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So fing alles an für Michael Paulini im Wartenberger Marktrat an. Das Bild zeigt ihn bei seiner Aufnahme ins Gremium durch Bürgermeister Gustav Weltrich (l.).

Interview

Der kritische Geist des Wartenberger Marktrats: Michael Paulini ist seit 30 Jahren dabei

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Er ist ein echtes Wartenberger Urgestein. Und auch aus dem Marktrat ist er quasi nicht wegzudenken: Seit mittlerweile 30 Jahren vertritt Michael Paulini die SPD im Gremium. Dafür wurde er nun in der jüngsten Sitzung von 3. Bürgermeister Christian Pröbst mit einem kleinen Präsent der Marktgemeinde ausgezeichnet. Paulini spricht im Interview unter anderem über unschöne „Judas“-Rufe und die kuriosesten Erlebnisse im Gremium.

Wartenberg– Am 19. Juli 1989 wurde der heute 57-Jährige vom damaligen Bürgermeister Gustav Weltrich in den Marktrat aufgenommen. „Seitdem übst du das Amt vorbildlich aus. Ich hoffe, dass du uns noch lange erhalten bleibst“, sagte Pröbst zu Paulini. Der Geehrte meinte dazu: „Es werden keine weiteren 30 Jahre folgen, aber die Leidenschaft bleibt.“ Das darf man dem engagierten Rat, der für seine kritischen Nachfragen bekannt ist, definitiv glauben.

Paulini ist Diplomingenieur in Elektrotechnik, hat zwei Kinder. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Aktien und Fonds. Zur Entspannung musiziert er gerne mit seinen Didgeridoos, geht auf Konzerte der unterschiedlichsten Stilrichtungen, befasst sich freilich auch mit Politik im Allgemeinen. Und hat sogar noch Zeit, unserer Zeitung ein Interview zu geben.

Herr Paulini, Sie sind jetzt 30 Jahre im Marktrat. Wie hält man’s so lange in einem Gremium aus?

Es war immer wieder spannend, und es gab im Gemeinderat immer wieder neue Herausforderungen mit unterschiedlichen Besetzungen. Bei allen gegensätzlichen Meinungen ging es stets darum, gemeinsam unseren Ort zu entwickeln. Und spannend ist natürlich auch, meine Grundüberzeugung von Solidarität mit in den Entscheidungsprozess mit aller Leidenschaft einzubringen. Und wo kann man das besser als in der Kommunalpolitik?

Was war das kurioseste Erlebnis in einer Sitzung?

Kurios wurde es immer dann, wenn ein Abstimmungspatt entstanden ist, weil meines Erachtens die Reihenfolge der notwendigen Abstimmungen nicht eingehalten wurde. Da musste ich immer nach innen schmunzeln. Da hatte der jeweilige amtierende Bürgermeister die Eigendynamik des Gemeinderats unterschätzt.

Ein Beispiel gefällig?

Für 30 Jahre im Marktrat gab es für Michael Paulini (r.) ein kleines Präsent von 3. Bürgermeister Christian Pröbst

Was schon länger zurückliegt, ist die Abstimmung zum kunstschmiedenen Gemeindewappen beziehungsweise Drachen, der am Rathaus angebracht ist. Über mehre Sitzungen hinweg gab’s keine Mehrheit. Manche wollten überhaupt nichts, anderen war’s zu teuer, und wieder andere wollten keinen Drachen. Kein leichtes Unterfangen.

Was war das traurigste Erlebnis?

Die traurigen Momente war der Verlust von Gemeinderatsmitgliedern, die in der Wahlperiode verstorben sind. Ich denke an den von mir sehr geschätzten Jürgen Hopf, der viel zu früh verstorben ist. Aber auch an Hans Nikolau, bei dem ich über viele Jahre lernen durfte, mit welcher Akribie er Themen durchdrang und mit welcher Vehemenz er sich für Menschen und für die gerechte Sache einsetzte.

Ihr größter Erfolg im Marktrat?

