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Auch hier gibt’s das Fach: Özlen und Levent Balci vor der Carl-Orff-Grundschule in Altenerding. 

Wartenberger Lehrer-Ehepaar freut sich und betont den Fokus auf Integration

Islam wird Wahlpflichtfach: „Wir sind keine Imame“

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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Zwölf Jahre hat es gedauert, bis aus dem Modellversuch ein Wahlpflichtfach geworden ist: Die bayerische Staatsregierung gibt dem Islamunterricht eine dauerhafte Perspektive. Das sorgt unter anderem bei einem Wartenberger Ehepaar für Freude.

Wartenberg/Landkreis – Özlen (48) und Levent Balci (55) unterrichten das Fach an Grund- und Mittelschulen im Landkreis Erding. „Das ist schön – eine Zukunftssicherung nicht nur für uns Lehrer, sondern auch für die Kinder“, sagt Levent Balci.

Er bedankt sich beim Erdinger Schulamt für die Unterstützung und auch bei der Staatsregierung. Sie zeige damit „Wertschätzung für muslimische Kinder, für Gleichberechtigung“. Wer sich in der ersten Klasse zum Islamunterricht anmelde, wisse nun, dass er bis zum Ende seiner schulischen Laufbahn in Islam unterrichtet werde. Bislang habe über den Unterricht jedes Jahr neu entschieden werden müssen. Was Balci auch freut: Es wird in dem Fach künftig Abschlussprüfungen geben, was derzeit noch nicht der Fall ist.

Im Landkreis sind nur vier Islamlehrer tätig

Levent Balci lehrt an den Grundschulen in Altenerding, am Ludwig-Simmet-Anger in Klettham, außerdem an der Grund- und Mittelschule am Lodererplatz. Seine Frau ist für die Grund- und Mittelschüler der Marie-Pettenbeck-Schule in Wartenberg tätig, außerdem an den Grundschulen in Altenerding und am Grünen Markt sowie an der Altenerdinger Mittelschule. Neben den Balcis wirken im Landkreis gerade mal zwei weitere Islamlehrer: Murat Demir aus München und der Niederbayer Ahmet Demirez. Die beiden unterrichten an diversen Grund- und Mittelschulen in Taufkirchen, Dorfen und Klettham.

„Wir sind keine Imame“, betont Levent Balci, der der Befürchtung widerspricht, das Fach sei bloße Koran-Lehre. „Die Werteerziehung ist sehr wichtig. Dabei geht es auch um moderne Werte, die wir im 21. Jahrhundert brauchen“, so der 55-Jährige. Zudem gehe es um Integration. Der Unterricht werde auf Deutsch abgehalten, „die Schüler lernen Begriffe wie Solidarität“.

Freilich gehe es im Unterricht auch um die islamische Geschichte, ums Beten. Doch es würden auch Vergleiche zu anderen Religionen gezogen, beispielsweise aktuell zur Fastenzeit der Christen. Zudem gehe es um den Erhalt der Schöpfung – um Natur und Tiere, aber auch ganz einfach ums Wasser- oder Stromsparen. „Auch das will Gott von uns“, sagt Balci.

Bayernweiter Ausbau des Fachs ist nicht so ganz einfach

„Das ist ein zeitgemäßes Angebot, ich find’s super“, sagt Michael Braun zufrieden. Er leitet die Wartenberger Schule und ist stellvertrender Kreisvorsitzender des BLLV, der Gewerkschaft der Grund- und Mittelschullehrer. An seiner Schule wird jahrgangsstufenübergreifend Islam unterrichtet. Wer bislang als Muslim eine Abschlussprüfung schreiben wollte, der musste das in Ethik tun. „Das macht doch keinen Sinn“, findet Braun.

16 000 der 163 000 Schüler muslimischen Glaubens in Bayern besuchen das Unterrichtsfach derzeit – zumeist an Grund- und Mittelschulen, denn am Modellversuch nahmen nur vier Realschulen und drei Gymnasien teil, davon keine aus dem Kreis Erding. Im Unterschied zum katholischen oder evangelischen Religionsunterricht ist das Wahlpflichtfach als staatliches „nichtkonfessionelles“ Angebot zu sehen. Es soll nun fleißig ausgebaut werden, was nicht ganz einfach wird. Als erster Richtwert wurde im Kabinettsbeschluss die Zahl von 350 Schulen genannt – also sogar weniger als jetzt am Modellversuch teilnehmen. Das waren nämlich 364 Einrichtungen.

Derzeit gibt es nur rund 100 Lehrer in Bayern, die den Unterricht zumeist an mehreren benachbarten Schulen anbieten. Und eben nur vier im Kreis Erding. Levent Balci glaubt, dass der bayernweite Ausbau „ein bisschen dauern wird“. Einige seiner Lehrerkollegen seien aus dem Freistaat in andere Bundesländer abgewandert, weil dort die Zukunft des Islamunterrichts längst gesichert gewesen sei. „Aber jetzt haben wir auch in Bayern eine Perspektive.“ Deswegen ist Balci mittelfristig optimistisch.

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