles Gute wünscht. Unter ihre Worte hat Devayani einen Fisch gemalt, nicht ahnend, dass es das letzte Bild für ihre Unterstützer in Deutschland sein würde.

Die Arbeit der Indienhilfe verfällt derweil nicht in Schockstarre. Es muss weitergehen. „Immer noch unterstützt Schritt für Schritt die Familien mit Lebensmitteln und Medikamenten, denn der mittlerweile 20-monatige Lockdown hat allen die Lebensgrundlage genommen. Die Tagelöhner dürfen weiter keiner Arbeit nachgehen“, berichtet Blechinger-Zahnweh. Wie die Veits erzählen, muss selbst zuhause doppelt Maske getragen werden, man dürfe das Haus nicht einfach so verlassen. Sonst würden drakonische Strafen fällig wie zum Beispiel das Monatsgehalt des Vaters.

Außerdem breite sich, einhergehend mit dem Virus, der Schwarze Pilz aus. Laut Apotheken-Umschau wurden verstärkt in Indien Fälle der seltenen Pilzerkrankung unter Covid-19-Patienten und Genesenen registriert. Eine laut Premierminister Narendra Modi zusätzliche Herausforderung für das 1,3-Milliarden-Land, das besonders von Covid-19 betroffen ist. Allein im Bundesstaat Maharashtra sind bis August 1200 Menschen an der sogenannten Mukormykose gestorben.

„Einziger Lichtblick ist, dass nach 20 Monaten Schulschließung zum 1. November wieder ein Teil der Patenkinder zurück in die Schule durfte“, berichtet Blechinger-Zahnweh. Die Organisation „Sternstunden“ habe für notleidende Familien 100 000 Euro gespendet – „ein Betrag, der 7000 Familien bis Jahresende das Überleben sichert“.

Check der Körpertemperatur: Schwester Kala (l.) bei einer morgendlichen Kontrolle in einer indischen Schule.

Laut Schwester Kala bekommt jedes Schulkind ein 100-Milliliter-Handdesinfektionsmittel und einen halben Liter abgekochtes Wasser. Das solle die Kinder nicht nur vor Halsinfektionen schützen, sondern auch vor anderen durch das Wasser übertragenen Infektionen, zudem wird die Körpertemperatur gemessen. Der Wissensstand der Schüler ist wenig überraschend nicht gerade hoch. „Manche haben sogar das Alphabet vergessen und müssen von ganz vorne anfangen“, so Schwester Kala.

Spendenkonto:

Schritt für Schritt – Hilfe mit System: GLS-Bank München, DE57 4306 0967 8236 2178 00. Infos zum Verein unter www.wirhelfenindien.de.

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