Ich würde nicht von Erfolgen reden. Mir war es immer wichtig, neue Themen und Missstände aufzugreifen. Realistische Ziele zu setzen und den Weg bis dahin aufzuzeigen. Dazu gehören beispielsweise Tempo-30-Zonen in den Wohngebieten, die Umstellung der Straßenbeleuchtung und der Strogenhallen-Beleuchtung auf LED-Technik, Messungen von Ultrafeinstaub, die Erstellung einer Investitionsliste nach Prioritäten und nicht zuletzt auch die Barrierefreiheit in Wartenberg.

Die größte Niederlage?

Das war sicherlich die finale Sitzung, als es um die Erweiterung der Feuerwehrgebäude ging. Das muss 2005 gewesen sein. Ich war absolut überzeugt und bin es immer noch, dass ein neuer Standort die zukunftsweisende Alternative gewesen wäre. Leider wurde das nicht einmal in Betracht gezogen. Aus Protest habe ich damals vor der Abstimmung die Sitzung verlassen, was dann mit versteckten „Judas“-Rufen von dem einen oder anderen Zuhörer quittiert wurde. So durfte ich auch die emotionalen Schattenseiten der Kommunalpolitik kennenlernen.

Was schätzen Sie am Wartenberger Gremium, was stört Sie schon immer?

Bei allen unterschiedlichen Positionen haben wir doch alle Respekt vor der Meinung des Einzelnen. Auch den fairen Umgang und das gemeinsame Ziel, unseren Ort stetig zu verbessern – auch, wenn der Weg zum Ziel manchmal doch sehr unterschiedlich ausfällt. Zuweilen bin ich halt ziemlich ungeduldig, und dann nervt es mich ungemein, wenn einfachste Fragestellungen endlos diskutiert werden. Außerdem mag ich es nicht, wenn Entscheidungen aus politischem Kalkül hinausgeschoben und verzögert werden.

Zum Beispiel?

Meine Anfrage im Sommer 2012, ob die Sanitäranlagen am Thenner Weiher noch zeitgemäß seien und nicht einer Grundrenovierung bedürften, wurde von den Verantwortlichen im Landkreis rundweg abgelehnt. Ein knappes Jahr später gab’s eine Besichtigung mit Landrat inklusive CSU-Ortverein. Tja, und plötzlich war alles marode und musste noch vor der Kommunalwahl renoviert werden. Ich glaube, das war selbst den Beteiligten peinlich, weil es doch mehr als offensichtlich war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wäre ein Bürgermeisterposten nicht mal was gewesen?

Ab und an habe ich tatsächlich darüber nachgedacht. Das hätte sicherlich einen gewissen Charme gehabt. Das eine oder andere lernt man in der freien Wirtschaft in einer leitenden Funktion dann doch. Und sei es nur, wie man Mitarbeiter über Wertschätzung und Vertrauen motiviert und damit einen Teamspirit erzeugt, um so gemeinsam mehr zu erreichen als die Summe jedes Einzelnen. Aber im Grunde bin ich ein begeisterter Ingenieur, der viel zu gerne an der Gestaltung von individueller und innovativer Mobilität der Zukunft beteiligt sein möchte.

Wie viele Jahre dürfen’s noch sein im Gremium?

Für die nächste Wahlperiode trete ich nochmal an. Und alles Weitere wird sich dann ergeben. Das hängt auch vom gesundheitlichen Zustand ab. Aber auch von der inneren Überzeugung, noch Dinge in Bewegung setzen und neue Impulse für unseren Ort geben zu können. Die zukünftigen Herausforderungen werden vielfältiger und komplexer als alles bisher Dagewesene. Und dazu gehört nicht, sich im Klein-Klein zu verlieren, sondern geeignete Strategien aufzustellen, unter Mitwirkung der Bevölkerung. Wie schaffen wir es zum Beispiel, neue Wohngebiete zu planen, die klimaneutral funktionieren? Ein wirklich großer Sprung wäre allerdings, die gesamte energetische Selbstversorgung von Wartenberg inklusive der notwendigen Lade-Infrastruktur zukünftiger Elektrofahrzeuge.

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